Clemens Setz - Die Frequenzen

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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— Wie? fragte sie.

— Ach, gar nichts, sagte ich. Kannst du dich noch an die Pandora erinnern? Die ist immer da hinten gelegen, eingerollt. Und die Pfoten so über dem Gesicht.

Ich machte die Katze nach. Meine Mutter starrte auf die Tischplatte. Dort befand sich ein riesiger Abgrund, ein Strudel, aus dem ihre Vergangenheit auftauchte, langsam und schwerfällig, ein triefendes Knäuel.

— Ja, sagte sie.

— Die mit dem roten Fell, sagte ich und spielte mit ihrer Hand, indem ich ihre Finger zählte, sie zu Zweierpaaren zusammenklaubte, wieder losließ und von neuem anfing. Das Spiel beruhigte sie.

— Sicher. Sicher, warum auch nicht, sagte sie zerstreut.

— Ja.

— Du glaubst, ich erinnere mich nicht, sagte sie.

— Nein, ich –

— Sie hat immer da gelegen, da hinten, sagte sie, ohne in irgendeine Richtung zu deuten. Die Dora.

Ich hielt ihre Hand noch eine Weile, dann ließ ich sie los. Die Hand mit den sorgfältig gezählten und geordneten Fingern blieb, wie sie war, sie sank nicht zurück auf den Tisch. Nach einer Weile sagte sie:

— Sag mal, bist du … ich meine, ist das das Wetter, oder bist du auch so müde wie ich?

Ich lachte, aus keinem besonderen Grund. Sie lachte erleichtert mit. Ihr Gesicht buchstabierte reine Freude darüber, dass sie noch einmal die Kurve gekriegt hatte. Müde. Das Wetter. Gelächter zu zweit in der Küche.

— Ja, bin ich, sagte ich. Ziemlich.

— Oder … oder, weißt du, ist das das Wetter, wiederholte sie, noch ein wenig lustiger als zuvor.

Ich machte ihr den Gefallen und lachte noch einmal. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück, atmete tief aus. Sie war wieder in der Gegenwart. Ihre Hand rollte sich ein, langsam wie ein brennendes Blatt, und wanderte in den Schutzgriff der anderen. Ihre Hände bildeten ein sanftes Mumienkreuz auf ihrer Brust.

Ihr Gesicht nahm, je älter sie wurde, immer mehr die Züge eines Säuglings an. Zahnlos, klein und rund. Auch fielen ihr die Haare an verschiedenen Stellen aus, und sie kämmte das spärliche Haar, das geblieben war und das sie immer noch lang trug, jeden Morgen mit einer großen Bürste. Merkwürdig, diese sonderbare Freundschaft zwischen alten Frauen und Haarbürsten. Sie sitzen stundenlang vor einem bis zur Unkenntlichkeit beschlagenen Spiegel, das lange, weiße Haar über eine Schulter gelegt, und kämmen es, viele hundert Male im selben Takt, von ganz oben bis ganz unten. Es beruhigt sie, sie reinigen sich von Staubpartikeln und schlechten Erinnerungen, ganze Vormittage lang, wenn niemand sonst im Haus ist.

Die Medikamente verwirrten sie immer mehr, und es kam vor, dass sie überhaupt nicht mehr wusste, wo sie sich befand und was mit ihr passierte. Sie fand Möglichkeiten, diese schwierigen Momente zu überbrücken. Oft machte sie einfach einen Scherz oder tat so, als fiele ihr plötzlich etwas ungeheuer Wichtiges ein. Meist half nicht einmal das. Gelegentlich war sie so verwirrt, dass sie mir zu einem imaginären Buch gratulierte, das ich angeblich geschrieben hatte. Der Titel dieses Phantombuchs wechselte ständig. Sie war so unendlich stolz auf mich. Ihr Sohn, ein echter Schriftsteller! Es war beinahe unmöglich, ihr zu widersprechen.

— War es schwer, einen … na, wie nennt man das … du weißt schon, einen … einen Ver leg er zu finden? fragte sie und hielt mir, als verschlüsseltes Zeichen ihrer Anerkennung, einen sauber geleckten Teelöffel hin.

Ihr Nachtkästchen war vollgekleckert mit weißem Joghurt. Ich nahm ihr den Löffel aus der Hand.

— Ach, nein, gar nicht so, sagte ich.

— Was? fragte sie.

— Jetzt schau, was du angestellt hast! sagte ich, auf die Joghurtflecken deutend.

Sie schien zu überlegen, was diese Bemerkung bedeuten mochte.

