Clemens Setz - Die Frequenzen

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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Messerschmidt mochte das Riesenrad, auch wenn es längst verschwunden war.

Endlich ließ der Lampion ihn los, und er war zurück in der alten Wohnung. Ein unangenehmer Geruch ging durch seinen Kopf. Er versuchte sich gegen sein unerwünschtes Eindringen zu wehren, aber es half nichts, der Geruch durchspülte ihn und es war unmöglich, ihn nicht wiederzuerkennen.

картинка 15

Schaufensterpuppen sind dazu da, uns an den Anblick abgetrennter Köpfe und Gliedmaßen zu gewöhnen; damit wir nicht jedes Mal schreiend davonlaufen, wenn wir sie im wirklichen Leben antreffen. Verrenkungen, Amputationen, verstümmelte Unfallopfer — wir denken dann automatisch an Mode, die neuesten Herbstfarben und die beruhigende Hintergrundmusik in einem Kaufhaus.

Walter stand zwischen dichten, drehbaren Gebüschen aus Kleidung. Der frische Geruch von nie getragenen Hosen. Seine Finger glitten über den Stoff. Er fühlte sich entsetzlich. Nachdem er Alexander getroffen hatte, war er mehrere Tage nicht aus dem Haus gegangen. Jetzt war er zum ersten Mal wieder draußen, im Schutz einer teuren Boutique.

Er fühlte sich schuldig, und die harmonische Stimme von Jeremias Lengel spukte durch seinen Kopf.

Diese Hose fühlte sich angenehm an, aber dann kamen welche, bei denen sich seine Haare aufstellten. Filzig rau. Er fragte sich, woher dieses Ekelgefühl bei der Berührung bestimmter Oberflächen komme, was für eine evolutionäre Begründung es dafür wohl geben mochte. Kratzspuren auf Baumrinden. Verletzungsgefahr, automatisch entdeckt von sensiblen Fingerkuppen. Oder es hatte überhaupt keinen Sinn und war einfach nur da.

Nur aus Neugier sah er sich ein Preisschild an. Dreistellig. Und das für eine einfache Hose!

Trotzdem wollte er sie anprobieren, nur um zu sehen, was er verpassen würde. In der Umziehkabine war es dunkel. Er entdeckte eine niedrige Designerlampe, trat näher und zog die Spülung.

Weiches Licht ergoss sich über seine Beine, wie der Wasserstrahl einer Dusche in einem Hotelzimmer, das vorher von einem Zwerg bewohnt worden ist. Er zog seine Hose aus, hängte sie über einen Bügel. Da die Hose, die er probieren wollte, etwas zu eng war, hatte er Schwierigkeiten, in die Hosenbeine zu steigen. Er fesselte sich selbst und kippte in der engen Umziehkabine zur Seite. Als er gegen den Spiegel stieß, hinterließ er mit der Wange einen hässlichen fettigen Fleck.

Er war ekelhaft, er war verabscheuenswert.

Eine Weile überlegte er, ob er einfach so, mit der viel zu engen Hose um die Beine, aus dem Geschäft gehen sollte. Verdient hätte er es ja: aufgehalten und geschnappt zu werden, angeklagt zu werden. Was würde sein Vater sagen, was seine Mutter. Und Mirja mit ihrem stumpfsinnigen Komplizenblick.

Sie alle würden mit dem Finger auf ihn deuten, und sie hätten auch noch Recht damit.

Er stand da, einsam in der Kabine, und Tränen rannen ihm über die Wangen, ohne dass er gerade welche gebrauchen konnte. Er trocknete sie an seiner eigenen Hose, die sich ihm wie ein Handtuch anbot.

Mistkerl, sagte er leise. Sein Gesicht im Spiegel sagte dasselbe, untermalt von einer hässlichen Fratze.

Er wartete, bis er sich wieder beruhigt hatte, dann zog er sich an, legte die viel zu teure Hose ordentlich zusammen und hängte sie zurück an den Metallast, von dem er sie gepflückt hatte. Er verließ die Boutique, niemand hielt ihn auf, niemand schlug ihn nieder. Obwohl er es verdient hätte. Nur sein eigener Schatten folgte ihm: ein hässlich gebogenes Ding, eine Deformation, die ihn überallhin begleitete, außer in die Dunkelheit.

Er prallte gegen jemanden, der sinnlos am Eingang herumstand, und entschuldigte sich — aus unerklärlichen Gründen auf Französisch.

Excusez-moi!

Attacken

Ich trat an den Anmeldeschalter. Ich legte beide Hände auf das Trenngeländer, als befände ich mich auf einem Balkon mit Aussicht auf ein weites Schlachtfeld.

