Clemens Setz - Die Frequenzen

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Die Frequenzen: краткое содержание, описание и аннотация

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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Ich stampfte mit dem Fuß auf. Es war eine alberne Geste und kostete mich einige Überwindung. Die drei Pfleger schauten mich erstaunt an.

— Wie bist du denn heute drauf? fragte Max lachend.

— Also, sagte ich, ich geh dann jetzt.

— Wie, jetzt?

— Ja. Ich arbeite hier nicht mehr. Und bevor ich’s vergesse: Bring sie nicht um, ja? Das ist es doch nicht wert.

Max hörte auf zu schmunzeln.

— Was?

— Im Nachtdienst, sagte ich. Natürlich, ich weiß, das geht mich nichts an und es ist ja auch total witzig und alles … aber umbringen, mein Gott, das muss doch nicht sein, finde ich.

— Was redest du da für einen Scheiß? Wen soll ich denn umbringen?

— Eben niemanden, sagte ich. Ich finde, das gehört sich einfach nicht. Ich meine … Scheiße fressen lassen, okay, das ist witzig, aber jemanden im Nachtdienst einfach umbringen, bloß weil er … oder sie …

— Du bist nicht ganz bei dir, kann das sein?

Max’ Blick hatte endlich die Intensität erreicht, die ich brauchte. Die anderen schauten zu Boden, wo sich ausgetretene Zigaretten krümmten. Ich machte einen mutigen Schritt nach vor und trat Max gegen das Schienbein.

Der Countdown begann.

— Oder, was weiß ich, begann ich, während meine Zeit ablief, oder von oben auf sie draufpinkeln und hinterher behaupten, sie hätten es getan, das geht noch, ja, da sagt niemand was … aber ihnen die Kehle durchschneiden, wenn sie schlafen, und dann noch dazu mit deinem Autoschlüssel, nur damit du dir das blutverschmierte Ding hinterher in den Arsch stecken kannst, also das –

Reise zum Mond

Keine rechte Moral , sagte die volltönende, registerreiche Stimme.

Die Splitter des Eiswürfels lagen auf dem Boden. Walter hatte sich hingesetzt. Joseph Jeremias Lengel, der Orgelbaumeister, brachte sich in seinem Gemälde in eine etwas bequemere Sitzposition, legte das ihm in die Hand gemalte Notenpapier auf seinen Schoß, dann fuhr er sich gedankenvoll mit der Hand durchs Haar. Aber da er kein Haar mehr besaß, nicht auf seinem Haupt, hielt er mitten in der Bewegung inne, betrachtete verwirrt seine Hand und ließ sie langsam sinken.

— Lass mich in Ruhe, sagte Walter.

Von den vielen Cocktails war ihm übel geworden. Jeremias Lengel räusperte sich umständlich, als sei seine Kehle die Speichelklappe einer Trompete, und sagte:

Keine wirkliche Freude am Leben .

Walter erwiderte nichts. Konzentriert studierte er das grüne Etikett auf der Flasche. Als er wieder aufblickte, hoffte er, dass der lästige Orgelbaumeister vielleicht schon wieder verschwunden war, aber der Blick, der ihm aus dem lebensgroßen Porträt entgegenstach, zerstörte seine Hoffnung. Es war ein Blick voll köstlicher Schadenfreude.

— Arschloch, sagte Walter.

Neutrum. Mehrzahl — löcher , sagte Jeremias Lengel.

— Lass. Mich. In Ruhe, sagte Walter, aber seine Stimme war trotz des Nachdrucks, den er ihr verleihen wollte, nur ein ängstliches Quaken.

Was soll das eigentlich werden, wenn es fertig ist? , fragte Lengel.

Walter stellte sein Glas auf den Fernsehtisch, der so niedrig war, dass vermutlich nur eine Zwergenfamilie darin einen brauchbaren Gegenstand erblicken konnte. Für Normalsterbliche diente der Tisch einzig dazu, sich das Schienbein zu stoßen.

— Scheiße, mir ist schlecht, sagte Walter.

Er legte sich eine Hand auf den Bauch. Die Hand zitterte, als würde ihm jeden Moment sein Magen um die Ohren fliegen.

Natürlich , sagte Jeremias Lengel ungerührt, du hast Magenbeschwerden. Natürlich, natürlich. Schuld und Magenbeschwerden sind dasselbe. Und du fühlst dich sehr, sehr schuldig. Schau her, diese kleine Melodie beweist es .

