Clemens Setz - Die Frequenzen

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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— Vorsicht, mein Auge …

Ich hielt die Watte über meinem verletzten Auge fest, um die Tränen aufzuhalten, die sich sofort gebildet hatten. Walters aggressives Rasierwasser hatte sein Teil dazu beigetragen. Mein Auge brannte und tränte und das andere ließ sich mitziehen.

— Oh, tut mir leid, sagte Walter. Ich hab wohl nicht aufgepasst.

Er fuhr sich energisch mit der Hand durchs Haar.

— Nichts passiert, sagte ich mit welker Stimme.

— Also, erzähl mal, was machst du so? sagte er.

— Na ja, nicht viel. Ich hab gerade meinen Job im Altersheim gekündigt. Das war auf Dauer nichts für mich. Und sonst … Beziehungsstress, das übliche Programm eben.

Gott sei Dank, das Auge hatte sich wieder beruhigt. Aber Walter musterte mich immer noch sehr besorgt. Sein Blick war so unangenehm und durchdringend, dass ich auf den Boden schauen musste.

— Ich hab meine Arbeit auch verloren, sagte er. Meine Arbeitgeberin hatte einen Unfall.

— Schlimm, sehr schlimm.

— Hör zu … wollen wir irgendwo was trinken gehen? fragte er. Ich würde gern mit dir reden, weil ich –

— Ein andermal.

— Ach so, okay …

— Ich muss jemanden abholen.

Mit einer unauffälligen, asymmetrischen Geste deutete ich in die Umgebung, das riesige Gebäude des Bahnhofs, in dem wir standen, in dem Menschen auf Menschen warteten. Deswegen war ich hier. Wir hatten uns nur zufällig getroffen. Dieses kleine Detail schien ihm entgangen zu sein.

— Schon okay.

Walter wich ein paar Schritte zurück. Als ich an ihm vorbeiging, trat er zur Seite, als würde er rückwärts einparken. Sein Blick verfolgte mich, bis ich die Rolltreppe erreicht hatte. Ich konnte es zwar nicht sehen, aber ich war mir sicher. Seltsamer Kauz, dachte ich. Immer noch derselbe seltsame Kauz.

Was ist deine Lieblingsbegrüßung?

— Um Gottes willen, tu dieses Ding weg!

— Aber ich bin verletzt.

— Du kannst das nicht aufbehalten, wenn meine Eltern da sind. Du musst es abnehmen!

— Au! Nein, nicht berühren –

Sie hob meine Augenklappe an, und der Tixostreifen löste sich. Lydias Gesichtskonturen strahlten mich an, alles war ungeheuer hell und weiß, ein beleidigend grelles Licht, wie einer dieser blutleeren Mittagshimmel im Winter, die einen mit Melancholie füttern. Da war die kleine Narbe über ihrer Lippe. Ein paar oberflächliche Falten, die mir sonst nie aufgefallen waren. Alles so deutlich, wie ich es gar nicht sehen wollte. Hautporen, für einen Moment blitzten sie auf, als wollten sie mir zeigen, dass sie tatsächlich existierten, jede Einzelne. Sie war eine hübsche Frau, die so alt war wie ich — und älter wurde.

Mein Auge beruhigte sich.

— Nicht reiben!

Lydia zog an meiner Hand, die automatisch in mein Gesicht gewandert war. Damit ich mich nicht kratzte, hielt sie die Hand noch fest, als wir bereits losgegangen waren.

Schließlich mussten wir noch einmal umkehren, weil wir ihre beiden Koffer stehen gelassen hatten.

Welche Eigenschaften schätzt du bei einer Frau?

— Du meine Güte, wie sehen wir denn aus?

Lydias Mutter hatte sich von hinten angeschlichen.

— Hallo.

— Hallo.

Wir reichten uns die Hände. Michael, Lydias Vater, kam hinzu. Er hatte einen blauen Rollkoffer an der Hand, der ihm betrunken nachtorkelte.

— Hallo, Alex. Oh, was ist denn –

— Nichts weiter, sagte Lydia. Wir sehen uns dann nachher, oder?

— Ja, schon, sagte ihre Mutter, aber –

— Wir müssen vorher noch kurz was erledigen, sagte Lydia und zog mich am Arm davon. Fahrt ihr nur schon mal ins Hotel.

— Okay, sagte ihre Mutter und hielt einen Daumen hoch.

Michael stand etwas unschlüssig am Bahnsteig und setzte sich erst in Bewegung, als seine Frau ihn am Arm berührte.

Ich winkte ihnen hinterher, so hampelmannartig, wie ich konnte.

