— Ich darf also schließen, dass du jetzt nicht mehr mit diesem kompositorischen Dummbeutel zusammen bist?
— Oh, nein, nein, warte … wir beide sind nicht zusammen, sagte Walter, und sein Zeigefinger wanderte entschuldigend und beteuernd zwischen ihm und mir hin und her. Aber mit Colin bin ich auch schon lang nicht mehr –
— Hab ich mir schon gedacht. Und danach?
— Kennst du nicht.
— Kenne ich nicht? Also jemand, den ich kenne.
— Nein.
— Ich hab gleich gemerkt, sagte Dieter, dass der formschöne Besuch, den du mir da mitgebracht hast, nicht zur Truppe gehört.
— Wie?
— Weißt du, warum? Er passt ständig auf seinen Rücken auf! lachte Dieter und schüttelte mich wieder an den Schultern. Na gut, na gut, fuhr er fort, ich kenne ihn also nicht, sagst du. Aber zumindest den großen Joachim Hutmek kenne ich. Dem geht’s ja nicht besonders gut, wie man hört. Schreibt Broschüren und anderer Leute Vorträge und so einen Unsinn.
— Broschüren? fragte Walter. Was für Broschüren?
— Ach, du weißt schon. Diese dummen Heftchen, die man in Wartezimmern findet. Was weiß ich … Ich habe Krebs, was jetzt? Verwenden Sie Kondome . Oder: Wie Sie Ihre Coming-Out-Szene überleben .
— Im Ernst?
Walter schien über diese Neuigkeiten sehr betrübt.
— Ich hab selten einen so armseligen Idioten getroffen, sagte Dieter hinter vorgehaltener Hand.
— Von wem redest du?
Ein anderer Mann hatte das Zimmer betreten. Er war schmächtig und trug einen jugendlich schütteren Vollbart. Im Unterschied zu Dieter sah man ihm nicht auf den ersten Blick an, dass er homosexuell war.
— Nicht von dir, sagte Dieter. Von Joachim, wenn’s dich interessiert.
— Oh.
— Ganz genau: Oh .
Dieter machte eine entschuldigende Geste in die Runde, als wollte er sagen: Jetzt geht das wieder los .
— Man muss ihn einfach lieb haben, sagte der Mann. Geht gar nicht anders. Erst gestern hat er mir ein Gedicht gezeigt, wo’s darum geht, was wäre, wenn er nicht geboren worden wäre. Das war total poetisch!
— Und, was wäre? fragte Dieter mit betontem Desinteresse.
— Er schreibt, dass der Leser, also du , unter Anführungszeichen, in diesem Fall ganz woanders wäre.
— Klar.
— Und das schließt natürlich jede Menge Möglichkeiten ein. Vielleicht würdest du gerade von einer Leiter fallen oder bei etwas so Unsinnigem wie einem Theaterbrand umkommen.
— Aha.
— Jedenfalls läuft alles irgendwie darauf hinaus, dass er dem Leser das Leben rettet, zumindest in einer der vielen möglichen Parallelwelten.
— So ein Unsinn. Und damit vertut er seine Zeit?
— Und mit Broschüren, sagte Walter.
— Seine Reden sind besser, sagte Franz.
— Er verdient deine Ehrenrettung gar nicht, belehrte ihn Dieter. Aber jetzt kommt bitte weiter, genug Vorspiel für heute.
— Franz, stellte sich mir der dritte Mann vor. Seid ihr –
Und wieder spielte ein viel sagender Zeigefinger Pingpong zwischen Walter und mir.
— Nein, sagte ich. Wir kennen uns nur schon sehr lang.
— Okay, sagte Franz.
Dabei nickte er, als sei das die interessanteste Information, die er seit langem erhalten hatte.
Wir setzten uns um einen großen Tisch in der Küche.
— Kuh, machst du uns bitte einen Kaffee sagte Dieter zu Franz.
— Ich heiße nicht Kuh, sondern Q, sagte Franz.
— Hab ich doch gesagt, sagte Dieter. Q. So wie der Buchstabe.
— Ich hör den Unterschied genau. Außerdem ist das mein Künstlername.
— Kaffee, sagte Dieter. Milch-Q.
— Wir hätten allerdings noch Wein, sagte Franz.
— Kaffee, wiederholte Dieter. Wir wollen uns doch nicht betrinken, Kuh, zumindest jetzt noch nicht. Darfst du überhaupt trinken mit deiner Verletzung?
Wieder ein Zeigefinger, diesmal freundlich auf mich gerichtet.
— Ich glaub schon, sagte ich.
