— Ich … ich verstehe zwar, dass das für Sie sehr unangenehm sein muss, aber ich verstehe diese Feindseligkeit nicht, ich meine … da muss doch irgendwas passiert sein.
— Ja, aber das werde ich Ihnen nicht erzählen.
— Was ist denn so Schlimmes passiert?
— Eine Gegenfrage: Warum interessiert Sie das?
— Warum mich die Vergangenheit interessiert?
— Nein, warum interessiert Sie so sehr, was mein Vater getan oder nicht getan hat, als er noch mein Vater war?
— Wie … Sie sprechen von ihm in der Vergangenheit …
— Schütteln Sie nur den Kopf. Sie sind nicht –
— Ihre Mutter, das ist mir schon klar.
— Ha! Das wollte ich bestimmt nicht sagen. Aber Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet. Warum interessiert Sie das alles? Warum belästigen Sie andere Leute mit Briefen?
— Ich wollte es eben wissen. Einen tieferen Grund gibt es nicht.
— Keinen Grund also? Immerhin, das ist …
— Bitte, seien Sie doch nicht so aggressiv.
— Warum, erinnere ich Sie an meinen Vater?
Sie schwieg eine Weile, kratzte sich wieder an der Stirn, nahe an der Absturzstelle der großen Passagiermaschine. Brennende Trümmer. Löschfahrzeuge. Orange Gummirutschen. Großes Geschrei.
— Sie werden mir nichts erzählen?
— Nein, sagte ich, keine Chance. Wenn er — ich deutete auf einen der Bäume vor dem Café, der sofort so etwas wie Unschuld und Betroffenheit auszudrücken schien —, wenn er es nicht schafft, seiner zukünftigen Frau von seinem Vorleben zu erzählen, wieso sollte ich es dann tun?
Ein Trümmerstück auf ihrem linken Augenlid explodierte.
— Ist es so schlimm?
Jetzt sah sie zu Boden, ihr Stuhl stand nur mehr auf den zwei vorderen Beinen. Ihr Körper war gekrümmt, als würde sie ein großes Fragezeichen verdauen. Ich fragte mich, wie viel Würde als frisch verliebte Frau sie gerade geopfert hatte, um sich hier mit mir zu treffen, einem unzugänglichen Dämon aus der Vergangenheit, der sie am Telefon unsinnigerweise als Stalkerin beschimpft hatte.
— Ich werde Ihnen nur so viel sagen, begann ich — sie sah auf, und eine Hand legte sich, wie um für alle Fälle die Notbremse zu ergreifen, auf ihr Feuerzeug —, ich werde Ihnen zumindest verraten, warum ich nichts erzählen werde, was das Verhalten meines Vaters in den letzten fünfzehn Jahren betrifft, vor allem nicht während der sieben Monate Scheidung nach seinem Verschwinden. Ich werde nichts über seinen paradoxen Lebenswandel sagen, seine Drohungen und erst recht nichts über die verschiedenen gerichtlichen Verfügungen, die gegen ihn erwirkt worden sind.
Weiter, weiter! Die Improvisation hatte begonnen. Gerichtliche Verfügung , sehr gut, sehr gut. Über das Gesicht von Hannelore Schnabel liefen Wellen von Selbstbeherrschung.
— Der Grund ist ein ganz eigennütziger, fuhr ich fort, denn es ist mir, ehrlichgesaganzegal , ob ich Sie mit den Einzelheiten in irgendeiner Weise schockieren oder irritieren würde. Vermutlich würde ich Sie noch nicht einmal schockieren, Sie würden mir einfach nicht glauben und es dabei bewenden lassen. Ein verbitterter Sohn, der sowieso einen sonderbaren Eindruck macht, und der seinen Vater wahrscheinlich einfach hasst, aus den üblichen selbstherrlichen Gründen, die junge Menschen gegen ihre Eltern vorbringen. Ja, das würden Sie denken, und daran ist wahrscheinlich auch gar nichts Verwerfliches. Nein. Es ist ein ganz anderer, ein ganz bestimmter Moment, vor dem ich mich fürchte, vor dem ich mich ekle. Wenn ich ihn mir jetzt vorstelle, erscheint er mir schon so real und unausweichlich, als wäre er bereits eingetreten. Ich wäre gerade fertig mit meiner halbstündigen Einführung in das Leben und Werk meines Vaters, hätte Schürfwunden und nächtliche Eskapaden beschrieben und wahrscheinlich meinen Selbstmordversuch mit siebzehn als Höhepunkt des vierten Akts besonders hervorgehoben. Und dann säßen wir da, Sie und ich, hier in diesem Café. Es ist Mittwoch und die Sonne scheint. Ich esse ein Eis und Sie rauchen eine Zigarette nach der anderen. Dazu tragen Sie einen Hut.
