— Verdammte, verfluchte, verfickte Couch. Jetzt werd endlich sauber!
Er wischte und wischte. Der Gestank brachte ihn fast um.
— Durch Erbrechen wird in der Regel alles nur noch schlimmer , dozierte der Orgelbaumeister.
— Durch Reden auch, murmelte Walter.
— Das ist im Grunde dasselbe. Verhält sich zueinander wie Dur und Moll .
Der Orgelbaumeister gab ein papageienhaftes Gekicher von sich. Dann blieb ihm plötzlich die Luft weg, und er musste sich auf die Leinwandbrust klopfen, damit er wieder atmen konnte. Er wollte sich noch einmal mit der Hand durchs Haar fahren, aber auch jetzt blieb die Hand mitten in der Bewegung stehen und sank enttäuscht herab. Es war klar, dass er seine frühere Haarpracht sehr vermisste.
— Du hast nicht die geringste Ahnung von Kontrapunktik, oder? , fragte er mit boshaftem Mitleid.
— Schnauze, sagte Walter.
— Warum wischst du ständig über dieselbe Stelle auf der Couch, wenn da unten auf dem Teppich die größte Sauerei wartet?
Walter erhob sich. Er tat so, als wiege er den vollgesogenen, stinkenden Schwamm in seiner Hand, ja, der war ziemlich schwer und sah auch sehr interessant aus, ziemlich interessant — dann drehte er sich blitzschnell um und warf ihn auf das Porträt. Der nasse Schwamm zog einen Kometenschweif aus Wassertropfen hinter sich her. Er klatschte ungefähr einen Meter neben dem Bild an die Wand.
Meister Lengel bog sich vor Lachen, und die Adern auf seiner Stirn traten genüsslich hervor. Das Notenblatt war zwischen seinen Knien durchgerutscht.
— Jetzt ist aber genug, sagte Walter und ging mit schnellen Schritten um die Couch herum.
Er wollte das Bild, so wertvoll es sein mochte, von der Wand reißen. Er ertrug diesen lächerlichen, anklagenden Blick nicht mehr. Aber als er beim Bild angekommen war, war der Orgelbaumeister in seinen früheren Zustand zurückgekehrt. Sein Gesicht war wieder die alte, fragende Maske vergangener Epochen, und die gottesfürchtige Lichtreflexion auf seiner Glatze war unbeweglich wie ein Mondkrater. In seiner Hand hielt er das Notenpapier mit der unlesbaren Pseudomelodie. Der unbekannte Porträtmaler war mit Sicherheit ein musikalischer Analphabet gewesen. Das geschah dem alten Kerl ganz recht, dachte Walter.
Er betrachtete die Sauerei, die er angerichtet hatte. Das Bild war nicht schuld, er hatte sich alles selbst zuzuschreiben. Er musste hier weg. Sehr schnell.
Er rannte, wie er war, nach oben in sein Zimmer, wechselte die Hose und zog sich den Mantel an. Gott sei Dank hatte er noch nicht alles aus dem Koffer gepackt; schnell räumte er die notwendigsten Dinge hinein. Den Metallstab ließ er da, so etwas konnte man in der Stadt kaufen. Der Koffer wehrte sich, er ging nicht mehr zu. Walter setzte sich auf ihn, drückte ihm ein Knie ins Genick, bis dieser endlich nachgab und zuschnappte.
Wie viel Zeit blieb ihm, bis seine Familie zurückkam? Was würden sie denken, wenn er einfach so verschwand? Würden sie ihn suchen? Ihm nachfahren?
Er öffnete ein Fenster, um zu sehen, wie kalt es draußen war. Konnte er in diesem Aufzug überhaupt auf die Straße? Er trug ein T-Shirt und darüber einen Mantel. So sah er aus wie ein weißer Rapper in einem Videoclip aus den achtziger Jahren. Fehlten nur noch die Hosenträger. Egal, es musste so gehen. Er hatte nicht mehr viel Zeit. Was würden sie zu der Sauerei im Wohnzimmer sagen? Und zu dem Fleck an der Wand? Alles stank nach Erbrochenem, das ganze Haus.
