Im Schatten einer alten Kirche blieb ich stehen. Der Wind war hier fast nicht mehr zu spüren. Wie eine gigantische Schachfigur ragte der Kirchturm in den Himmel.
— Also, ein Mann nimmt Tabletten gegen seine Kopfschmerzen. Keine normalen Kopfschmerzen, sondern ganz fürchterliche, Kopfschmerzen aus der Hölle. Die Pillen wirken recht gut. Aber als sie an Wirkung nachlassen, versucht er die Dosis zu erhöhen. Es funktioniert eine Zeitlang und alles ist gut, aber schon nach einer Woche werden die Kopfschmerzen wieder unerträglich und rauben ihm den Schlaf. Er konsultiert einen Arzt, der ihm, nach langem Hin und Her, die stärksten Tabletten verschreibt, die es gibt. Sie wirken Wunder. Ein halbes Jahr kommt der Mann aus, ohne die Dosis zu steigern. Aber dann ist auch dieses letzte Mittel verbraucht. Verzweifelt liegt er nächtelang wach und fühlt den bohrenden Schmerz in seinem Kopf. Ein Engel besucht ihn und bietet an, ihm zu helfen. Aber selbst die weiß leuchtenden Fingerspitzen des Engels können den entsetzlichen Schmerz nicht lindern. Schließlich nimmt der Engel den Mann mit in den Weltraum, eine Ansammlung von blinkenden Kugeln und schwarzen Zwischenräumen. Hie und da tanzt ein kleiner Komet vorbei, wie ein brennender Hahn. Der Engel massiert dem Mann den Kopf, entwöhnt ihn der Welt der quälenden Erinnerungen, der Panikattacken, aber nichts hilft. Der Mann krümmt sich in der Schwerelosigkeit vor Schmerzen und bringt es mit erstickter Stimme gerade noch fertig, dem Engel für seine sinnlosen Bemühungen zu danken. Der Engel bringt ihn zurück auf die Erde. Der Mann weint und weint über sein Unglück. Er schläft völlig entkräftet in der Badewanne ein und taucht kurz unter. Am nächsten Morgen findet man ihn ertrunken. Aber mit einem glücklichen Gesichtsausdruck. Er hat entdeckt, dass er unter Wasser keine Schmerzen hat, und deshalb hat er versucht, so lange wie möglich die Luft anzuhalten. Der engelhafte, silberne Schnorchel, den man in seinem Mund findet und der bei der ersten Berührung zu Staub zerfällt, bereitet den Beamten Kopfzerbrechen. Abschließende Bilder aus einem schmerzfreien Jenseits unter dem Meeresspiegel. Seemonster, Fische und Nixen. Korallenklaviere. Und so weiter. Was? Ja, jetzt, wo du’s sagst. Wie es ihr wohl geht? Es ist lange her, dass ich sie gesehen habe, aber dafür habe ich mit ihrem Mann gesprochen, diesem Wolfgang. Eigentlich ein ganz netter Mensch und alles, bloß ein wenig rachsüchtig und dumm, das ist alles. Bei ihr das Gleiche, ein Leiden, das da ist, ohne Grund, und das nicht vertrieben werden kann, auch ohne Grund. Alles sinnlos, grundlos und ewig. Ein Wunder, dass sie sich noch nicht umgebracht hat. Apropos — hast du die heutige Zeitung gesehen? Nein, natürlich nicht. Zwei Jugendliche, die gemeinsam Selbstmord begangen haben, wie Kleist und die, deren Name mir jetzt nicht einfällt. Jedenfalls haben sich die beiden mit Benzin übergossen und sind Arm in Arm verbrannt, angeblich regungslos, trotz der Schmerzen. Dass diese Teenager-Selbstmorde immer so etwas wehmütig Inszeniertes haben müssen, irgendeine erstarrte Geste, die am Schluss bleibt, als wären sie eine archäologische Sensation aus Pompeji. Aber ihr Selbstmord war noch nicht einmal das Merkwürdigste. Sie waren angeblich Teil einer Clique, die sich gegenseitig Schmerzen zufügt und ähnliche Dinge. Zum Beispiel mit Oralverkehr die Mädchen zum Kotzen bringen. Wirklich. Eine Art sexuell verstärkte Form der Bulimie. Ja, weiß der Teufel, woher sie das haben oder woher das kommt. Hat vermutlich überhaupt keinen Grund. Vielleicht machen alle Menschen alles aus dem einfachen Grund, weil es ihnen einfällt und weil es möglich ist. Ich glaube, das reicht schon. Das wäre eine beeindruckend einfache Moraltheorie. Die elende Frage Was soll ich tun? fiele dann weg, und wir hätten endlich Ruhe. Von Kant