Clemens Setz - Die Frequenzen

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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In einem der letzten Lichtflecke des Abends stand Uljana und betrachtete aus den Augenwinkeln ihren Schweif, der noch einmal davongekommen war und jetzt unauffällig an ihrer Seite lag.

Sie drehte den Kopf, nach nichts Bestimmtem, und blieb an einem Fenster hängen. Das Fenster war blind und sinnlos, so wie alle Fenster. Und doch hatte sie das Gefühl, als müsste aus dem kleinen Rechteck jeden Augenblick ein Lebewesen springen, eine Ratte oder irgendein Insekt, das sie fangen und verzehren konnte.

Sie sah lange auf das Fenster, bis es abkühlte und sich zu den anderen Fenstern gesellte, genauso langweilig, genauso bedeutungslos wie alles ringsum. Irgendwann ging das Fenster auf, und eine dicke, alte Frau erschien und lehnte sich auf das Fensterbrett. Sie steckte sich einen Finger in den Rachen und erbrach sich auf die Straße.

Uljana schüttelte sich und die Überreste der Halskrause flatterten wie Flügel um ihren Kopf. Sie hatte sich geirrt. Es war der falsche Ort, obwohl alles stimmte, Autos, keine Menschen, Büsche. Das alles war sehr verwirrend.

Die Panne, dritter Akt

Eine notwendige Abschweifung

zu Ehren meines Einfallsreichtums

Wenn es zu einer globalen Katastrophe kommen würde, sagte meine Mutter einst vor langer Zeit, würde man einen kleinen Teil der Menschheit mit Sicherheit evakuieren. Die Mittel dazu waren ja vorhanden. Eine Rakete. Oder ein riesiges Schiff, so wie die Arche Noah.

— Die Vorform der heutigen naturhistorischen Museen, sagte mein Vater.

Der Zeitpunkt, ab dem meine Erinnerungen annähernd zusammenhängend sind, fällt mit der ersten Todesangst zusammen. Das Jahr 1986 und neue, weit entfernte Wörter wie Reaktor, Radioaktivität und Strahlung beherrschten das Tagesgespräch. All die unheimlichen Details. Die verwackelten Amateuraufnahmen von dem zerstörten Reaktorblock und die vielen Soldaten und Feuerwehrmänner, die mit einer so kompakten wie sinnlosen Atemmaske und einem baumelnden Lendenschurz aus Blei herumlaufen und Trümmer einsammeln. Die träge dahinfliegenden Helikopter, die über der Rauchwolke winzig kleine Sandsäcke wie Tränen fallenlassen. Und das pechschwarze Innere des Reaktors, glühende Trümmer, der blinde Fleck der Kamera, die nicht weiß, dass sie ihren eigenen Tod filmt. (In den Folgejahren gesellten sich andere Schrecken erregende Wörter hinzu, Sarkophag , der notdürftige Schutzmantel, der um den zerstörten Reaktorblock gebaut wurde und inzwischen undicht ist, oder Strahlenkrankheit . Bei der Strahlenkrankheit stellt sich kurz vor Eintritt des Todes für mehrere Tage eine scheinbare Erholung ein, der Patient fühlt sich besser, die Symptome, Durchfall, Blutungen und Übelkeit, gehen zurück — man nennt das die Walking-Ghost-Phase .)

Meine Mutter steckte uns alle mit ihrer Angst an. Erst mehrere Wochen nachdem die Bevölkerung gewarnt worden war, keine Pflanzen zu sammeln, nicht im Sand zu spielen und auch nicht in Flüssen schwimmen zu gehen, gestand sie uns, dass sie noch am Vortag der Verlautbarungen im Regen spazieren gewesen war. Im Regen! Den Regenschirm hatte sie inzwischen natürlich weggeschmissen; seine Speichen ragten aus der Mülltonne im Hof. Auch mein Sandspielzeug wanderte in zwei großen Plastiksäcken in den Müll. Ich durfte keine Milch mehr trinken und auch nicht vor die Tür.

Wenn ich am Fenster stand, hatte ich das Gefühl, dickere Luft zu atmen. Ich entdeckte Flecken auf meinen Händen und fragte meine Mutter danach. Sie nahm meine Hände in ihre — und ihre waren eiskalt. Dann schüttelte sie den Kopf und sagte:

— Es ist nichts. Das bildest du dir ein.

Mein Vater versuchte meine Mutter mit psysikalischem Fachvokabular zu beruhigen, zeichnete einmal sogar eine improvisierte Skizze eines Atomkraftwerks auf die Tafel (das harmloser aussah als ein Puppenhaus), aber er erreichte damit nur das Gegenteil. Sie bestand darauf, dass Europa an einem schleichenden Zelltod sterben würde, in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren.

Ich hatte wahnsinnige Angst und weinte oft nachts. Ich träumte von Männern in Schutzanzügen und Gasmasken, die lautlos durch unsere Wohnung gingen, während wir schliefen, und die Uhren an den Wänden verstellten.

