— Ha!
— Hahahaha!
— Das war ja ein Witz, sagte Dieter erleichtert. Und ich hab schon gedacht, du hältst wieder einen theologischen Vortrag.
— Jesus sprach zu seinen Zwölfen: Geht und heulet mit den Wölfen! sagte Franz.
— Und das war sogar gereimt! rief Dieter mit sarkastischer Begeisterung. Und du bist dir sicher, dass der große Hutmek seine Ideen nicht von dir hat? Vielleicht saugt er sie nachts aus dir raus?
— Ich weiß noch einen Witz, sagte Franz in meine Richtung. Welches Spiel kann man mit schizophrenen Leuten spielen? Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst!
Alle lachten. Mist, ich würde die Simpsons verpassen. Meine Finger spielten nervös am Band meiner Uhr herum.
— Oder! legte Franz nach. Ein Spiel für Paranoiker: Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst. Ja: Zusammenhänge!
Dieter quietschte und fiel beinahe vom Sessel.
Ich musste ins Krankenhaus, ich musste ins Krankenhaus. Das leere, tote Krankenhaus. Es war Viertel nach sechs und draußen dämmerte es schon.
Der Kaffee wurde serviert.
— Wäh, sagte Dieter, schmeckt wie ein leeres Schachbrett!
— Wie schmeckt denn ein leeres Schachbrett? fragte Walter.
— Wie Kopfschmerzen, sagte Dieter.
— Trink’s halt nicht, sagte Franz. Walter, schreibst du eigentlich noch? Joachim hat mir erzählt –
— Nein, sagte Walter. Nein, um Gottes willen, nein.
— Also doch, sagte Dieter.
— Nein, nicht mal im Geheimen. Und wenn’s geheim wäre, würde ich’s ja auch nicht zugeben, oder? Und du hättest keine Möglichkeit, die Wahrheit rauszubekommen, nicht in einer Million Jahren.
— Jetzt bin ich echt verwirrt, sagte Dieter voller Anerkennung. Ich liebe es, wenn mich jemand mit Worten verwirren kann. Ich hab da gerade was gelesen, das war total …, voll zum Fürchten. Dagegen kann sich dein großer Hutmek eingraben lassen. Ein Roman, wo plötzlich niemand mehr da ist. Aber den Namen habe ich vergessen, warte … Gru…
Dieter fächelte sich mit beiden Händen Luft zu, damit der vergessene Name zu ihm zurückkehre.
— Du kommst eh nicht drauf, sagte Franz.
Walter lachte. Vermutlich wusste er, welches Buch Dieter meinte, sagte aber nichts.
— Gleich hab ich’s … warte … Agla… Uh … Glavinic! Genau!
— Res? V glavi nič? , fragte Franz belustigt.
— Du sollst doch kein Slawisch mit mir sprechen, meckerte Dieter.
— Slowenisch!
— Alles dasselbe.
— Blöder Faschist, sagte Franz beleidigt.
— Immer bin ich gleich ein Faschist, sagte Dieter beleidigt. Ich unterbreite dir eine einfache Geschäftsidee, mit der man viel Geld verdienen könnte, und alles, was du darauf sagst, ist: faschistisch ! Du gebrauchst das Wort gar nicht richtig!
— Weil ich nicht Deutsch kann. Willst du das damit sagen, du alberner Faschist?
— Siehst du, sagte Dieter zu Walter. Gestern –
Franz lachte auf.
— Ruhe! sagte Dieter. Walter, hör dir mal meine Geschäftsidee an. Und sag mir dann, ob das Faschismus ist, okay?
— Gut, aber ich glaube, das hast du mir schon einmal –
— Was?
— Ja. Ich erinnere mich noch … Man nimmt sein Lachen auf und schickt es ein, dann wird das irgendwie bearbeitet und zusammengeschnitten oder — gemischt.
— Also, das mit dem Mischen und Schneiden ist noch nicht ausgereift …
— Aber die Idee ist doch, dass man die Stimmen dann in einem Film hört?
— Na ja, fast, sagte Dieter. Es geht allein um das Gelächter. Lachen ist ja was unerhört Individuelles, man kann jemanden sogar an seinem Lachen erkennen. Dieser DJ neben mir lacht zum Beispiel wie eine Kuh. Aber egal. Au! Zwick jemand anderen! Also, wo war ich? Jeder kennt doch diese … also diese … man nennt es Laughtrack oder Canned Laughter … Bei amerikanischen Sitcoms, nach jeder Pointe, nach jeder Punchline wird ein solches Gelächter eingespielt, manchmal lachen mehr, manchmal eben weniger Leute, je nachdem, wie witzig die Punchline ist. So weit alles klar?
