Clemens Setz - Die Frequenzen

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Die Frequenzen: краткое содержание, описание и аннотация

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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— Ja, sagte ich.

— Aber, beharrte seine Frau, vielleicht sind wir gerade nicht in Stimmung. Steck den alten Fragebogen weg.

— Aber wenn Bernard Pivot darf, darf ich auch. Und immerhin hat Proust himself diesen Fragebogen beantwortet. Damals war das ein Gesellschaftsspiel, ich meine –

— Michael, bitte.

— Na schön, wie du willst, sagte Michael. Dann eben nur ein paar Fragen. Also, dein Lieblingsgeräusch?

Der Klang einer einzelnen Hand, die im Wald um Hilfe klatscht, obwohl niemand da ist, um sie zu hören oder aus ihrem Elend zu erlösen. Das Geräusch von geschlossenen Lippen. Stille. Nur fünf Minuten Ruhe.

— Regen, sagte ich schließlich.

Stille ist auch ein Geräusch, aber eines, das immer lange Diskussionen nach sich zieht, also vermied ich die Anspielung. Michael wartete eine Weile, ob meine Antwort schon alles war, wozu ich fähig war, dann erlaubte er seinem Gesicht, Enttäuschung zu zeigen. Mein Gott, Regen . Wie originell.

— Okay, sagte er.

Ich hätte mehr sagen sollen, er hatte irgendeine spannende Kombination von Geräuschen erwartet. Aber jetzt war es dafür zu spät. Es war zu spät für: Regen, der auf ein erfrorenes Sonnenblumenfeld fällt , oder: Schnee, der auf dem VIP-Parkplatz eines Krankenhauses knistert, in welchem gerade ein männlicher Nachkomme zur Welt kommt .

— Was ist deine Lieblingsblume? Oder nein, besser: Welches militärische Ereignis bewunderst du am meisten?

Ich überlegte eine Weile.

— Vergissmeinnicht, sagte ich schließlich.

Er schaute etwas betreten, dann lachte er, ja, haha, er hatte verstanden. Er kicherte.

— Gute Antwort, sagte er. Stimmt, militärische Ereignisse … in solchen Kategorien denken junge Menschen heutzutage nicht. Ich glaube sogar, Proust himself hat auf diese Frage irgendetwas Blödes geantwortet wie … meine eigene Einberufung … oder etwas in der Art.

— Gut, das war’s, sagte seine Frau.

— Warte, nur noch eine, sagte er und seine Stimme war freundlich. Also, wer ist dein Lieblings-Prosaschriftsteller, außer Dickens?

Deine auffallendste Eigenschaft?

Etwas musste mir ins Auge geflogen sein, vielleicht beim Radfahren. Vielleicht auch, als ich inmitten von gelblichen Zigarettenleichen am Boden lag, mit dem schweren, wütenden Stiefel von Max auf meiner Brust. Oder irgendwo anders, jedenfalls tat mir das Auge beim Blinzeln so weh, dass ich es nicht mehr aufbekam. Ich musste zum Augenarzt.

Und immer noch kein Anruf von Valerie.

Dafür ein kleiner Warteraum, der erste Kreis der Hölle. Alte Menschen, die jemand auf moderne Designermöbel gesetzt und anschließend dort vergessen hatte. Ein Haufen Magazine mit zweidimensionalen Gesichtern. Mit weinendem Auge stand ich vor der mit zahlreichen Schmetterlingsbroschen ausgezeichneten Sekretärin und erklärte ihr mein Problem. Ich versuchte, auf die Uhr zu sehen, ich musste Lydia ja noch vom Bahnhof abholen, aber das Bild war sehr verschwommen. Die Sekretärin warf einen Blick auf den Terminkalender, der wie eine Landkarte vor ihr ausgebreitet lag, und schwieg. Dann, nachdem sie die schwierigen Berechnungen im Kopf beendet hatte, sagte sie, der Doktor könne mich vielleicht irgendwo einschieben.

— Es ist ein Notfall, sagte ich. Ich bin verletzt.

— Ja, das sieht man, sagte sie freundlich. Da sind Sie bös gestürzt.

Nach etwa einer Stunde kam ich dran.

— Herr Kernfuchs bitte!

— Ker!

— Wie bitte?

— Ker. Man spricht es Keerfuchs aus. Wie mit stummem Ha: Kehr

— Ach so. Entschuldigung. Bitte …

Der Arzt kommentierte zuerst mein verbeultes Gesicht, dann anästhesierte er den rechten Augapfel mit einer brennenden Flüssigkeit und entfernte einen winzigen Gegenstand, der in meiner Hornhaut steckte.

