Clemens Setz - Die Frequenzen

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Die Frequenzen: краткое содержание, описание и аннотация

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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Was ist deine Lieblingsverletzung? , rief ich ihr nach.

Vor der Wohnungstür hörte man wieder das Geräusch des Gespensts, ein mehrteiliges Poltern, dann ein Knall. Ich wollte nachsehen gehen, aber ich war zu schnell aufgestanden, und der Raum drehte sich und wurde dunkel. Als die Blutzirkulation wieder in Gang gekommen war, ging ich zur Tür und sah auf den Flur hinaus. Nichts. Stille. In einem anderen Jahrhundert hätte jemand Mehl auf dem Boden verschüttet, um Fußspuren des nächtlichen Besuchers zu sichern.

Lydia rief aus der Küche:

— Redest du mit mir?

Ich nickte, obwohl sie es natürlich nicht sehen konnte.

Bei dem. Verbal … bei dem . Wieso sagte sie Bei dem ? Sie wusste doch nicht einmal, von wem die Rede war. Es war möglich, dass ich schon von Max erzählt hatte, aber es hatte über die Jahre so viele Betreuer gegeben.

Wie würdest du gerne sterben?

Sitzend unter einem großen Familien-Esstisch, schwach und unbeweglich wie ein Schaukelpferd, gelehnt an das einzige, zentrale Tischbein, umgeben von Knien, auf denen faltig das Tischtuch ruht, umgeben von nervösen Füßen, die in Schuhen und Haussandalen stecken, und über mir die Essgeräusche, die jahrhundertealten Diskussionen über bevorstehende Hochzeiten, ungünstige Arbeitsbedingungen, kommende und gehende Jahreszeiten und die ewige Uneinholbarkeit mächtiger Menschen; das Lachen der alten Tante, die von Beruf Hospizschwester ist und auf einem Ohr nichts mehr hört und geistesabwesend versucht, es abzunehmen wie einen kaputten Kopfhörer; die nirgends dazupassenden Zwischenrufe der Kinder, die sich entsetzlich langweilen und lieber an einem heißen Tag Steine auf leer stehende Fabrikhallen werfen würden; der kurze Streit um das letzte Stück Kotelett und die friedlichen Kompromisse, welche von den ältesten Frauen am Tisch erwirkt werden — das alles über mir, schwebend, eine schirmende Wolke aus vertrauten Stimmen, nur ein paar Zentimeter jenseits der Tischplatte, in deren vollkommenes Schwarz meine Augen starren: Natürlich wäre das die schönste Art zu sterben, in einem Raum voller Menschen, denen man fürs erste die Welt überlassen kann, in deren Gegenwart man sich gleich in Nichts auflösen wird, hier in diesem alten, bei Tag oft durchwanderten Esszimmer, ohne dass sie etwas davon ahnen.

Lydia stammt aus einer sehr alten, weit verzweigten Familie. Alte Familien haben etwas Beruhigendes. Ich war bei einigen der großen Familienzusammenkünfte dabei. Eines dieser Treffen fand in einem Hotel in der Schweiz statt, man hatte eigens einen Trakt des Gebäudes zu diesem Zweck gebucht. Ich war sehr aufgeregt. Lydia stellte mir an diesem Tag mindestens neunhundert Menschen vor, die mich allesamt nach meiner Identität fragten, nach meinen Qualifikationen, meinen Talenten. Es hatte etwas sehr Erregendes, hinterher mit Lydia im Bett zu liegen, mit einer Vertreterin einer uralten, mächtigen Familie, dem geschmeidigen Konzentrat eines meilenlangen Ahnenregisters. Natürlich hatte auch sie das charakteristische Familiengesicht, das mir im großen Festsaal des Hotels überall begegnet war, gespenstisch vervielfacht wie in einem Traum.

Wer ist dein Lieblingsheld aus dem wirklichen Leben?

Der selten gewordene, halb betrunkene Mann in manchen Restaurants, der eine kleine Plastiktüte aufbläst, die Öffnung zuhält, kurz in die Runde schaut und lächelt — und dann: PAFF! Die Gäste schrecken hoch, halb zerkaute Bissen fallen von erstarrten Unterlippen, silbernes Besteck bleibt mitten im Gleitflug zwischen Teller und Mund stehen, Servietten heften sich an Lippen, als klebten sie fest. Menschen verwandeln sich in Blicke.

Ich faltete meine Stoffserviette auf. Bestimmt machte ich es falsch. Nein, natürlich konnte man sie nicht aufblasen, nur auf den Schoß legen, das war alles.

