Meine Fingernägel leuchteten wie geschminkte Frauenlippen.
Ich schaute zu dem verlassenen Hof zurück. Er sah klein und niedergebrannt aus. In der Einfahrt lag ein Auto auf dem Rücken, die Räder ragten ins Leere. Dem kleinen, brotfarbenen Schornstein, der mürrisch auf dem Hausdach hockte, fehlte der Rauch.
Ich wanderte weiter, mich krümmend unter dem heißen Wind, der aus dem Nichts zu kommen schien und durch mich hindurch blies.
Im Traum war mir klar, dass ein Fehler passiert war, irgendein schweres, nicht wiedergutzumachendes Versäumnis: Der See hätte längst, schon vor Jahren, mit Beton aufgefüllt werden müssen. Das hätte vielleicht das Schlimmste verhindert. Aber er war leer. Das Wasser fehlte. Und der Wind trug den radioaktiven Sand in alle Nachbarländer weiter, wo er sich im Trinkwasser, im Hausstaub, in den Kleidern festsetzte und die Menschen in Furcht erregende Schwarzweißaufnahmen ihrer selbst verwandelte und ihre vormals so kräftigen Bewegungen in die sinnlosen Spreizgebärden von Mahndenkmälern.
Ich versuchte zu sprechen, aber meine Kiefer waren wie gelähmt. Ich fasste an meine Wange und berührte etwas Fremdes: einen kleinen, starren Hebel.
Meine Mutter kam zu mir ins Zimmer gerannt, versuchte mich zu beruhigen. Aber ich schrie. Ich schrie. Ein Polster war auf den Boden gefallen. Schließlich brachte sie mir einen kalten Waschlappen und legte ihn mir in den Nacken. Eis! Ich war schlagartig wieder bei mir, sah meine gekrümmten Hände, hörte meine Stimme, meine Atmung, spürte die Decken. Das abgedunkelte Zimmer. Der Geruch der Feuchtigkeitscreme, nach der ihre Hände immer rochen. Empfindliche Hände. Für Berührungen an Hals und Wangen erdacht.
— Ja … Ja … Ist ja gut …
Sie blieb bei mir, bis ich wieder eingeschlafen war.
Am nächsten Morgen ertappte ich mich dabei, wie ich vor dem Fernseher saß, der allmorgendlich Wiederholungen herunterleierte, als wäre nichts gewesen. Ein Joghurt tropfte weich von einem Löffel, den ich in der Hand hielt, zurück in den Joghurtbecher.
Weiße Masse. Creme.
Es war nichts gewesen. Alles nur Vorstellung.
In Wirklichkeit bin ich immer hier herumgesessen. Nichts hat sich verändert. Der Uhrzeiger ist stehen geblieben und auch die nächtlich unsichtbaren Wolken über den Dächern der Stadt.
Tropf, tropf.
Der bläuliche Widerschein des Fernsehers auf dem Weiß des Joghurts. Fernsehstrahlung. Strahlung, die alles durchdringt. Wie nannte man diese Strahlen? Irgendetwas wie katholisch . Katholenstrahlen.
Ich steckte den Löffel in den Mund, leckte Joghurt, Metall und Strahlung auf.
Im Fernsehen lief WWF-Wrestling . Für die einen ist WWF ein Verein, der die Veranstaltung von Profischaukämpfen organisiert, für die anderen eine Tierschutzorganisation. Die Welt zerfällt in diese beiden Kategorien. Wer in beiden zuhause ist, ist wahnsinnig.
Das zugige Treppenhaus kam mir in den Sinn, die inzwischen getrockneten Pissspuren. Die Staubmäuse, die sich schwarz und schwärzer färbten unter meinem gebogenen Urinstrahl. Ich bin hier. Sieh mich an. Briefschlitz: Einblick in die fremde Welt. Ein Kleiderständer. Ein weißes Kind, das durch die Wohnung läuft, auf der Suche nach seiner Mutter. Geisterkind.
Andre The Giant stapfte großpfotig und träge durch den Ring. Ein Mann, der an Riesenwuchs oder etwas Ähnlichem litt. Irgendeine Krankheit mit einem komplizierten Namen. Inzwischen war er längst tot. Historische Aufnahmen. Er tapste ein paar Schritte, kam beinahe ins Laufen, ließ sich in die Seile des Rings fallen, federte zurück, rannte direkt in den ausgestreckten Arm seines Gegners. Der Riese, gefällt, lag auf dem Rücken und streckte seine Beine in die Höhe. Der Anblick war so erbärmlich, dass ich erwog umzuschalten, aber das Joghurt war noch nicht aufgegessen, also schaute ich mir den Kampf bis zum Ende an. Andre The Giant besiegte seinen Gegner schließlich und stolzierte unendlich müde, ein betäubter Orang-Utan, durch den Ring, einen albernen, silbrig blinkenden Meistergürtel hochhaltend. Blitze zuckten durch die Zuschauerreihen, jeder schoss in diesem Augenblick ein Foto.