— Was Weißes, murmelte er. Was ist Ihnen denn passiert?

— Ein Überfall, sagte ich.

— Eijeijei, machte er.

Seine Hand zitterte ein wenig, während er mit der feinen Pinzette das Objekt hervorkitzelte. Dann hielt er es sich vors Gesicht.

— Merkwürdig … wollen Sie sehen?

Ich gab mir Mühe, so zu tun, als könnte ich sein Angebot ernst nehmen. Die Irritation im rechten Auge legte auch das linke weitgehend lahm. Ich blinzelte hilflos und wischte mit meinem Hemdärmel die Tränen von meiner Wange. Ein Teil der Tränenflüssigkeit rann mir über merkwürdig verschlungene unterirdische Kanäle die Kehle hinab, und ich musste sie schlucken.

Aber plötzlich war es ganz nah, etwas Weißes, sehr groß und sehr nah an meinem Gesicht — ich schrak zurück. Der Arzt beruhigte mich.

— Nur ein bisschen Watte. Keine Angst, das ist nur für ein paar Stunden. Damit das Aug sich beruhigt. Und diese Salbe …

Ich betastete mein Gesicht. Jetzt, da das verletzte, irritierte Auge mit einem großen Wattepad zugeklebt und auch gleich eingeschlafen war, wie ein Kanarienvogel, dessen Käfig man mit einem Tuch verhängt, stellte sich in meinem Kopf die räumliche Orientierung wieder ein. Das Bild wurde scharf.

Der Augenarzt streckte mir die Hand hin. Ich verfehlte sie knapp, schüttelte sie etwas schief und nahm das Rezept in Empfang.

Erst im dunklen Spiegel der Tür konnte ich mich betrachten. Ein weißer Fleck, eine große, runde Augenklappe bedeckte meine rechte Gesichtshälfte. Die Menschen in der Straßenbahn musterten mich. Sogar meine Haustür schien sich vor mir zu fürchten, denn als ich nach der Türklinke griff, wich sie ein wenig zurück.

Welche Eigenschaften schätzt du bei einem Mann?

Auf der Straße sah ich alles verschwommen. Ich taumelte wie betrunken gegen Fußgänger und Ampeln. Am Bahnhof stellte ich mich in einen schlecht beleuchteten Winkel in der großen Ankunftshalle (Dunkelheit tat meinem Auge wohl). In einiger Entfernung bemerkte ich einen Mann mit weißem T-Shirt und einem roten Koffer, der mich anstarrte. Er schien mit meinem Anblick aus irgendeinem Grund überfordert, ja womöglich sogar beleidigt zu sein. Ich blinzelte ihm mit meinem gesunden Auge so unauffällig wie möglich zu; vielleicht würde er sich ja von selbst wieder auflösen. Sein T-Shirt zeigte irgendeine Verbrechervisage. Ich vermied es, seinem Blick zu begegnen, und konzentrierte mich stattdessen auf meine Schuhe, die, mit einem Auge betrachtet, erheblich verkleinert wirkten, was ein leichtes Schwindelgefühl erzeugte, als würde ich ankerlos einige Zentimeter über dem Erdboden schweben. Aber es half nichts, er kam näher.

Ich tat so, als bemerkte ich ihn nicht.

— Alex?

– Äh …

Ich zwinkerte, aber vergeblich, das Bild stellte sich nicht scharf. Ein großer und kräftiger Mann.

— Ich bin’s. Walter.

Er hielt sich eine Faust an die Brust, wie Tarzan.

— Oh, aber ja, sicher, hallo.

Ich wandte ihm mein Gesicht zu und machte ein paar Schritte. Als Walter mich sah, mit dem weiß verklebten Auge und meinem unsicheren, nach rechts pendelnden Gang, erschrak er und hielt sich die Hand vor den Mund.

Er nahm mich bei der Schulter. Die plötzliche Berührung jagte mir Angst ein, aber ich traute mich nicht, mich irgendwie zu wehren. Noch war kein Angriff erfolgt, noch war alles, was mit mir geschah, Begrüßung.

— Wie geht’s dir? fragte er.

— Ach, na ja, nicht so gut.

— Sieht man, sagte er. Tut’s sehr weh?

— Ein bisschen.

— Das ist witzig, wir haben uns so lange nicht gesehen. Komm, lass dich einmal drücken.

Bevor ich protestieren konnte, lag mein Kinn schon auf seiner Schulter. Er klopfte mir auf den Rücken, als wollte er sagen: Sehr gut, sehr gut hast du das gemacht . Ich ließ zu, dass meine Hände in etwa dasselbe taten: Klopf klopf klopf . Walter atmete tief durch die Nase ein und drückte ein wenig fester zu.

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