Clemens Setz - Die Frequenzen

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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Dieter räusperte sich amüsiert.

— Hab ich’s nicht gesagt? maulte Franz. Keine Spur witzig!

Ich setzte mich wieder hin.

— He, wie viele Nussknacker braucht man, begann Dieter –

— Hör auf, sagte Franz sehr ernst.

Ich hatte ihn durch meinen kurzen Auftritt offenbar aus dem Konzept gebracht. Die Stimmung verdorben. Was auch immer.

— Gut, keine Witze mehr, sagte Dieter. Aber du kannst sagen, was du willst, ein Nussknacker ist und bleibt ein erotisches Objekt.

— Stimmt. Mund auf, Mund zu, sagte Franz sarkastisch. Und dann noch dieser praktische Hebel am Rücken.

— Nein, ich meine diese Husarenuniform. Davon bekomme ich immer ganz glitschige Handflächen. Und wenn er dann noch ein bisschen übergewichtig ist. So wie dein Dichter.

— Joachim hat abgenommen, sagte Franz. Ich hab vor kurzem einen Vortrag gelesen, den hat er für irgendeine abgehalfterte Ernährungsberaterin geschrieben. Ein elendslanges Geschwafel mit dem Titel Über Selbstbestimmung . Natürlich hat er sich das meiste einfach aus den Fingern gesogen. Kein schlechter Beruf, die hat ihm ein Schweinegeld dafür bezahlt, fünfhundert Euro. Jedenfalls beschreibt er darin, wie er seine Kilos verloren hat. Und jetzt schaut er wirklich gut aus, du solltest ihn sehen –

Ein Korken, der lange in einem engen Hals festgesteckt war, riss sich los und knallte durch meinen Schädel. Alle starrten mich an.

— Was denn, was ist denn jetzt wieder? erhob sich Dieter. Walter, was zum Teufel ist los mit dem?

Ich war wieder aufgestanden. Meine Hand zitterte.

— Ich muss dann gehen, sagte ich. Haha.

— Ganz ruhig, sagte Dieter, setz dich wieder hin.

— Hahaha, sagte ich.

Eine unbeherrschbare Wut blies sich in mir auf wie Popcorn in dem Mikrowellenbeutel.

— Warte, sagte Walter.

— Warte, warte, wiederholte ich zerstreut. Nein, ich bin sowieso schon viel zu spät dran.

— Aber wir waren doch gerade dabei, das Thema zu wechseln, sagte Franz enttäuscht. Darf ich jetzt nicht einmal mehr –

Er verstummte.

Meine Faust war auf den Tisch geknallt. Der Schmerz, der durch die gekrümmten Finger strömte, war köstlich und erfrischend, wie der erste Löffel aus einem eiskalten Joghurt.

Erst als sich die Tür hinter mir schloss, erlaubte ich meiner Faust, sich langsam zu öffnen.

Draußen hatte sich der Himmel verfinstert. Schwarz und verbittert hing er über der Stadt. Ich steckte die Hände in die Tasche. Eine Weile sah ich, während ich so dahinging, nur auf die Straße, Schattierungen von Grau, denen jeder Städtebewohner ausgesetzt ist. Auf den Stromleitungen saßen Vögel und unterhielten sich. Und weiter entfernt, in Richtung der Inneren Stadt, zog über den trägen Gewitterhimmel ein kleines flatterndes Etwas, ein mechanischer Vogel vielleicht, eine Schwalbe, ein verirrter Papierdrachen, ein Modellflugzeug mit beweglichen Flügeln, oder ein Bote des Todes: eine kleine, entflohene Lesebrille auf dem Weg in den Süden.

Der Zeitsprung

Steiner taumelte mit blutverschmierter Hand in seine Wohnung und brach erschöpft am Küchentisch zusammen.

Tollwut! Tollwut! — Das entsetzliche Wort geisterte durch seinen Kopf, durch seine Nerven, ein wahnsinniger, brennender Kreisel, der sich immer schneller drehte.

Auf seiner Wange waren Tränen getrocknet und er hatte Schwierigkeiten beim Atmen. In seiner Panik vergaß er sogar, seine Schuhe auszuziehen. Er hinterließ kleine, braune Spuren auf dem Teppich und dem Linoleumboden. Er schwitzte und hatte Angst — das waren die ersten Zeichen, ach, warum war er nicht zuhause geblieben, warum musste er diese Spaziergänge machen, die ihn ja doch nie irgendwohin brachten, wo es ein wenig leichter und ordentlicher zuging, ach, wie er schwitzte. Als ginge er im Fasching als Träne.

Er musste lachen. Das war ein witziger Vergleich.