Welche seltsame Empfindung hast du jedes Mal, wenn Lydias versnobte Bilderbucheltern zu Besuch kommen?

Das Gefühl, ein sabberndes Baby zu sein, das bei einer Hunde- oder Katzenschau mitmachen muss, obwohl es doch ein Menschenkind ist. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, ganz einfach, weil ich nicht gut genug bin. An sich ja nichts Schlechtes. Kein Beinbruch, keine Krankheit und auch kein evolutionärer Nachteil. Aber in der Situation … Dieses Ausfragen, diese mit Sicherheit schon auf der Herfahrt im Zug (erster Klasse) vorbereiteten Fragen nach meiner Arbeit, nach meinem Studium, nach mir selbst. Ja, wer bist du eigentlich? Und warum bist du mit meiner Tochter zusammen? Sicher, ihr kennt euch schon recht lange. War deine erste Frau überhaupt, ja? Niedlich. Dann wird sie auch immer deine Frau bleiben. Bei seiner ersten Liebe bleibt der Mann, er hat gar keine andere Wahl .

Ich entschuldigte mich und ging auf die Toilette.

Sind SIE verantwortungsvoll?

Ein Schild über einem Kondomautomaten. Luftballone. Clowns.

Während ich urinierte, wählte ich mit einer Hand Valeries Nummer. Ich konnte sie bereits so sehr auswendig, dass in meinem Kopf jedes Mal ein schmerzhaftes, gespenstisches Echo entstand, wenn ich sie wählte. Es läutete mehrere Male, dann wurde das Klingeln um einen Viertelton höher, und eine Metallstimme übernahm das Gespräch und bot mir an, eine Nachricht in ihrem unerschöpflichen Gedächtnis zu hinterlassen.

Als ich aus der Toilette kam, fand ich mich in der Nähe der Ausgangstür. Draußen herrliche Abendluft. Freiheit und Straßenverkehr. Die Chance, von einem großen Auto überfahren zu werden. Ich blickte um mich. Von hier konnte man den Tisch nicht sehen. Ich machte einen vorsichtigen Schritt Richtung Ausgang.

— Ja, ja, flüsterte die Tür. Komm nur. Es geht ganz leicht.

Sie öffnete sich und ließ einen Statisten herein, als wollte sie mir demonstrieren, wie geschmeidig sie auf und zu ging, es brauchte nur wenig, und schon war man in Freiheit und konnte sich aufmachen zu Valeries Wohnung und, wer weiß, einfach mal anläuten und dann eilig etwas zusammenimprovisieren, dass sie mir gefehlt habe, ja, mitten in der Nacht, auf dem Weg hierher habe ich sogar einen Ständer bekommen, also, was ist, lässt du mich herein, oder sollen wir’s gleich hier auf der Schwelle –

— Hier bist du.

Lydia berührte mich von hinten an der Schulter, und mein Herz fiel zu Boden. Ein Kellner, der zufällig gerade vorüberging, hob es auf und klemmte es sich wie eine Zigarette hinters Ohr.

— Alles in Ordnung? fragte Lydia.

— Ja, ja …

— Gleich hast du’s überstanden, sagte sie leise und zärtlich. Und wenn wir zuhause sind, werde ich dich richtig verarzten.

Sie strich mit der Hand über meinen Hintern.

Kannst du dir das überhaupt leisten?

Michaels unbewegter Blick wiederholte diesen Satz so lange, bis er überhaupt keinen Sinn mehr ergab. Der Kellner zog meine Bankkarte so schnell durch das Lesegerät, als wollte er eine Halsschlagader durchtrennen. Ein rotes Lämpchen leuchtete auf. Die Maschine war um einen ruhigen und höflichen Tonfall bemüht: KARTE DEFEKT? STECKRICHTUNG KONTROLLIEREN .

Während ich den schwarzen Datenstreifen der Karte an meinem Ärmel abwischte, lächelte ich den Kellner zuversichtlich an. Er schaute meinen Bewegungen aufmerksam zu, als sähe er darin einen tieferen Sinn.

Ich versuchte es erneut. Wieder leuchtete das rote Lämpchen.

— Wieder rot, sagte ich. Kann doch nicht sein. Geben Sie her.

— Hm, machte der Kellner, dem das lange Stillstehen keinen Spaß mehr machte (der natürliche Zustand eines Kellners ist der freie Galopp).

Ich polierte die Karte ein zweites Mal. Dann fiel mir ein:

— Warten Sie, ich habe noch eine zweite …

Wird das noch lang dauern? , sagte das Gesicht von Lydias Vater mir gegenüber. Er fasste sich an die Nase, bedeutete mir irgendetwas, starrte, zwinkerte.

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