— Ist dir kalt? Soll ich die Heizung einschalten?
— Nein. Wie geht die Geschichte aus?
— Keine Ahnung, welche Geschichte?
— Alex?
— Was?
— Magst du jetzt den Film sehen, den ich gemacht habe?
— Nein, ich finde eigentlich, du solltest jetzt lieber nach Hause gehen. Deine Mutter macht sich sicher schon Sorgen.
— Ich hab den Film in der Nacht aufgenommen. Vielleicht muss man ihn im Dunkeln sehen.
— He, hast du nicht gehört, was ich gesagt habe?
— Aber meine Mutter ist gar nicht da, sagte er und stand verärgert von seinem Sessel auf. Können wir jetzt den Film schauen?
— Sie ist nicht da? Wo ist sie denn?
Gerald setzte sich wieder hin. Er sah mich nicht an, er wirkte beleidigt.
— Ist deine Mutter in der Arbeit?
— Weiß nicht, sagt er. Keine Ahnung. Keine Ahnung.
Zuerst war da nur ein verwackeltes Kamerabild, Bewegungen von Personen oder leblosen Gegenständen, aufgesplittert in lauter kleine Quadrate, nichts sagende Verteilungen von Licht und Schatten, hauptsächlich schwarz. Aber dann hellte sich plötzlich alles auf, wurde klar und frühlingshaft, obwohl es ja schon Herbst war und die Blätter — ja, wie ging das noch gleich?
Fallen. Die Blätter fallen.
Nachdem sie sich aus dem schwarzen Schneegestöber der Pixelquadrate herausgelöst hatte, torkelte seine Tochter, von einem schweren Schlag auf den Kopf getroffen, gegen ein Verkehrsschild, das aus Butter war und ihrem Gewicht ohne weiteres nachgab. Dann schleppte sie sich taumelnd einige Meter weit und brach zusammen. Und die Hündin rannte davon, Hals über Kopf, Schwanz über Kopf, und ihre panische Angst presste sie im Laufen so zusammen, als näherte sie sich der Lichtgeschwindigkeit.
Der einzige Zeuge. Seine Finger tauchten am linken unteren Rand der Aufnahme auf, zitternde, verrotzte Bubenfinger, von sehr heller Haut.
Dann sah er wieder seine Tochter, diesmal ruhiger. Sie lag in einer Wiege, die inmitten von sausendem Gras in einem Hinterhof stand. Aber es war gar keine Wiege, sondern ein Klavier, ein aufgeklappter Flügel. Sie lag auf den stählernen Saiten, die mit roher Gewalt freigelegt worden waren, wie die Sehnen in der Hand des Toten in Rembrandts Anatomiestunde .
Zwar war sie längst erwachsen, trotzdem schien sie hilflos, so wie sie es schon als Kind gewesen war. Er musste ihr beim Anziehen helfen und fragte sie, während ihr wuscheliger Frauenkopf durch den viel zu kleinen Ausschnitt des Hemdes schlüpfte, ob sie auch sagen könne, wo sie wohnte, welche Hausnummer, welcher Stock? Da sie es nicht sagen konnte und ihn nur mit dem universellen Tochterblick ansah, wiederholte er ihr die alte Adresse, dreimal. Es tat ihm gut.
Kronenweg neun. Kronenweg neun. Kronenweg neun, dritter Stock.
Natürlich, das war der Hinterhof. Er gehörte zu dem alten Haus, in dem er geboren worden war. Das Haus mit dem grauen Pferdebild.
Valerie blödelte herum, zog sich selbst an den erwachsenen Haarzöpfen, streckte ihm die Zunge heraus. Zweifellos, sie war immer noch ein Kind. Diese Erkenntnis beruhigte ihn ungemein und ließ sein Herz zu einer rosafarbenen Lentikularwolke anschwellen. Er hatte immer das Gefühl gehabt, dass dieser ganze Prozess von Erwachsenwerden und Abschiednehmen nur scheinbar stattgefunden hatte. Eine Illusion. Hier hatte er nun den Beweis.
Er stöhnte auf, tief bewegt.
Selbst als er schon längst erwacht war und die an Zellengitter erinnernden Schattenspiele der Rouleaus über sich wandern ließ, zitterte die kleine vertrocknete Glasmurmel in seiner Brust von einem überwältigenden, lang anhaltenden Glücksgefühl.
Er pinkelte, heiter und erleichtert, in seinen Schlafanzug. Es wurde warm, und die Wärme trug auf geheimnisvolle Weise den Namen seiner Tochter, der mit all seinen goldenen und blitzenden Silben durch seinen Kopf geisterte.
