— Ich versteh nicht, sagte der Dickere der beiden. Nein, ich versteh wirklich nicht, wie wir das hinkriegen sollen. Diese scheiß Künstler!
Er ließ seinen Zeigefinger wie einen verrückt gewordenen Satelliten um sein Ohr kreisen und sagte:
— In dem Konzeptpapier, das er uns geschickt hat, steht: Flackerndes Licht . Hm …
Er kratzte sich an der Wange.
— Konzeptpapier, äffte der andere ihn nach.
— Ja, ha! Ich meine: das handschriftliche Fax, das heute Morgen in der Kaffeekassa gelegen ist.
Die Männer lachten. Sie lehnten sich zurück und stießen die Luft durch die Zähne aus:
— Ts-s-s!
— Aber ernsthaft, fragte der erste Arbeiter, kannst du dir was drunter vorstellen?
— Nicht wirklich. Er meint wohl, so wie wenn man im Keller das Licht anmacht und die Glühbirne hat einen Wackelkontakt und flimmert die ganze Zeit. Aber wie sollen wir das mit einer gesunden Glühbirne hinkriegen?
— Dabei ist das bestimmt nicht einmal ungefährlich. Was ist, wenn wir einen Kurzschluss oder einen Kabelbrand verursachen?
— Na ja, dann brennt dieser hässliche Klotz hier ab.
— Hast Recht. Auch kein großes Unglück.
— Eben. Und kein Haus in der Nähe, nur dieser Parkplatz. Vielleicht fängt diese Hecke dort Feuer, wer weiß. Aber sonst ist der Platz perfekt für ein kleines Feuerchen zur Eröffnungsfeier.
— Weißt du was, mir ist das alles zu blöd. Schrauben wir die Birne halt nur zur Hälfte rein, dann wird sie schon flackern.
— Gut, probieren wir’s.
Der Schlankere der beiden Männer griff durch die enge Raumschiffluke ins Innere der Säule. Er berührte die Glühbirne mit der Hand und schrie auf.
— Aaah!
— A wie Anfängerfehler, du sagst es! Hahaha!
Der andere klopfte sich auf den Schenkel.
— Scheiße! Au! schrie der Dünne, blies auf die verbrannten Finger und klemmte sie sich unter den Arm.
— Mach du, sagte er. Ich bin verletzt.
— Ach Quatsch, du bist nicht verletzt. So lang hat das Licht ja noch gar nicht gebrannt.
— Los jetzt! Ich hab keine Lust, den ganzen Tag mit dir zu streiten. Ich bin froh, wenn ich diese blöde Säule nicht mehr sehen muss.
— Schon gut, schon gut.
Der Dickere wickelte sich einen Fetzen um die Hand und schraubte die Birne aus der Fassung. Er schraubte und schraubte und — plötzlich ging das Licht aus.
— Du musst es mit Gefühl machen, sagte sein Kollege, der seine Hand immer noch unter den Arm geklemmt hatte.
— Versuch ich doch.
Er schraubte langsamer. Das Licht flimmerte einmal auf, dann war es wieder dunkel.
— Das ist mit Abstand der dümmste Auftrag, den wir je bekommen haben!
— Warte, ich hab’s gleich …
Das Licht flackerte auf, ging wieder aus, flackerte.
— Genau so, sagte der Dünne. Das ist perfekt. Flackernder geht’s nicht.
Er beobachtete mit offenem Mund, wie sein Kollege die Glühbirne vorsichtig losließ. Sie hing ganz still an ihrem Kabel von der Decke.
— Okay. Dann probieren wir’s mal. Es soll schließlich auch bei der Eröffnung morgen Abend funktionieren.
Der Dickere steckte den warm gewordenen Fetzen zurück in seine Hosentasche und schaltete das Licht aus. Dunkelheit. Er wartete ein paar Sekunden, tauschte einen viel sagenden Blick mit seinem Kollegen, dann schaltete er wieder ein. Ein elektrisches Knirschen ertönte, dann explodierte die Glühbirne, und Glassplitter regneten zu Boden.
— Scheißdreck! brüllte der Dünne, warf seine Haube auf den Boden und trat gegen die Säule. Ich bring dich um, du verdammtes Scheißding, ich bring dich um!
Ich hasse es, wenn Leute zuerst lang und breit in den Telefonhörer atmen, bevor sie sich dazu herablassen, ein Wort zu sagen.
– Äh …
— Hallo?