Im Hausflur zog er sich die Schuhe an, da meldeten seine Ohren ein Geräusch. In der Einfahrt knirschten Reifen. Mit nur einem Schuh — den zweiten hatte er sich in der Aufregung in seine Manteltasche gesteckt — humpelte er zur Terrassentür. Sie öffnete sich mit einem Seufzen, als hätte er sie aus einem süßen Traum geweckt. In seinem Rücken hörte Walter den großen Schlüsselbund seiner Mutter (ein falscher Fuchsschweif, den er jahrelang für echt gehalten hatte). Er wandte sich um und konnte gerade noch sehen, wie sich ein Streifen Sonnenlicht durch die Tür schob, der breiter und breiter wurde, und schon waren da bewegliche Gestalten –
Er ging um die Ecke.
Er duckte sich unter einem Fenster durch.
Als er bei den Fasanen war, stand er vor einem neuen Problem: Er konnte nicht einfach an dem kleinen Gehege vorbeigehen, da er dann zu der Einfahrt gelangen würde (verdammte piranesische Architektur!), wo sein Vater seiner Schwester irgendetwas am Wagen erklärte. Glücklicherweise konnten sie ihn nicht sehen.
Er wartete an der Hausecke und zählte seine Herzschläge. Was, wenn seine Mutter auf die Terrasse ging und ihn entdeckte!
Die Stimmen kamen näher.
Walter duckte sich und lugte noch einmal um die Ecke. Das war töricht, aber es musste sein, wenn er nicht plötzlich vor seiner Schwester stehen wollte: Mama, Papa, ich hab ihn gefunden!
Sie würden ihn kreuzigen für das, was er aus dem Wohnzimmer gemacht hatte. Er lauschte. Die Stimmen kamen doch nicht näher, sie waren nur lauter geworden. Jetzt sprachen sie wild durcheinander. Im Haus, wenn er sich nicht täuschte. Er riskierte einen kurzen Blick — ja, die Einfahrt war leer.
Er rannte los.
Aber da er nur einen Schuh trug, stolperte er schon nach wenigen Schritten und schlug mit dem Kinn auf den Boden. Die Fasane begannen zaghaft zu schreien, sie lachten über den betrunkenen Harlekin, der da über seine eigenen Füße gefallen war.
Schnell raffte Walter sich auf und rannte davon. Sein Koffer schlug ihm gegen die Schenkel.
Da er so überstürzt geflüchtet war, hatte er auch keinerlei Gedanken an Zugverbindungen verschwendet. Als er an dem kleinen Bahnhof ankam, stellte er fest, dass er fast vierzig Minuten auf den nächsten Zug in die Stadt warten musste.
Jetzt saß er in der Falle. (Bestimmt lachten sich die Fasane halb tot über ihn.)
Natürlich würden sie ihn suchen gehen. Mit dem Auto brauchten sie höchstens zehn Minuten zum Bahnhof. Wo sollte er schließlich sonst sein? Und die Abfahrtszeiten kannten sie bestimmt auswendig. Das heißt, Mirja kannte sie. Sie würde einen Zeigefinger in die Höhe halten und sagen: Er kann nirgends hin, wenn er nicht nach Klagenfurt will, denn der Zug nach Klagenfurt geht in genau siebzehn Minuten. Walter schüttelte den Kopf. Seine Schwester war, so lieb er sie hatte, ein wirklich merkwürdiger Mensch.
In aller Eile besorgte er sich ein Zugticket und suchte sich dann ein Versteck. Das kleine Café gleich neben dem Bahnhof war zu offensichtlich, und in die öffentlichen Toiletten wollte er nicht.
Er betrat das alte Kino.