Der schwerfällige Riese rollte aus dem Ring, stapfte an seinen Fans vorbei, die über die Metallabsperrungen hinweg ihre dünnen Hände nach ihm ausstreckten. So ein riesiges Gesicht. Gigantisches Kinn. Dabei eine kurze und knappe Stirn, wie bei einem Höhlenmenschen.
Messerschmidt glitt durch die Autos, die ordentlich in einer Reihe auf dem Parkplatz standen, als bewachten sie das Ende einer Zivilisation.
In einem der Autos war ein Wurf Katzen auf die Welt gekommen, die jetzt auf dem Schlossberg wohnten.
In einem anderen war ein Kind mit einer Bassflöte, die viel zu groß war für seine Finger, zu einer Schulaufführung gefahren worden; der schlimmste Abend seines noch jungen Lebens.
Die Rückbank eines anderen silbergrauen Wagens vibrierte immer noch von den heftigen Hüftstößen, die ein betrunkener glatzköpfiger Altenpfleger über seiner Kollegin mit dem rätselhaften Namen Solveig ausgeführt hatte; im Augenblick des Orgasmus hatte er einen heftigen Weinkrampf bekommen ( Ma… Ma… Martinaah-ha-ha-haahh … ) und ihr erzählt, sein bisheriges Leben sei eine einzige unausgesprochene Beichte, worauf sie sich keinen besseren Rat gewusst hatte, als sich an seine drahtig-verkrampfte Turnerschulter zu klammern ( Aber Max, nicht doch … nicht weinen … wird schon wieder … ) und ihn zu fragen, ob er sie vielleicht heiraten wolle — und ihr Herz spürte einen angenehm sanften Ruck, denn nun würde sie endlich ihren albernen Nachnamen loswerden, den alle Welt so schick fand.
Ein kleiner, roter VW war bis obenhin voll Platzangst. Messerschmidt schnürte es beinahe die Kehle zu, als er daran vorbeiging, denn es war jene Spielart von Angst, in der ein Mensch zu allem fähig ist, sogar auf sein brennendes Haus zurückzuschauen und sich vorzustellen, wie gerade alle verbrannten: seine Frau, seine Großmutter im Dachzimmer und sein Sohn, der im Rollstuhl saß und sich einbildete, das nächste Jahr noch zu erleben; zuviel ist zuviel.
Ein Mercedes, an manchen Stellen unheilbar zerkratzt. Ein eifersüchtiger Ex-Ehemann hatte mit seinem Wohnungsschlüssel, der nicht mehr sperrte, weil das Schloss ausgetauscht worden war, einen kleinen Eiskunstlauf vollführt, eine lange, elegante Gerade, die an Geschwindigkeit zunahm, dann eine Pirouette um das Schlüsselloch. Sie hatte ihn auf frischer Tat ertappt, und sie hatten sich beschimpft und bespuckt, und hinterher waren sie zusammen ins Gras gesunken, weinend und wild, verwegene Entschuldigungen zischend. Beide hatten sie im selben Augenblick daran gedacht, den anderen zu ermorden, und der Drang, es zu tun, hatte sich aufgelöst.
Ein völlig verfallener Wagen mit unbestimmbarem Baujahr. Er hatte viel gesehen. Zum Beispiel eine Tour in den Süden, ohne Geld, ohne Papiere. Einfach so drauflos. Dann wurde jemandem schlecht, dem jüngsten, der gerade erst die Matura hinter sich hatte, er erbrach sich mitten auf der Autobahn, direkt auf das große YU, das von einem X aus Klebestreifen durchgestrichen war.
Messerschmidt versuchte ein wenig schneller zu gehen, denn die Hündin schien unruhig, und vielleicht würde sie wieder fortlaufen und er bliebe hier hängen, in diesem zähen Gelee aus Zusammenhängen.
Das Auto eines Zahnarztes. Sein Leben war vorbei, schon seit dreizehn Jahren. Er hasste seine Familie, seine Arbeit, sein Gesicht beim Rasieren am Morgen. Er hasste seine Patienten, die mit offenem Maul auf seinem Stuhl saßen. Er hasste auch den Stuhl. Er hasste die Instrumente, mit denen er anderen Menschen wehtun musste. Er vermutete, das wäre die Hauptursache für seine Verzweiflung. (Messerschmidt wollte den Rest gar nicht wissen, er versuchte, sich loszureißen, aber er steckte fest.) Seine natürliche Unfähigkeit, anderen Leuten Schaden zuzufügen. Ein Defekt, mit dem er geboren worden war und der nun sein Leben vergiftete. Er musste seine Kinder anschreien, er musste seiner leichtsinnigen Frau verbieten, sein schwer verdientes Geld für jeden hirnlosen Unsinn auszugeben, er musste sie zum Weinen bringen. Und er musste Betäubungsmittel verabreichen, in die Wange oder direkt ins Zahnfleisch, damit die Leute nicht merkten, wie sehr er ihnen wehtat.
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