– Äh … ja, also … hier ist dein … äh …
Die Stimme am anderen Ende der Leitung machte tatsächlich noch einmal Äh , damit ich sie identifizieren konnte. Nachdem ich sie erkannt hatte, setzte ich mich auf den Fußboden, Gott sei Dank auf den Fußboden, denn im selben Augenblick flogen mehrere Handgranaten zum offenen Fenster herein, darunter auch kleinere Raketen und Giftpfeile, die federnd in der Wand stecken blieben, in der Winterlandschaft, die auf dem heutigen Kalenderblatt zu sehen war, und in meinem Lieblingsposter, einer verkleinerten Reproduktion von Paul Klees Meisterwerk Die Zwitschermaschine , dieser herrlichen Fantasie mit den spiralhalsigen Vögeln, die durch eine Kurbel in Gang gesetzt werden konnten, ach ja, diese unschuldigen, kleinen, kindlichen Vögel, und jetzt steckte da ein gefährlicher Pfeil mitten im Bild, und schon riss es entzwei, wohl wegen der wilden Zersetzungskraft des Giftes und des Drucks der Explosionswellen, welche in konzentrischen Kreisen durch mein Zimmer jagten — ich konnte nicht mehr atmen, mir blieb die Luft weg, wie in einem Überschallflugzeug ohne Pilotenkanzel, dem Wind ausgesetzt, diesem immerwährenden Aufprall gegen die trägen, alles zersetzenden Luftmassen, die die Gesichtshaut in absurde Schlottermasken verwandeln, in groteske Faltenspiele, und die den Mund mit heißer Luft füllen, sodass man die Lippen nicht mehr schließen kann und mit einem dämlich aufgeblasenen Pferdegrinsen, einsam zwischen Himmel und Erde zappelnd, in einem kleinen, kompakten Höllengefährt, seinen Geist aufgibt mit einem letzten, niederfrequenten Gnadenlaut:
— Oh.
Das Telefon löste sich von meinem Ohr. Vorsichtig, mit zitterndem Daumen, legte ich auf. Ich drückte den entsprechenden Knopf. So. Das heutige Datum erschien, darunter Uhrzeit und Dauer des Anrufs. 0:49. Neunundvierzig Sekunden. Neunundvierzig, sieben ins Quadrat. Eine hässliche Zahl. Mein Sinn für Synästhesie teilte ihr die Farbe Rot zu. Die Sieben ist eher gelb, vielleicht ein wenig orange.
Gelb mal Gelb ergibt also Rot.
Ich überprüfte noch einmal, ob ich auch wirklich aufgelegt hatte. Dann schaltete ich das Handy aus und legte es vor mich auf den Tisch, wie einen glühenden Stein.
Nervös ging ich im Zimmer auf und ab, so wie es schlechte Schauspieler tun, die Anwälte beim großen Schlussplädoyer verkörpern.
Ich fütterte das Buch, das ich heute Morgen angefangen hatte ( Das Konversationslexikon der Jenseitsmythen , ich hatte es mir von Lydia ausgeliehen und nie zurückgegeben), mit einem Lesezeichen, obwohl ich die Seitenzahl jedes Mal automatisch im Gedächtnis behielt. Außerdem ist da diese seltsame Angewohnheit von Taschenbüchern, sich selbst an der Stelle, an der man sie verlässt, wieder aufzuschlagen, wenn man sie mit dem Rücken auf den Tisch legt. Die verlorene Seite erscheint, man erkennt sie auf den ersten Blick, und dann — ein zweiter, liebenswerter Effekt dieser Semi-Lebewesen aus Papier und Karton: Sie überlegen es sich anders, blättern sich selbst weiter, ein, zwei Seiten, die aufstehen, wie eine nicht zu bändigende Haarsträhne nach einer schlaflosen Nacht.
Es besänftigt mich, über Bücher nachzudenken, aber jetzt brauchte ich etwas Stärkeres. Ich musste jemanden umbringen.
Ich führte am Balkon ein imaginäres Telefongespräch mit jemandem, der ein schwaches Herz hatte. Nachbarn erschienen an ihren Fenstern, schauten zu mir herüber, schauten in den Himmel, dachten ihre unschuldigen Gedanken, nahmen ihre Heiligenscheine für einen Augenblick ab und klopften sie an ihrer Schulter ab. Kleine Staubwölkchen schwebten in der stillen Abendluft.
— Ach ja? brüllte ich. Dann sag ich dir etwas … sie kommt bei dir nicht einmal im Entferntesten auf ihre Kosten, wenn du weißt, was ich meine … Ja … ganz genau … Ach, bitte, hör auf, ins Telefon zu röcheln, was soll denn das …? Hallo? … Ernst? … He, rede mit mir, verdammter Idiot! … Ernst! … Ich hör dich doch atmen! … Ach, Scheiße …
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