— Die Weinkoster, sagte Franz. Hab ich schon einmal erzählt, wie die das machen?
— Bitte nicht, sagte Dieter.
— Die nehmen alle einen Schluck, prüfen den Wein, bilden sich ein Urteil und spucken den Wein wieder aus, in einen eigens dafür bereitgestellten Eimer. Und am Ende ist der Eimer randvoll. Hinterher wird der Inhalt des Eimers in Flaschen abgefüllt und der nächsten Runde von Weinkostern aufgetischt. Die wiederholen dann das Ritual: kosten, urteilen, ausspucken. Und so geht’s ewig weiter. Der dicke, saure Saft im Eimer ist immer derselbe, und längst weiß kein Weinkoster mehr, wie Wein tatsächlich schmeckt. Hin und wieder, vielleicht einmal in zehn Jahren, mitten in der erlesenen Verkostung, befällt einen von ihnen eine unerklärliche Sehnsucht nach echtem Geschmack. Und er traut sich und schluckt den Saft, der nach fremden Halsentzündungen und Goldzähnen schmeckt.
— Und fällt tot vom Sessel, sagte Dieter.
Was zum Teufel machte ich hier? Walter schien sehr glücklich. Das waren seine Freunde. Er hatte sie zwar, wie es schien, eine Weile nicht mehr gesehen, aber es waren seine Freunde. Ich schaute auf die Uhr. Ich hatte eigentlich im schönen, weißen Aufenthaltsraum des leeren Krankenhauses fernsehen wollen. Jetzt würde ich alles verpassen.
— Ah, ich kann ihn gar nicht ansehen, sagte Dieter in meine Richtung und schirmte sein Gesicht theatralisch mit einer Hand ab. Dieses verletzte Gesicht. Er sieht ein bisschen aus wie Julian, findest du nicht, Kuh?
— Leck mich, sagte Franz.
— Ich weiß auch nicht, was das ist, aber ich bin heute voll auf Mitleid, sagte Dieter.
— Auf was? fragte Walter.
— Ich mein’s ernst. Vollkommen, ich … ich heul hier gleich los, verstehst du?
— Spinnst du jetzt? sagte Franz, der endlich herausgefunden hatte, wie die Kaffeemaschine funktionierte.
— Gleich kommt die Heulboje.
— Um Gottes willen, sagte Franz, geh auf die Toilette, wenn du weinen willst. Aber nicht hier am Tisch.
— Doch, doch, ich mein’s ernst, beharrte Dieter auf seinem Standpunkt, den niemand angezweifelt hatte. Es fehlt wirklich nur mehr der letzte Tropfen. Wenn jemand Time to say goodbye singen würde zum Beispiel.
— Na gut. Goodbye.
Franz winkte theatralisch.
— Nein, die Arie.
— Kenn ich nicht, sagte Franz. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde.
Wieder der schnell hin und her wandernde Zeigefinger, diesmal zwischen Boden und Zimmerdecke.
— Du kennst Time to say goodbye nicht? fragte Dieter entsetzt.
— Hörst du nicht zu? Zwischen Himmel und Erde gibt es –
— Du hast ja von nichts eine Ahnung, du bist total, ich meine … also ich hab wirklich Mitleid mit dir!
— Und? Fängst du jetzt zu flennen an? sagte Franz.
— Das glaub ich einfach nicht, seufzte Dieter, er kennt Time to say goodbye nicht, sagte er. Verrückt. DJ Dummkopf!
— Weißt du, was Mitleid ist? sagte Franz. Vergeben. Jemandem vergeben.
— Jetzt geht das wieder los.
— Stell dir vor, du streitest mit Jesus. Er, der Leidensmann am Kreuz, mit diesem schmerzverzerrten Gesicht, das ständig etwas beleidigt zur Seite gedreht ist, als würde er das ganze Ungeziefer auf Erden nicht mehr ertragen. Und du stehst da vor ihm, brüllst ihn an: Wie kann ein Gott das alles zulassen und so weiter, diesen ganzen Wahnsinn hier unten, wenn doch alles Sein Wille ist … ja … Seine Imagination, Sein Traum, hier, dieser ganze Planet und alles drum herum, ja, was bildet Er sich ein? Aber der am Kreuz hängt nur da, sagt nichts, stellt sich tot. Und du wirst natürlich sauer, dieses ganze vernunftwidrige Schweigen steht dir bis hier, ja, bis hier — und du schreist ihn an: Weißt du was? Ich werde dir sagen, was du für mich bist! Soll ich’s dir sagen? Ja? Du existierst für mich nicht mehr! Du, du bist für mich gestorben!
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