Ah, dieser Alex hatte ihm immer Angst gemacht. Walter fühlte sich etwas schwindlig. Er war, ohne es zu merken, weitergegangen, und seine Schuhe knirschten in einer Pfütze aus feinen Glassplittern. Eine Steckdose hing an ein paar Kabeln aus der Wand. Er berührte sie mit der Schuhspitze und sie pendelte. Jede Steckdose besitzt einen individuellen Gesichtsausdruck: knopfäugig, beleidigt, ein wenig so wie der Mann mit Skimaske aus den Horrorfilmen. Und im Hintergrund das Geklimper von Klaviermusik aus grauen Stummfilmtagen und ein paar zappelnde Figuren vor zweidimensionaler Kulisse. Eine Erinnerung, ein Geruch nach frischen Bettlaken, nach der Angst, sich nachts in einem fremden Bett anzumachen. Eine riesige Patrone schob sich ins Bild, eine Rakete mit einer Einstiegsluke, durch die sich Menschen zwängten, und dann endlich: die riesige, menschengesichtige Mondscheibe, deren linkes Auge von einer Raumkapsel durchbohrt wird.
— Ah! sagte Walter laut.
Er stampfte mit beiden Beinen auf, Glasstaub knisterte. Für Val von Al . Von Alex? Alexander. Es war sein Plakat gewesen, an der Wand in Valeries Zimmer. Ohne Zweifel. Das Plakat, vor dem Walter damals Angst gehabt hatte, vor diesem unmenschlichen Blick der Mondscheibe. Er , Alex, war Valeries Freund oder Liebschaft oder wie auch immer. Und das bei dem Altersunterschied! Mein Gott, die Welt war wirklich klein, wie die Wespentaille einer Sanduhr. Er war der Grund dafür, dass Valerie ständig eingeraucht und liebestrunken in ihrem fetten Bürosessel geschaukelt war, sich wie ein junges Präriepferd fühlend, albern und verantwortungslos.
Alex, dachte er, Alex. Kerfuchs. Betont auf der ersten Silbe.
Und das die ganze Zeit und vor seiner Nase. Wie aber kam es, dass sie sich nie über den Weg gelaufen waren?
Er schaute auf die Uhr, es war immer noch zu früh. Aber vielleicht wartete der Zug bereits, sodass er sich in einem Abteil verstecken konnte. Als er aus der Kinoruine trat, hörte er ein Flugzeug über sich im Landeanflug. Er dachte an die Passagiere, die, in zwei parallele Sitzreihen gepresst, viele hundert Meter über der Erdoberfläche dahinflogen. Er würde nie erfahren, wer sie waren, und sie ahnten nichts von seiner Existenz. Das Einzige, was ihre Welt mit seiner verband, war das fauchende Geräusch der Triebwerke.

Was für ein entsetzlicher Traum!
Uljana schreckte hoch, knurrte. Die Vibration in ihrer Kehle brachte sie ein wenig zu sich. Sie sah sich um.
Eine Katze saß auf einem der abgewetzten Briefkästen, die aus einer endlosen Mauer wuchsen, und beobachtete sie. Uljana blinzelte und die Katze löste sich auf, genauso wie die schrecklichen Details des Traums, der noch vor Sekunden durch ihren Körper gejagt war. Schläuche, schmerzhafte Schläuche. Silberne Instrumente, so wie man sie zum Zerkleinern des Futters im Napf verwendete. Und entsetzliche Hitze. Aber es war nur ein Traum gewesen. Nichts, wovor man Angst haben musste.
Jetzt war sie wach, träumte nicht mehr. Sie war verloren.
Sie versuchte, unter dem großen schwarzen Auto hervorzukriechen, aber dann blieb sie hinten an der Stoßstange hängen, ihr Körper befand sich bereits im Freien, aber ihr Nacken hing fest, weil er kein Nacken mehr war, sondern eine Monstrosität, ein blauer Trichter (der für sie nur hässlich grau aussah), in dem sie nun kläglich feststeckte. Sie zerrte, half mit den Hinterfüßen nach und kam schließlich frei. Sie landete auf dem Rücken.
Benommen wackelte sie davon. Ihre Pfoten bildeten kleine, zitternde Fleischstücke auf dem Asphalt. Sie hatte Lust, danach zu schnappen, so sehr fiel sie nun der Hunger an mit seinem leeren, chaotischen Gebiss.
Sie schnupperte an einer Mauerecke, wo es nach vielen Hundeschicksalen roch, nach interessanten Lebensläufen, ebenso irritiert und verzweifelt wie sie. Eine Doppelgängerin hatte hier ihre Duftmarke hinterlassen. Etwa gleich alt.