Mein Vater hatte weniger Angst, er war verärgert. Als Atomkraftbefürworter hatte er für Fehler nichts übrig. Er schimpfte auf die Dummheit der Sowjetregierung und auf die Verantwortlichen, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste, ob es überhaupt Verantwortliche gab. Ich verstand nur sehr wenig von dem, was er meiner Mutter zu erklären versuchte. Alles drehte sich um einen bestimmten Typus von Mann, den typischen Sowjetmann, der ein Kind, ein Lauser, ein Rotzjunge geblieben war, obwohl er in einem grauen Arbeitsanzug herumging und auf internationalen Konferenzen öffentliche Erklärungen abgab, ein Mann, der nur nicht beschuldigt werden wollte und ungeheure Angst hatte vor den Strafen Gottes.

— Eine Frau wäre dazu nie im Stande, sagte mein Vater. Hätten sie das Kraftwerk voller Frauen gehabt, hätten wir jetzt nicht diese Pest am Hals.

Er schwitzte stark, während er sprach. Eine Frau würde nicht einfach alles unter den Teppich kehren, meinte er, und dann noch mit hochrotem Gesicht in einem unauffälligen Winkel der Erde warten, bis die Katastrophe von selbst ausgebrannt war.

— Bitte, lass, sagte meine Mutter schwach.

Sie lag auf der Couch, ihr Gesicht unter einem Polster. Was für meinen Vater ein politisches Spektakel war, an dem sich sein Verstand entzünden und sein Verantwortungsgefühl wund reiben konnte, war für sie der Jüngste Tag. Dass sie sich den Reaktorunfall von Tschernobyl so zu Herzen nahm, machte meinen Vater immer wütender. Schließlich stritten sie sich halbe Tage lang über die ökologische Zukunft Europas. Mein Vater schlug im Zorn mit der Faust auf den Fernseher, und dieser erlosch mit einem Blitz. Erst nach drei Stunden ließ er sich wieder einschalten und zeigte, wie aus Rache, die Nachrichten. Männer in schwarzen Uniformen gingen mit Wasserschläuchen durch das unscharfe Bild und wuschen verstrahlten Staub von den Fassaden des Geisterstädtchens Pripjat.

Seit dem Tag der Reaktorkatastrophe hat mein Gedächtnis keine größeren Lücken, besteht aus vielen konkreten Situationen, die allesamt zusammenhängen und aufeinander einwirken, immer noch. Eine Rube-Goldberg-Maschine vergangener Ereignisse. Davor ist alles ein Gewirr von einzelnen Szenen und unerklärlichen Bildern.

Ich war in einem Punkt vielleicht nicht ganz ehrlich. Mein Vater war an jenem Wintertag verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Ich stellte anfangs viele Fragen, die unbeantwortet blieben. Aber die Tatsache, dass meine Mutter keine Antworten mehr wusste, keine finden oder erfinden konnte, war nicht der Grund, warum ich sehr bald ganz aufhörte zu fragen.

Etwas lange Vergangenes fiel mir ein, etwas, das mit Verschwinden und Geheimhaltung zu tun hatte. Es ließ sich, nachdem es mir einmal eingefallen war, nicht mehr aus meinem Kopf vertreiben, die Erinnerung daran hielt mich nächtelang wach, störte meine Konzentration bei Schularbeiten und bescherte mir regelmäßig einen unerklärlichen Durchfall, infolgedessen ich fast fünf Kilo abnahm.

Es war mein erstes Schuljahr, eine unangenehme Zeit voller neu auferlegter Zwänge, Stundenpläne, Stillsitzen und die unfreiwillige Bekanntschaft mit einigen Kindern, die wie verkleidete Zwerge wirkten und jeden Augenblick die Maske von ihren verrunzelten Gesichtern reißen konnten, um Erwischt! Reingefallen! zu brüllen.

Meine Eltern ließen sich von meiner Niedergeschlagenheit anstecken. Aber natürlich nicht nur sie, sondern auch die Bäume vor dem Fenster, die Wolken, die Drehdinger an den Wasserhähnen (mit dem roten und dem blauen Punkt), sogar die Nachbarskinder, die in eine andere Schule gingen und mich nicht mehr wahrnahmen, weil meine Schule in einer anderen Parallelwelt lag, auch das Spielzeug, das in einer großen Holzkiste unter meinem Bett lagerte, die Sammlung Comic-Hefte, alles wurde um eine Spur trauriger, hilfloser und verschwiegener. Die Batterien in einer großen Actionfigur, die einige Militärkommandos auf Knopfdruck sprechen konnte, waren eines Morgens einfach leer, und es gab keine Möglichkeit, den Deckel auf dem nackten, muskulösen Rücken der Figur zu öffnen, um sie zu wechseln. Kein Schraubenzieher passte in derartig winzige Schrauben.

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