Die Tageszeitung, über die er seine blutige Hand hielt, war voller roter Tropfen. Sein Blick fiel auf die Schlagzeile: Skandalwerbung macht sich lustig über Sterbende — Verantwortlichen droht Prozess . Sterbende, das Wort war ein düsterer Wegweiser in die Zukunft. Steiner spürte, dass ihm eiskalt wurde, und er sprang auf, widerstand nur mit Mühe dem Bedürfnis, sich mit beiden Händen die Haare zu raufen, und lief zum nächsten Wasserhahn. Dabei kam er im Flur an seinem Kalender vorbei. Er zeigte immer noch den gestrigen Tag! Natürlich, das musste es sein, nun war alles klar. Jeden Tag der letzten zwanzig Jahre hatte er immer morgens abgelöst (er bevorzugte entschieden Tageskalender; Darstellungen einer ganzen Woche hatten in seinen Augen etwas Ausschweifendes und Überflüssiges), aber heute musste er es vergessen haben, dachte er verwirrt. Er schüttelte den Kopf. Er hätte sich ohrfeigen mögen, wäre nicht seine rechte Hand blutverschmiert gewesen.

Auch das Kalenderblatt konnte er nicht mit links abreißen. Er tat es sonst immer mit rechts. So gut es ging, wusch er sich im Bad die Hand, die, nachdem das Blut abgewaschen war, eine Reihe von Löchern präsentierte, kleine, beleidigte Öffnungen. Er wickelte die Hand in ein großes Papiertaschentuch, dann ging er schnell zurück in den Flur.

Er nahm das Kalenderblatt zwischen Daumen und Zeigefinger und riss es ab, so schnell, als würde er ein Heftpflaster von einer behaarten Hautstelle reißen.

Er stand eine Weile da, zufrieden, selbst der Schmerz schien vergessen, dann dämmerte ihm, was er getan hatte.

Der Schaden war irreparabel. Er hatte sich — es war so banal, dass ihm davon schlecht wurde —, er hatte sich verlesen, hatte eine Fünf statt eine Sechs gelesen, als wären diese zwei Ziffern so leicht zu verwechseln! Jetzt kam die Sieben zum Vorschein, diese schlanke und lasziv zur Seite geneigte Zahl, ein böses, weibliches Omen. Nicht umsonst sagte man auch die Sieben. Eine verwunschene Zahl. Keine guten Dinge waren siebenfach vorhanden. Die Sieben Weltwunder –

— Abgebrannt, alle abgebrannt, schrie Steiner in seiner leeren Wohnung und schlug sich mit der verarzteten Hand auf die Stirn.

Ein Kalenderblatt, das einmal abgerissen worden war, blieb verloren, man konnte es nicht mehr zurückhängen wie Christbaumschmuck. Steiner hörte in der Ferne Böllerschüsse und einen bedrohlichen Dauerton, so wie wenn jemand entsetzlich langsam über eine tiefe Celloseite streicht.

Nein, der Zeitsprung war unvermeidlich.

Es war Abend und an der Wand hing das Datum des Folgetages. Wie sollte er diese Nacht überstehen. Es war alles aus den Fugen geraten.

Warum hatte er diesen verdammten Köter, der da vor dem Haus einfach schamlos auf den Boden geschissen hatte, unbedingt mit einem Stock vertreiben müssen? Ein einfaches Händeklatschen hätte vermutlich genügt. Oder die leere Popcorntüte werfen. Aber er hatte sich so geärgert, weil er hineingetreten war.

— Die schönen neuen Schuhe, sagte er laut.

Der Hund war, als er den Stock gesehen hatte, sofort ausgeflippt, hatte geknurrt und war auf ihn losgegangen. Er hatte natürlich versucht, ihn auf den Asphalt zu drücken, so wie er es mit dem Kind gemacht hatte, das den Igel gequält hatte. Oder brachte er da etwas durcheinander? Mein Gott, er konnte nicht einmal mehr richtig denken. Es war klar, dass seine Gedanken ängstlich im Kreis gingen — eines der ersten Anzeichen der Tollwut. Ein anderes Symptom war, dass man plötzlich Hoffnung hatte, obwohl der Erreger sich bereits im Nervensystem befand und dort in einem Zimmer nach dem anderen das Licht abschaltete.

Steiner setzte sich in einen alten Ohrensessel, der so unförmig war, dass man glauben konnte, er wäre gar nicht für einen Menschen gemacht worden, sondern für eine missgestaltete Giraffe. Er sah sich im Zimmer um, ob noch jemand da war. Auch das gehörte zur Tollwut. Angst vor Verfolgern.

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