Halbwüchsiger prügelt sich mit Pantomimen
Der Schauspieler und Pantomime Anselm S. (38) musste sich am Samstag auf einiges gefasst machen, als der Gymnasiast Alexander K. seinen Weg kreuzte. Wie der Angegriffene später detailgetreu schilderte, habe Alexander K. (18) den ahnungslosen Künstler, welcher auf seinem Stammplatz vor dem Grazer Rathaus die Passanten mit seinem Programm schon seit mehreren Jahrzehnten unterhält und bereits den Ruf eines „Grazer Originals“ genießt, attackiert.
Nach dem Bericht von Augenzeugen warf sich Alexander K. auf Anselm S., der durch diese Attacke augenblicklich das Gleichgewicht verlor. Anschließend schlug der Täter auf sein am Boden liegendes Opfer ein. Das Opfer erlitt neben einer blutigen Nase auch Bissspuren an der Wange. Am schlimmsten wiegt eine Prellung des linken Ellenbogens, welche eine Ausübung seines Brotberufs für die nächsten Wochen unmöglich macht.
Ein Freund des Pantomimen, der zufällig anwesend war und dazwischen ging, konnte den Angreifer schließlich überwältigen und ein Ausarten der Situation verhindern.
Der Angreifer, der kurz vor der Matura steht, gab übermäßigen Stress als Ursache für sein Verhalten an. Er habe sich von dem Pantomimen provoziert gefühlt.
Man muss sich das vorstellen: Zur Strafe für mein Vergehen werde ich auf ein früheres Alter zurückgestuft. Ich komme wieder in die erste Klasse der Volksschule. Meine noch junge Beziehung zu Lydia wird für nichtig erklärt; sie wird hinter eine große Metalltür mit Nummernschloss gesperrt.
Vor meinen Augen wird jede einzelne Prüfung, jeder langweilige Biologietest, jede halsbrecherisch schwierige Mathematikschularbeit, jedes fünfminütige Diktat, das ich in meinem Leben bestanden habe, annulliert. Ich bin, rechtlich gesehen, wieder sechs Jahre alt.
Vor einer Prüfungskommission, die aus ein paar alten Männern und drei glatzköpfigen Schaufensterpuppen besteht, die in bedeutungsvoll-bedrohlichen Gesten erstarrt sind, werde ich einer brutalen Befragung unterzogen, die schon nach wenigen Sekunden vorbei ist. Man zeigt mir ein Foto des verletzten Pantomimen und ich breche in Tränen aus. Ich bekomme ein Zeugnis in die Hand gedrückt, das mir bestätigt, dass meine Reife ungefähr derjenigen eines Dreijährigen entspricht. Gnadenhalber werde man mich wie einen Sechsjährigen behandeln, versichert man mir.
Ich schluchze, entschuldige mich und bringe ein paar Argumente vor.
Man schleppt mich fort, direkt in ein Klassenzimmer. Der unangenehm süßliche Geruch von Volksschulkindern. Mir wird sofort übel, ich will mich umdrehen und den Raum verlassen, aber man drückt mich auf eine der viel zu kleinen Schulbänke nieder.
In den folgenden Monaten muss ich mich mit Grundrechnungsarten, der Uhr und den ersten Spaziergängen im lateinischen Alphabet beschäftigen. A wie Ap-fel. O wie O-ma .
In meiner Verzweiflung biete ich der Lehrerin Geld an. Sie weist mich darauf hin, dass Dreijährige, Verzeihung, Sechs jährige über kein eigenes Bargeld verfügen können, auch ein Bankkonto könne ich nicht besitzen. Das seien alles Hirngespinste. Mein eigentliches Problem sei, es fehle mir an Konzentration. Zu viele Videospiele und Actionfilme. Deswegen auch all diese Fantasien vom Erwachsensein. Deswegen meine furchtbare Ungeduld.
Ich gehe noch weiter, biete ihr Liebesdienste an, was sie mit einem milden Lächeln abtut.
Ich bin unfähig, noch etwas zu erwidern. Es gibt nur taube Ohren.
In der Pause führe ich auf dem Schulhof laut Selbstgespräche:
— Es war doch nur eine harmlose Rauferei. Kein Grund, mich deswegen gleich zu einem Sonderfall abzustempeln, der nicht bis drei zählen kann! Das kann man doch nicht machen …
Wegen der Selbstgespräche werde ich zum Schulpsychologen geschickt. Der gibt mir eine Injektion in den Oberarm, die mich ein wenig beruhigen soll. Von der Spritze und dem beißenden Krankenhausgeruch, den der Schulpsychologe verbreitet, wird mir schlecht, und ich bitte darum, nach Hause gehen zu dürfen. Zu Hause warten bestimmt schon meine völlig verzweifelten Eltern auf mich.