Von außen hätte man glauben können, dass es noch in Betrieb war, aber als die quietschende Tür hinter ihm zufiel, lag eine einzige große, friedliche Verwüstung vor ihm; als hätte eine äußerst sanftmütige Bombe eingeschlagen und alles in Zeitlupe herumgewirbelt. Ein kugelförmiger Kaugummiautomat war umgekippt, aber nicht geborsten. Und die Kassenkabine mit dem gotischen Guckloch im Glas und der aschenbecherartigen Drehscheibe für den Tausch von Geld und Ticket sah aus, als wäre sie gerade erst verlassen worden.
An den Wänden hingen überall Plakate von alten Filmstars. Gregory Peck. Hedy Lamarr. Jemand hatte das Bild der schönen Filmdiva mit einem Filzstift verziert: Auf ihren Schultern standen ein Teufelchen und ein Engelchen, die ihr von links und rechts ins Gewissen redeten. Walter versuchte über diese Zeichnung zu lachen, weil er das dringende Bedürfnis hatte, etwas komisch zu finden, aber es gelang ihm nicht. Sein Gelächter klang nackt und klein in dem riesigen Raum, wie Axtschläge in einer Polarnacht.
Er sah auf die Uhr. Noch mehr als eine halbe Stunde. Besser hier in dieser Ruine als –
Walter stand plötzlich vor einem Plakat, das er vorher nicht gesehen hatte. Ein Hundekopf in einem Astronautenhelm. Im Hintergrund stolz wehende Sowjetfahnen. Strammstehende Soldaten, salutierend vor einer strahlenden sozialistischen Zukunft. Hammer und Sichel begatteten sich im Himmel über ihnen, zwei wollüstige, geometrische Satelliten. Laika, die Astronautenhündin — der Name fiel ihm wieder ein. Er hatte sich vor langer Zeit mit Alexander Kerfuchs einen Film über das arme Tier angesehen; aus irgendeinem Grund hatten Alex solche Dinge immer fasziniert. Lange wurde geheim gehalten, dass die Hündin schon kurz nach dem Start der Rakete vor Angst und Stress gestorben war. Damit blieb ihr wenigstens der Blick aus der Luke erspart, auf den merkwürdigen Strandball, der da hinter dem Fensterglas schwebte und sich von ihr fortbewegte. Oder jener namenlose Hund, dem russische Wissenschaftler in den vierziger Jahren den Kopf absägten, durch eine Maschine aber weiter mit Blut versorgten. Der entsetzliche Schwarzweißfilm zeigt, wie der weiße Hundekopf gestreichelt wird (der Hund zwinkert mit den Augen und wedelt mit dem Schwanz, den es gar nicht mehr gibt), wie seine Lefzen mit einer Feder gekitzelt werden (er schnappt nach der Feder, erwartet, dass man sie gleich über seinen Kopf wirft, und er wird danach springen) und wie sein Maul mit Citrussäure beträufelt wird (er leckt, er macht eine bodenlose Schluckbewegung). Derselbe Film zeigt auch einen schwarzen Hund, der von einem konzentriert blickenden Mitarbeiter umgebracht wird und dann zehn Minuten tot auf dem Operationssaal liegt. Anschließend wird die Blutzirkulation künstlich wieder eingeleitet. Der Hund kehrt langsam wieder ins Leben zurück, zuckt mit den Pfoten, wedelt, reagiert auf Lichtreflexe. Zehn Tage vergehen und der Hund, der immer noch einen weißen Verband um den Hals trägt, kommt durch eine Tür und begrüßt einen der Wissenschaftler, leckt ihm die Hand und erzählt ihm mit seinen traurigen Augen zum fünfhundertsten Mal, wo er gewesen ist, an einem äußerst merkwürdigen Ort, der völlig geräuschlos war, eine einzige lange Mauer, an der man nicht hochspringen konnte, weil sie auf beängstigende Weise unendlich hoch war. Still stehende Fahnen waren da, im Hintergrund. Und ein plärrendes Grammophon, das Lieder aus längst vergangenen Tagen herunterleierte.
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