— Grüß Gott.

Die Empfangsdame reagierte mit einem Lächeln, das sich mühsam in ihrem Gesicht aufrichtete wie ein alter Mann in einem Sessel.

Sie fragte mich, wie sie mir helfen könnte.

— Dr. Valerie Messerschmidt bitte.

— Auf welcher Station arbeitet sie?

— Nein, sie ist gestern eingeliefert worden. Eine Patientin.

Die Anmeldedame lachte über das kleine Missverständnis. Dann kitzelte sie ihren Computer, bis dieser mit der Wahrheit rausrückte. Sie nannte mir das Stockwerk. Unfallchirurgie.

Eine merkwürdige Gestalt erschien am Ende des Korridors, wurde kurz unsichtbar, lief dann weiß an (so wie menschliche Wesen zuweilen rot anlaufen) und stellte sich vor eine Tür. Ein Clown mit riesigen Schuhen. Ein Klinikclown. Er sah mich nicht.

Er stand ganz still da, vor einer grauen Krankenzimmertür am Ende des langen Korridors. Der Clown sah zu Boden, und etwas in seinem verunstalteten Gesicht bewegte sich. Erst als er seine Hand zum Mund führte und küsste, bemerkte ich, dass er gebetet hatte. Er riss die Tür vor sich auf und stieß ein lautes Gelächter aus. Er versuchte durch die Tür zu gehen, aber natürlich hielt ihn irgendetwas zurück, es war sein dicker, ausgestopfter Hintern, also rutschte er aus und kugelte ins Zimmer. Ich sah ihn nicht mehr. Die Tür fiel von alleine hinter ihm zu.

Ich setzte mich wieder auf den Wartesessel. Frühestens in zwanzig Minuten, hatten sie gesagt. Eine Viertelstunde war vergangen und niemand war zu sehen. Da ich mich hastig auf den Weg gemacht hatte, hatte ich noch keine Zeit gehabt, das Mehl von meinen Schuhsohlen zu putzen. Außerdem hatte ich in der Eile vergessen, nach Fußspuren zu suchen. Wenn welche da waren, hatte ich sie beim Verlassen der Wohnung bestimmt verwischt.

Hin und wieder erschienen Schwestern, die große Metallgestänge oder einen unförmigen Essenswagen herumführten, der aussah wie Leonardo da Vincis Entwurf eines Panzers. Der einzige Zivilist, der auftauchte, während ich wartete, war ein alter Mann mit verbundenem Kinn.

Vermutlich hingefallen, dachte ich. Wie ich damals vor dem Sedlatschek. Der alte Vollidiot, was machte er jetzt wohl gerade? Lebt vor sich hin, atmet, hustet, atmet freier, schläft im Stehen plötzlich ein. Spielt Schach gegen die Zukunft, die zweite Etage, die Bettenstation. Eigentlich ein guter Mensch. Einer, der Unterhaltung liebt, wie wir alle. Bestimmt.

Die Uhr zeigte bereits eine Minute nach. Einundzwanzig Minuten. Die Nachspielzeit hatte begonnen, natürlich, Menschen waren keine Roboter, vor allem nicht Ärzte. Allerdings hatte ich jetzt keinerlei Anhaltspunkte mehr, wie lange es noch dauern konnte.

Ich versuchte still zu sitzen.

Aber schon bald musste ich aufspringen und ging auf und ab.

Ich nahm einen leeren Kaffeebecher aus einem Müllkorb und zerknüllte ihn.

Nach ein paar Minuten erschien der Clown wieder. Mit ein paar sparsamen Handbewegungen richtete er seine Kleidung und stellte sich vor der nächsten Tür auf. Diesmal sah ich sogar, wie er das Kreuzzeichen schlug. Welcher Patient freut sich heute noch über einen Clown?

Ich stellte mir vor, wie ich ihn zusammenschlug, langsam und genüsslich. Ihn Stück für Stück auseinanderzunehmen wäre jetzt genau das Richtige.

Ich musste an eine Episode mit Lydia denken. Ein Tag wie hinter prismatischem Glas, das alle menschlichen Figuren in pointillistische Gespenster verwandelt, die sich in Pixel auflösen, wenn sie sich entfernen.

— Damit das gleich klar ist, sagte sie. An meinem Gesicht hat dein Ding nichts verloren, geschweige denn in meinem Mund!

— Aber warum denn auf einmal?

— So eben.

— Mache ich vielleicht einen unsauberen Eindruck?

— Dann wäre ich ja wohl kaum mit dir zusammen!

— Was ist es dann?

— Weißt du was, du kannst wirklich nerven!

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