Ihre Hand verkroch sich in ihrem Schoß, wo ihre Handtasche lag, in extremer Seitenlage, wie ein kenterndes Schiff.
— Und was wäre –
— Warten Sie, unterbrach ich sie, noch habe ich Ihnen den Moment nicht erklärt, warten Sie, er wird sich gleich einstellen. Ich wäre fertig mit meiner Erzählung und dann säßen Sie einfach da und würden eine Zigarette rauchen und mir zu verstehen geben, dass das alles ja gar nicht wahr ist. Ich würde natürlich darauf beharren, und dann würden Sie Ihren Trumpf ausspielen, der in etwa lautet: Ich weiß, dass ein Körnchen Wahrheit in Ihrer Erzählung steckt, aber, wissen Sie, Ihr Vater, seit ich ihn kenne, hat er sich dermaßen ver änd ert, hat sich so … gefangen, wissen Sie, dass Sie ihn gar nicht wiedererkennen würden. Er ist ein anderer Mensch geworden und so weiter und so fort. Verstehen Sie jetzt, warum ich mit Ihnen nicht über ihn reden werde?
Je länger ich gesprochen hatte, desto mehr hatte sich ihr Gesichtsausdruck entspannt. Sie tippte eine Zigarette in den Aschenbecher, von der sich allerdings keine Asche löste, und sagte:
— Finden Sie nicht, dass Sie sich ein wenig unerwachsen benehmen?
— Was erwarten Sie denn? Ehrlichkeit ist immer unerwachsen.
Der Satz ergab gar keinen Sinn. Aber ich konnte es mir nicht leisten, in diesem Augenblick nicht schlagfertig zu wirken.
— Das meine ich nicht. Sicher war das ehrlich, das will ich gar nicht bestreiten.
— Gut, dann ist ja alles gut. Dann können wir uns also jetzt verabschieden und müssen uns nie wiedersehen, höchstens zu irgendwelchen Großzusammenkünften der Familie, Begräbnisse oder Taufen …
— Herrgott, hängen Sie denn so sehr an dem Bild, das Sie von Ihrem Vater haben?
Es war das erste Mal, dass sie lauter geworden war. Zum ersten Mal hörte ich ihre Stimme wirklich, so, dass ich sie später wieder erkennen würde. Die brennenden Trümmer waren von ihrem Kopf gefallen und lagen jetzt auf dem Tischtuch.
— Daran hängen?
— Das haben Sie mir doch gerade selbst erklärt: Sie wünschen ausdrücklich keine Berichtigungen Ihres Eindrucks –
— Wenn Sie vierzehn Jahre einen Eindruck nennen wollen!
— Das hängt nicht von der Dauer ab.
— Sondern nur von der Intensität der Liebe, mit der man sich diesem Mann unterordnet, ja, ich hab schon verstanden …
— Ich ordne mich ihm nicht unter!
— Doch, natürlich tun Sie das. Sonst hätten Sie mich ja nicht angerufen und hierher bestellt. Sie wollen Ihr Bild von ihm, Ihr verklärtes … und ja, durchaus, ich meine als … als … wie sagt man … als Liebhaberin … immerhin legitimes Bild, ich klage Sie deswegen bestimmt nicht an … wo war ich?
— Ich hänge an dem Bild, das wollten Sie mir gerade klarmachen.
— Ja, gut, dann war ich schon fertig. Gut. Ihr Eindruck wird getrübt dadurch, dass Ihnen der Mann, den Sie irgendwann … nächsten Monat oder so, ich hab’s vergessen … heiraten werden, erzählt hat, dass er … na ja, er hat … ganz nebenbei hat er einen Sohn und eine Exfrau, der Sohn ist vierundzwanzig, ja, schon so alt, und so weiter und so fort …
— Würde Sie das nicht überraschen?
— Natürlich. In diesem Punkt verstehe ich Sie vollkommen. Sie können gar nicht anders. Und es ist ja erlaubt nachzufragen. Sicher.
— Bloß antworten muss der Gefragte nicht. Wenn er nicht will.
— Ganz genau, jetzt haben Sie es begriffen.
Es folgte eine kurze Pause, in der sie Feuerzeug, Zigarettenpackung und Telefon in ihre Tasche packte. Jetzt gab es nur mehr den halbleeren Eisbecher zwischen mir und ihr. Alles andere war rückstandsfrei verbrannt.
Читать дальше
Конец ознакомительного отрывка
Купить книгу