— Ich glaub schon. Das hast du mir alles schon einmal erklärt.
— Also. Man nimmt sein eigenes Gelächter auf, schickt es ein, wir mischen es in eine bestimmte Folge — die man sich natürlich aussuchen kann, wenn man bereit ist, dafür zu zahlen —, und schon hört man sein Lachen an der Stelle, die einem wichtig ist, auch noch nach seinem Leben … weil eine Sitcom bestimmt länger dauert, das heißt mit Wiederholungen und allem, als ein normales Leben … Und außerdem rechnen wir ohnehin eher mit älteren Kunden, weil sie bald nicht mehr leben werden, weil der Tod schon an ihre Tür klopft, und ihr Lachen, bildlich gesprochen, eben bald von der Welt verschwunden sein wird.
Kurze Stille trat ein.
— Ich weiß, ich weiß, sagte Walter. Und du glaubst, dass das eine gute Geschäftsidee ist?
— Ja.
Ich umklammerte die Kaffeetasse mit beiden Händen.
— Menschenverachtend, sagte Franz mit vor der Brust verschränkten Armen.
— Deine Meinung hat niemand –
— Oh doch.
— Ich finde auch nicht, dass es unbedingt —, sagte Walter.
— Siehst du? triumphierte Dieter.
Ich kippte meinen Kaffee um. Er ergoss sich über den Tisch und streifte die Fernsehzeitung von letzter Woche mit einer verführerisch schielenden Nicole Kidman.
— Oh! sagte Dieter und sprang auf. Missgeschick!
— Entschuldigung, sagte ich ruhig.
Dieter holte eine Rolle Küchenpapier.
— Macht ja nichts, sagte er zu mir. Mit einem Auge verfehlt man leicht etwas.
— Apropos Lachen, sagte Walter. Ich weiß einen Witz. Wie viele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?
Alle schauten ihn an.
— Keine Ahnung, wie viele denn?
Seine Stimme verwandelte sich in die eines kreischenden Transvestiten:
— Das! Ist nicht! Komisch!
Die Runde johlte, man applaudierte dem Witz.
— Ich weiß auch einen, sagte Franz. Wie viele Dadaisten braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?
Er ließ den imaginären Trommelwirbel verstreichen.
— Zwei Nähmaschinen und eine Bratpfanne auf einem Operationstisch!
Höfliches Gelächter. Franz war trotzdem glücklich. Es war sehr lange her gewesen, dass er einen Witz erzählt hatte, mehr als fünf Minuten. Ich fragte mich, ob er ihn nicht vielleicht eben erst erfunden hatte.
Ich erhob mich von meinem Sessel und streifte meine Ärmel hoch. Dann tat ich so, als spuckte ich in meine Handflächen, und rieb sie aneinander. Walter schaute mich entsetzt an.
— Okay, sagte ich. Also. Wie viele Bewohner aus Tschernobyl braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?
— Ach, das ist nicht komisch, sagte Franz.
— Oh doch, antwortete ich finster.
— Nein, sagte Franz, das ist nur makaber.
— Doch, beharrte ich.
— Nein, lass die armen Leute dort in Frieden, sagte Franz friedlich.
— Ich versteh nicht, warum man darüber keine Witze machen darf, sprang Dieter ein.
Er hatte den verschütteten Kaffee inzwischen aufgewischt und die braunen Papierknödel in die Abwasch geworfen.
— Weil es nicht witzig ist, deswegen.
— Aber vor kurzem hab ich eine Dokumentation über Tschernobyl gesehen, und da gab es witzige Szenen –
— Ja, für dich vielleicht!
— Ist ja schon gut, mein Gott. Wir sind aber heute reizbar.
Eine Weile schwiegen alle. Ich stand unbeweglich da, beide Arme erhoben.
— Und, sagte Franz, sagst du uns endlich, wie viele Tschernobyl-Menschen man braucht, um eine Glühbirne zu wechseln, damit wir uns alle wieder hinsetzen können?
— Ich habe gedacht, das. Ist nicht. Witzig, sagte ich leise.
— Dann eben nicht.
— Okay. Alle bereit? Okay. Das hängt natürlich von der Anzahl der Tentakel ab, sagte ich so ernst wie möglich.
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