Buch … Sohn … Schriftsteller … Joghurt

— Ja, sicher, warum nicht …

Dann verstand sie, die elektrischen Zäune, welche die Chemikalien in ihrem Gehirn errichtet hatten, wurden durchlässig, und ihr Blick hellte sich auf und wanderte zum Nachtkästchen. Ah, tatsächlich.

— Alles voll, sagte sie in einem Tonfall, in dem man auch über den Reiz einer verschneiten Landschaft sprechen würde.

— Alles voll, wiederholte ich.

— Meine Hand zittert, sagte sie. Vielleicht vor Hunger …

Während ich wischte, blieb sie im Bett sitzen und redete. Für kurze Zeit geriet sie neuerlich in die Vergangenheit, kam aber gleich wieder zurück, weil der Stolz über meine literarische Leistung ihre ganze Konzentration erforderte.

— Wovon handelt es?

— Handelt was?

— Das Buch.

— Welches Buch?

— Na, deines. Stell dich nicht blöd, bitte.

Sie sagte es sehr ernst. Ich legte das vollgesogene Wischtuch hin, blickte sie an.

— Ach, von gar nichts.

— Von nichts? Aber das sagst du jetzt nur so! Du willst nur nicht, dass ich es lese.

Sie griff in ihren Mund und nahm die Zähne heraus, als wäre das ein Beweis für ihre Vermutung. Sie betrachtete das entsetzliche Grinsen, das aus ihrem Mund gekommen war, eine Zeitlang, hielt es sich ganz dicht vors Gesicht, bewegte es auf sich zu, zwei Fische auf Kollisionskurs, dann berührte das Gebiss ihre Nasenspitze, und irgendetwas geschah — vielleicht sprang ein Funke über, sie zuckte zusammen und schaute verwirrt im Zimmer umher.

Dann steckte sie die Zähne zurück in ihren Mund. Es klapperte.

— Wenn du’s unbedingt wissen willst, sagte ich, es handelt von einem geheimnisvollen Landstrich in den Karpaten, in dem die Menschen wie die Blumen im Winter einfrieren und im Frühling wieder auftauen, sagte ich. Und die moralischen Implikationen, die sich daraus ergeben.

Ich hatte sehr schnell gesprochen, um sie vom Thema abzubringen. Moralische Implikationen , der Begriff setzte sie sofort außer Gefecht. Ihr Kopf zitterte.

— Sicher, sagte sie, warum nicht …

Aus dem „Konversationslexikon der Jenseitsmythen“

(hrsg. v. Daniel Tammuz und Prof. Herfried Lorca),

Seite 598 f .

doch natürlich liegt Lucumoria (so die eigentliche Schreibweise), wie man heute weiß, nicht auf dem Mond. Trotzdem galt der sagenumwobene Landstrich lange Zeit als eine Art dystopische Provinz unverständlicher und grundloser Gewalttaten, von denen man auf der Erde nichts wissen wollte. Wenn man so will, war L. für viele Gelehrten der Vergangenheit eine Art höheres Narrenschiff. Der Legende nach liegt L. in einer einsamen Gegend, die schon im Sommer nicht viel Sonne abbekommt. Eis und Schnee schließen es im späten Oktober ein, und erst im Februar bricht dieser Panzer wieder auf und lässt die Bewohner frei. Es ist eine Gegend, in der viele картинка 20 Kalendergeschichten angesiedelt sind. Die Einwohner von L. leben in vielen dieser Geschichten mit ihren längst verstorbenen Eltern zusammen, und niemals fehlt es darin an Menschen, die diese Verstorbenen sehen, berühren und sogar an den Mittagstisch einladen können.

Nicht der erste, aber sicherlich der erste berühmte Gelehrte, der über L. geschrieben hat, ist Johannes Kepler, in seiner 1630 veröffentlichten Schrift Somnium, seu картинка 21Opus Posthumum de Astronomia Lunari , in welcher er von einer Reise zum Mond erzählt und eine detailgenaue Beschreibung der Mondbewohner gibt. Kepler erwähnt darin die Bewohner von L. nur indirekt, im Zuge einer generellen Charakterisierung der Mondbewohner, und er verteilt spezielle Verhaltensweisen auf mehrere Wesen. Vielen Interpreten zufolge erscheinen die Mondbewohner so weniger menschlich, als sie es verdienen. Bereits in einer früheren Schrift ( Tertius interveniens , 1610) spielte Kepler auf einen osteuropäischen Landstrich an, wo die Leute im Winter aussterben (weil die Sonne vom Himmel verschwindet) und im Frühling wieder auferstehen, wie Frösche, die aus der Winterstarre im Sumpf zurückkehren. Kepler bezog sein Wissen vor allem aus den Reiseschilderungen eines Jesuiten namens Rio, der folgende ergreifende Darstellung des jahreszeitlich bedingten Sterbens gab:

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