gibt es diesen witzigen Satz: Zwei Dinge nur … oder so ähnlich … Zwei Dinge erfüllen mich mit Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter ich an sie denke: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir . Nicht der genaue Wortlaut, aber schön, nicht? Und hundert Jahre später greift Kafka diesen Satz auf, vielleicht ohne es zu wissen, und faltet ihn elegant über dem Knie zusammen wie eine Ziehharmonika: Das Böse ist der Sternhimmel des Guten . Aber um zurückzukommen … Die haben tatsächlich so etwas wie einen Club gegründet, mit Aufnahmebedingungen und allem, und angeblich hat es eine ganze Menge Jugendlicher gegeben, die mitmachen wollten und die Bedingungen nicht erfüllt haben. Woher kommt das, warum kotzen diese Teenager sich gegenseitig voll? Es ist wahrscheinlich doch so, wie du mir damals bei unserem Abendessen gesagt hast: Soweit ich weiß, hat es überhaupt keinen Grund . Wenn man keinen Grund findet, muss man so tun, als wäre es selbstverständlich, und ihm einen Namen geben. Keine schlechte Idee. Namen steuern alles. Mein eigener zum Beispiel. Ich hasse es, wenn die Leute ihn auf der zweiten Silbe betonen: Ker-FUCHS . Man spricht die erste Silbe lang aus, wie Kehre . Ich weiß auch nicht, warum. Ich hab mir den Namen nicht ausgesucht. Und wie meine Mutter auf Alexander gekommen ist, ist mir auch ein Rätsel. Was würde eigentlich passieren, wenn Eltern sich standhaft weigern würden, ihrem Kind einen Namen zu geben, sagen wir, aus philosophischen Gründen, weil Namen so etwas sind wie Vorurteile oder unerlaubte Vereinfachungen. Stimmt, die Idee ist ziemlich verrückt, aber es gibt in diesem Land bestimmt irgendein Paar, das sein Kind als eine Art Performance-Projekt begreift und ohne weiteres auf diese Idee kommen könnte. Würde man ihnen das Sorgerecht für das Kind entziehen? Wenn sie es sonst gut behandeln, ihm zu essen geben und es umsorgen? Gehört es zu den Grundrechten eines Menschen, einen Namen zu haben? Würde dem Kind von den Behörden zwangsweise ein Name verliehen? Wenn ja, nach welchem Prinzip gehen sie dabei vor? Nach Zufall? Oder auf Grundlage einer demokratischen Abstimmung? Warte, ich …
Ich war vor meiner Wohnungstür angekommen und hatte die ganze Zeit über geredet. Der heiße Ballon in meiner Brust war abgeschwollen, und ich konnte wieder normal atmen.
Vor der Tür stand Gerald mit einem Jojo in der Hand. Ich nahm das Headset von meinem Ohr und steckte es ein. Mein Mund fühlte sich trocken an, als ich ihn begrüßte:
— Hallo, sagte ich.
— Hallo.
— Ich bin Alex. Wir kennen uns schon, glaube ich. Die verschwundene Post. Kannst du Jojo spielen? Ich hab so ein ähnliches …
Er wich mir nicht aus, als ich den Schlüssel ins Schloss steckte. Ich versuchte aufzusperren, aber es ging nicht, etwas blockierte.
— Alex?
— Ja?
— Die Tür war offen, ich schwör’s, sagte Gerald.
— Was? Warum?
— Ich hab nur mal versucht …
— Scheiße, jetzt ist es endlich kaputt. Dieser verdammte Steiner.
— Wer?
— Egal.
— Magst du was sehen? fragte er und hielt sein Telefon hoch.
— Okay.
Er tippte aufgeregt auf dem Gerät herum, dann hielt er es mir hin. Ich nahm es.
— Einfach auf den grünen Knopf drücken, sagte er und stand dabei auf den Zehen.
— Schon klar.
Ein Film lief an, ein verwackeltes Bild. Ich konnte kaum etwas erkennen.
— Ganz hübsch. Hast du das gemacht? fragte ich und gab es ihm zurück.
— Ja. Aber warte, du hast noch nicht alles gesehen …
— Ach, ein andermal.
Ich probierte weiter an dem Türschloss herum. Bis irgendetwas zerbrach und die Tür, von einer unsichtbaren Kraft gezogen, nach innen aufschwang. Ich ging in die Wohnung. Gerald trat bis an die Schwelle heran und blieb stehen.
— Kann ich dir irgendwie helfen? fragte ich.
— Nein.
Er blieb stehen.
— Magst du vielleicht reinkommen?
— Von da komm ich grade.
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