Uljana sog die Luft ein.
Der Proust’sche Fragebogen
Was ist dein Lieblingssport?
Obst.
Was ist deine Lieblingsfarbe?
Geplatzte-Adern-unter-dem-linken-Auge-Blau.
Was ist dein Lieblingszeitvertreib?
Im Augenblick: mir das Headset auf den Kopf schnallen und einfach wild drauflosreden, damit durch die Stadt gehen und wahllos Leute beleidigen, die es nicht einmal mitbekommen, weil sie glauben, ich rede mit jemand anderem. Das ist besser als jeder Selbsterfahrungskurs. Die verlorene Kunst des Selbstgesprächs wiederaufleben lassen.
Ich habe so oft versucht, Valerie zu erreichen, dass ich beginne, mir Sorgen zu machen. Zuerst die Sache mit der Oper, dann dies. Nicht einmal in ihrer Praxis ist sie aufgetaucht. Und jetzt kommen auch noch Lydias Eltern zu Besuch.
Was ist der Lieblingszeitvertreib von Lydias Vater?
Fragen stellen. Schmunzeln. Dieselben Fragen langsamer wiederholen.
Was hasst du am meisten?
Leute, die unentwegt Fragen stellen.
Wie hast du die Eltern deiner Freundin kennen gelernt?
Bücherregale überwucherten eine ganze Wand des Zimmers, alphabetisch geordnete Prachtbände und Taschenbücher, die so eng standen, dass sich, wenn man ein Buch herausnahm, die anderen um die entstandene Lücke schlossen wie Honig, aus dem der Löffel gezogen wird, dann CDs, Hunderte, hauptsächlich Klassik und die kompromisslose Musik des späten zwanzigsten Jahrhunderts (Lachenmann, Ligeti, Rihm), dazwischen auch progressive Bands, die anzeigen sollten, wie jung das alt gewordene Ehepaar geblieben war; dann ein paar dichterisch veranlagte Songwriter wie Elliott Smith, Suzanne Vega und Nick Drake und ein paar Bands mit komplizierten Namen, die ökumenisch-religiösen oder existenzialistischen Jazz spielen.
— Ah hier, Alexander, schau, wie wär’s mit dieser Frage: Wer ist dein Lieblings-Prosaschriftsteller ?
Konnte Chris Ware als Prosaschriftsteller gelten? Ohne Zweifel der bedeutendste amerikanische Autor zur Zeit. Aber den kannte Michael ohnehin nicht. Um nicht länger dumm auf die Bücher zu starren und um höflich zu sein, zeigte ich auf Charles Dickens, der mehrbändig im Regal stand, und sagte im Tonfall eines vollkommenen Idioten:
— Das da hab ich gelesen.
Lydias Vater senkte den Kopf und lächelte.
— Nimm’s ruhig heraus.
Ich nahm die Pickwickier heraus, spielte ein wenig damit und versuchte dann, das Buch zurück an seinen Platz zu stellen, aber dafür brauchte man entweder sehr viel Kraft oder ein wenig Gleitcreme; es wollte einfach nicht mehr in die Lücke. Lydias Vater, der sich mir als Michael vorgestellt hatte, nahm mir das Buch aus der Hand und ließ es mit einem kompliziert aussehenden, blitzschnellen Fingergriff zwischen die anderen Bücher ( Bleak House, Oliver Twist ) zurückwandern. Dabei entstand ein sonderbares Geräusch, ein Raunen der gegeneinander reibenden Bucheinbände. Als Michael noch einmal mit der Hand über die Buchrücken strich, wie um eine vom Wind zerzauste Oberfläche zu glätten, war es noch einmal zu hören.
— Das klingt witzig, sagte ich. Darf ich mal?
Er wusste überhaupt nicht, was ich meinte, trat aber einen Schritt zurück. Ich fuhr mit der Hand über die Bücher und erfreute mich an dem Geräusch.
— Das meinst du? fragte er.
— Ja, sagte ich. Klingt gut.
— Viele, viele Bücher, nicht? sagte Michael. Was ist denn dein Lieblingsgeräusch?
— Ach, Michael!
Seine Frau war gerade ins Zimmer gekommen und hatte ihren Mann bei seinem Frage-und-Antwort-Spiel ertappt. Ich schnitt in der Regel eher schlecht ab, denn er hielt mich für einen ausgemachten Holzkopf.
— Was denn? Ich mach doch nur Spaß. Ist doch in Ordnung, Alex, oder?
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