Meine Mutter öffnet mir die Tür. Auf der Kühlschranktür hängt der Zeitungsartikel über meine Schlägerei. Mein Vater ist nirgends zu sehen. Aber wenn man ganz leise ist, kann man sein Schluchzen aus dem Arbeitszimmer hören. Oder aus den Wänden. Meine Mutter setzt sich zu mir.
— Noch einmal alles von vorn, sagt sie kraftlos. Gerade haben wir uns an dieses Leben gewöhnt, weißt du, gerade bist du, ich meine, gerade bist du erwachsen geworden, mein Gott, noch einmal das Ganze … Elternabende … Ausflüge … Schularbeiten unterschreiben … Krippenspiele mitorganisieren … mein Gott, mein Gott …
— Aber es ist doch nicht meine Schuld, der Clown hat mich provoziert!
— Der Pantomime.
— Ja, meine ich ja, der Pantomime. Er hat mich provoziert.
— Hm. Das ist jetzt leider auch nicht mehr wichtig. Alles noch einmal von vorne …
— Ich lasse das nicht mit mir machen, schreie ich. Ich werde alle Prüfungen noch einmal machen, im Eiltempo, ich versprech’s!
Meine Mutter schaut ungläubig. Sie erinnert sich noch lebhaft daran, wie es war, mit mir zu lernen, sie, als allein erziehende Mutter, kein Mann im Haus, der mal auf den Sohn aufpassen und ihm erklären würde, wozu er sich mit all dem Unsinn beschäftigen muss, warum ausgerechnet Geografie und Geometrisches Zeichnen und Französisch für sein späteres Leben so wichtig sein werden. Alles hat sie allein durchstehen müssen.
— Es gibt doch auch hochbegabte Kinder, sage ich, Kinder, die schon mit dreizehn studieren und selbst dann noch ihre Kommilitonen überholen! Und für die Volksschule bin ich ja in gewisser Hinsicht auch überbegabt. Die könnte ich in einer einzigen Woche machen, wenn man mich nur lässt.
— Ja, du bist ein sehr kluges Kind, sagt meine Mutter mit einem Lächeln, das im Grunde nur aus Augenfalten besteht.
Sie sagt diesen freundlichen Satz, aber ihre gekrümmten Hände auf der Tischplatte sagen auch: Alles, alles noch einmal von vorn. Alles allein. Nur wir beide, Mutter und Sohn, so wie all die schwierigen Jahre hindurch. Allein .
Ich zucke zusammen, fast falle ich vom Sessel. Mühsam richte ich mich wieder auf. Ich hab nicht geschlafen, denke ich. Ich hab nicht geschlafen. Nicht hier.
Im Warteraum ist es ein wenig dunkler geworden. Schräg einfallende Sonnenstrahlen bilden einen hellen Fächer auf dem Linoleumboden.
Ich blicke mich um, entdecke eine türkische Familie, die wie ich auf etwas wartet. Ein dicker, gemütlicher Mann. Eine Frau mit Kopftuch und einer kleinen, eleganten Brille. Ein kleines Mädchen. Sie alle sprechen kein Wort. Der Mann sieht mich nach einer Weile an und lächelt. Ich lächle zurück und senke den Blick.
Die Sekundenanzeige auf meiner Armbanduhr. 04. 05. 06.
Der Wind warf ein einzelnes Zeitungsblatt hin und her. Es klatschte gegen eine Mauer, blieb kurz daran kleben, stürzte dann Hals über Kopf weiter und ohrfeigte eine Straßenlaterne. Irgendwann verlor der Wind das Interesse an dem Blatt und ließ von ihm ab; es blieb still zwischen anderem Straßenmüll liegen.
Uljana hatte sich mehrere Stunden abgemüht. Jetzt endlich hatte sie den Stellungswinkel ihrer Beine gefunden, sodass es funktionieren müsste. Sie drückte mit ihrem Hinterlauf — der Plastikring um ihren Hals schob sich nach oben, wellte ihr Fell, dann war der Ring über den Bereich hinaus, wo sonst immer das Halsband ihrer Leine rieb, und begann an ihren empfindlichen Ohren zu reißen.
Es half nichts, es tat so weh, dass sie aufhören musste. Schnaufend machte sie ein paar Minuten Pause, schnupperte verloren auf dem Boden herum und hörte dem weißen Rauschen der Niederlage zu, das ihren kleinen, rotbraunen Kopf erfüllte. Das Rauschen wurde lauter, Uljana schnüffelte Blätter an, die am Boden klebten, das Rauschen ging über in ein Brüllen — und sie sprang auf, biss sich in ihren Schwanz, bis sie vor Schmerzen aufjaulte.
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