Eine simple, leise Orgelmelodie ertönte aus dem Gemälde. Sie bestand im Grunde nur aus den Anfangstakten von Just Can’t Get Enough . Walter deutete auf sein T-Shirt, ah ja, er hatte die Anspielung verstanden. Er hob sarkastisch einen Daumen.

— Super, originell, sagte er.

Ich spreche mit einem Gemälde, dachte er.

Kein Respekt, kein Respekt , sagte Jeremias Lengel mit einem enttäuschten Kopfschütteln, und die kleine Melodie verstummte.

Walter legte sich auf die Couch. Die Decke im Wohnzimmer war eine völlig andere als die in seinem Zimmer. Viel glatter und freundlicher. In seinem Zimmer war alles verfallen und schmutzig und abweisend. Niemand wollte ihn hier haben. Er war nicht willkommen. Ja, jetzt machte alles Sinn …

Dreh dich auf den Bauch, dann hört auch die Übelkeit auf. Versuch ein wenig auf dem Bauch zu schlafen .

Walter drehte sich langsam um. Ihm war schwindlig und er wollte seine Ruhe haben. Niemand wollte ihn hier sehen. Dabei ging es ihm nicht gut. Wirklich nicht gut … Er lag eine Weile auf dem Bauch und glaubte irgendwo weit entfernt eine Uhr ticken zu hören, dann wurde ihm von einer Sekunde auf die nächste speiübel, er schaffte es nicht einmal mehr bis zum Waschbecken. Er reiherte über den Couchbezug, über die spiegelglatte Oberfläche des Zwergentisches, über seine Jogginghose.

Ha Ha Ha Ha!

Der Orgelbaumeister schlug sich aufs Knie.

Endlich war Walter beim Waschbecken, er beugte sich darüber und ließ sich von einem heftigen Brechreiz durchschütteln. Er hasste es, sich zu übergeben. Sein Magen kam so leicht aus dem Gleichgewicht.

— Arschlo-h, brachte er mit sauer-verklebten Lippen hervor.

Dann musste er sich wieder übergeben. Im Waschbecken sammelte sich eine rötlich-orange Flüssigkeit, die einen beißenden Gestank verbreitete.

Kein Benehmen, kein Benehmen .

Walter wartete, ob noch etwas kam. Okay. Nein. Doch.

Erbrechen reinigt , plapperte Lengel unterdessen weiter. So wie Weinen. Und das Ablassen von entzündeter Körperflüssigkeit durch einen kleinen Schnitt in die Armbeuge. Alles dasselbe .

Walter atmete durch den Mund. Das war’s, dachte er. War’s das? Ja. Es kam nichts mehr. Ein langer Speichelfaden seilte sich von seiner Unterlippe ab, er wischte ihn weg. Er drehte sich um und betrachtete das Chaos, das er angerichtet hatte. Alles war ruiniert, die schöne Couch, der Teppich, seine Hose. Der alberne Zwergentisch würde es überleben, er hatte nicht allzu viel abbekommen. Walter nahm eine Rolle Küchenpapier und machte sich an die Arbeit, obwohl ihm immer noch schwindlig war. Im Bad fand er einen Putzlappen, der in einer sonderbaren Form erstarrt war und auf die erlösende Berührung mit Wasser wartete. Walter wischte über den Stoffbezug der Couch, aber er hatte vergessen, den Putzlappen auszuwringen. Er versuchte aufzustehen, verlor das Gleichgewicht und musste sich mit dem Knie auf dem Sofa abstützen.

— Scheiße! Scheiße! Scheiße!

Sein linkes Hosenbein triefte.

Er legte den Putzfetzen weg. Jeremias Lengel gähnte unterdessen laut. Er sperrte dabei sein Maul derart weit auf, dass es so aussah, als wollte er seine eigene Hand fressen.

— Scheißkomponist, fluchte Walter. Alles dieselben … Colin …

— Wer?

— Niemand. Ein Freund, sagte Walter trotzig.

Maskulin. Mehrzahl auf — e , erwiderte Jeremias Lengel.

Er knisterte mit dem Notenpapier, das auf seinem Schoß lag. Er hob es sich vor die Nase, runzelte die Stirn, als würde er lesen, aber anscheinend konnte er darauf nichts Sinnvolles erkennen und legte den Zettel wieder weg. Er rülpste leise.

Keine gute Luft hier , sagte er.

— Die ganze Couch, jammerte Walter vor sich hin, die ganze verdammte, beschissene Couch.

Auch das Küchenpapier verwischte alles nur noch mehr und verteilte die Kotze, anstatt sie wegzuzaubern oder — egal was, Hauptsache, dieser Albtraum hörte endlich auf. Herrgott, es war so erbärmlich!

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