Die japanische Pflegerin, die sich vormittags und oft auch den ganzen Tag um ihn kümmerte, schimpfte gutmütig mit ihm, als sie die Sauerei entdeckte, und legte ihn trocken.
Dann sah er sie wieder, in der neuen Wohnung, in der sie damals den Hund mitgenommen hatte, seit er –
Sie saß in ihrem Sessel. Das Problem war, dass er sich geirrt hatte. Nicht sie saß auf dem Sessel, der Sessel saß auf ihr. Valerie und der Sessel waren eins. Messerschmidt war sich nicht sicher, ob sie aus diesem Zustand wieder herausfinden würde. Er hoffte es jedenfalls. Nein, er hoffte es nicht. Doch.
Verschwinde, hörte er sich denken. Bleib, wo du bist.
Bitte.
Sie ging unsicher und still durch ihr Zimmer, verfing sich in allen möglichen Dingen, in der kleinen grünen Bibliothekslampe, in dem Stapel Bücher, die niemand mehr zu Ende lesen würde, in einem zwanzig Jahre alten, völlig zerfledderten Stoff-Octopus, in seinen pelzigen Tentakeln, einfach in allem.
Ihre Finger hatten die Fähigkeit eingebüßt, locker und unabhängig über die Gegenstände ihres Lebens hinzugleiten. Dann kam der schmerzlichste Moment, der kommen musste und auch ihm nicht erspart geblieben war. Sie streckte eine Hand nach einem alten Zugticket aus, das seit einem halben Jahr sinnlos auf dem Schreibtisch gelegen hatte. Ihre Hand griff mittendurch und löste sich auf. Valerie schaute ungläubig auf die leere Stelle, die einmal ihre rechte Hand gewesen war. Es war immer dasselbe mit Gegenständen, die nichts bedeuteten. Sie konnten nichts tragen, nichts in sich bewahren. Wofür sie überhaupt existierten, wusste niemand. Sie waren nutzlos und feindlich. Der einsame Polizist. Der Bleistift in der Hand von Herrn Zmal. Valerie würde schon noch lernen, diese Dinge zu umgehen.
Aber! Nein, nicht doch … Wie ein kleines Mädchen.
Ob er hingehen sollte? Aber sie hatten sich nichts zu sagen. Alles lag hinter ihnen, die ganze Welt war simpel und durchschaubar wie ein Puppenhaus.
Schon hörte sie auf zu weinen. Bestimmt würde sie es nicht mehr tun. Letzte Nachbeben. Messerschmidt selbst kannte das, sie dauerten mitunter noch Jahrzehnte an (was immer man unter einem Jahrzehnt verstehen mochte), oder sie wurden zyklisch, wie bei dem alten kleinen Männlein, das jeden Monat einmal über das Hausdach gegenüber wanderte und dabei sehnsüchtig in den Garten hinunterstarrte, wo es sich viel lieber aufhielt als dort oben in Gegenwart der tief hängenden Sterne.
Messerschmidt erbebte. Sie hatte ihn entdeckt, ihr Blick hatte ihn zuerst an der Schulter getroffen.
Wenig später war sie aus dem Zimmer verschwunden und hatte ihren Rundgang durch alles, was es in der Wohnung gab, angetreten. Sie hielt oft inne und nahm das Überflüssige, Unverdiente in sich auf. Es fiel, ankerlos, durch sie hindurch. Schon bald lernte sie damit umzugehen und bewegte sich fort, ohne die Orte zu vermissen, von wo sie gekommen war. Gegen Abend war sie wieder in ihrem Zimmer und verhedderte sich in ihrer Armbanduhr, die den Rückweg vom Krankenhaus allein, in der Handtasche ihrer Mutter, hatte antreten müssen und sich nun kalt und abweisend verhielt.

Uljana ruhte sich aus. So viel Aufregung, so viel Blut. Sie hatte die ganze Nacht nicht schlafen können. Jetzt war es wieder heller Tag und sie hielt sich versteckt. Ihre Kiefer mahlten in selbstständigem Eifer aneinander. Und manchmal entkam ihr ein Knurren.
— Rrrr …
Sie war auf einen Parkplatz zurückgekehrt, um sich zu erholen. Der Parkplatz und die Autos hatten sich zwar verändert, alles war neu, aber das passierte manchmal mit Dingen, die in einer Stadt herumstanden, das musste man hinnehmen. Die Fahnen in der Ferne waren verschwunden.
Hin und wieder suchte sie die helle Fensterreihe in der Ferne nach dem vertrauten Gefühl ab, aber alles blieb fremd und abweisend. Dennoch konnte sie sich nicht einfach beruhigen, alles vergessen und ihren kleinen, heißen Kopf einschlafen lassen.
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