Was wäre deiner Meinung nach das größte aller Unglücke?

— Hast du mir den Film aufgenommen? fragte Lydia.

Ich trug ihre beiden Koffer, so hatten meine Hände wenigstens etwas zu tun. Mein schuldbewusstes Grunzen ging in dem Stöhnen, das ich aufgrund des Gewichts der Koffer von mir gab, unter.

— Hast du? fragte sie und hängte sich bei mir ein.

Ich hatte heute Vormittag mit meinem Job abgeschlossen, dann hatte ich beim Augenarzt Zeit vertan, außerdem: Was interessierte mich dieser verdammte Film?

— Nein, hab ich vergessen, sagte ich. Tut mir leid.

So gut es ging, versuchte ich mit den Achseln zu zucken, aber die Schultern blieben, wo sie waren.

— Oh, sagte Lydia.

Ihr Gang wurde steif.

— Ich war heute den ganzen Tag beim Augenarzt, log ich. Und dann bin ich direkt hierher, im Grunde –

— Sicher, sagte sie.

In einem früheren Leben hätte ich gesagt: Jetzt sei deswegen nicht gleich wütend . Und sie hätte geantwortet: Aber ich hab mich die ganze Zugfahrt schon auf den Film gefreut . Und ich hätte halb beleidigt gescherzt: Ich mich auf dich auch!

Jetzt ging sie nur nebenher, ihre Hand löste sich von meinem Arm, pendelte, wanderte in ihre Handtasche: Sie suchte und fand ein Taschentuch.

— Was musst du auch andauernd, begann sie, dann schnäuzte sie sich, und der Rest des Satzes blieb mir erspart.

Zuhause hatte sie es ungeheuer eilig, mich zu verarzten. Wir waren mit ihren Eltern zum Abendessen in einem sehr feinen Lokal verabredet.

— Du bist so ein verdammter Idiot, murmelte Lydia dicht an meinem Ohr. Ausgerechnet heute.

— Au! Auaah!

— Muss leider sein.

— Tut weh.

— Halt wenigstens still! Ich kann dir das Pflaster nicht draufgeben, bevor die Wunde nicht desinfiziert ist.

Lydia tupfte meine Wange noch einmal mit dem Taschentuch ab. Bei jeder schmerzhaften Berührung sog ich die Luft durch die Zähne ein.

— Was musst du dich auch prügeln. So eine überflüssige, männlich-prähistorische Dummheit. Und ausgerechnet heute.

Ihre Stimme, die trotz ihres verständlichen Zorns recht leise war, hatte etwas ungeheuer Beruhigendes, so nah an meinem beschädigten Gesicht.

— Wie ich unter ihm gelegen bin, sagte ich, und die anderen versucht haben, ihn von mir runterzuzerren — allerdings nur mit halber Kraft, wie ich vermute —, da hab ich ihn noch angebrüllt, dass er sich nie mit einem Geschichtenerzähler anlegen soll.

— Und das hat geholfen?

— Natürlich. Er hat mich fast umgebracht.

— Ah, eine große Hilfe.

— Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Fast umgebracht.

Lydia klebte das Pflaster auf meine Wange. Sie strich es fest.

— Das ist viel zu fest, sagte ich. Damit kann ich ja nicht einmal mehr über die ganze Angelegenheit schmunzeln. Schau!

Ich zeigte ihr ein trauriges Lächeln, das nicht gelingen wollte.

— Wenn man dir so zuhört, könnte man glauben, es hat dir auch noch Spaß gemacht, so verdroschen zu werden.

— Ich hab ihn auch verdroschen, sagte ich. Ein bisschen zumindest.

— Ja, toll, ins Schienbein hast du ihn getreten. Großartig. Davon humpelt er bestimmt noch wochenlang.

— Verbal meine ich.

— Ach, verbal … bei dem! Da kannst du genauso gut einen Hydranten beschimpfen.

— Na ja, er ist immerhin rot geworden. Und die anderen haben ihn nicht gedeckt, das hat ihn wahrscheinlich total wahnsinnig gemacht.

Lydia stellte den Erste-Hilfe-Kasten zurück in den Schrank.

— Wieso hast du ihn überhaupt attackiert?

— Einfach so, als … als Feuerwerk.

— Als Feuerwerk?

— Ja. Mit Pauken und Trompeten. Du weißt schon.

— Mein Gott, sagte sie. Du bist wirklich völlig verrückt.

Sie ging aus dem Zimmer. Ihr Humpeln war ein wenig stärker geworden. Wenn ihre Eltern da waren, verwendete sie nie ihren Stock.

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