Messerschmidt überquerte diese Straße nun schon zum tausendsten Mal, und immer fühlte es sich gleich an. Der Verkehrslärm wurde ein wenig lauter, wenn man in der Mitte der Kreuzung stand, der Augenblick ballte sich zusammen und entließ einen wieder, auf die andere Straßenseite. Unendlich fließender Verkehr. Autos in verschiedenen Farben und Formen.
Die Ampel war grün und alles lud ihn ein zu gehen. Aber aus unerfindlichen Gründen zögerte er eine Sekunde, bevor er sich in Bewegung setzte. Die weißen Zebrastreifen glitten langsam unter ihm dahin, wie gigantische Leitersprossen im Traum. Er blieb stehen, in Betrachtung des schwarzen Zwischenraums zwischen den Streifen. Er wirkte ungewöhnlich tief, wie ein unbewegtes Moorgewässer. Und die Zebrastreifen selbst wie die Rücken schlafender Krokodile, über die man springen musste.
Von hinten näherte sich Lärm, ein großes, schwarzes Fahrzeug, das von hinten auf ihn zukam. Das Motorengeräusch schwoll an, und der Laster rauschte an ihm vorbei, zog irgendetwas von ihm mit, aber Messerschmidt konnte nicht erkennen, was es gewesen war, seine Armbanduhr war jedenfalls noch an ihrem Platz. Aber warum blickte er ausgerechnet auf seine Uhr? Sein linker Arm kribbelte. Da bemerkte er, dass die Zeiger der Uhr nur mehr sehr langsam gingen. Die Batterie war wohl schon schwach.
Messerschmidt fluchte leise und trat auf den Gehsteig. Dabei stolperte er und stieß sich das Knie. Er rollte das Hosenbein hoch, um zu sehen, ob es sehr schlimm war. Ein kleiner Kratzer, nichts Weltbewegendes.
Ein einsamer Mann mit Zeitung stand an der Ecke. Messerschmidt sprach ihn an, ob er wisse, wie spät es sei. Der Mann kräuselte die Nase, als müsste er niesen, dann entspannte sich sein Gesicht wieder. Messerschmidt trat nahe an ihn heran. Der Blick des Mannes wurde immer ausdrucksloser und leerer, bis er Messerschmidt Angst machte.
Nach einer Weile sah der Mann tatsächlich auf die Uhr und kratzte sich am Handgelenk.
Na, egal, er würde eben zu spät zur Arbeit kommen. Er liebte seine Arbeit. Zeichner in einem Architekturbüro, ein schöner Beruf. Man verdiente zwar nicht viel, aber es machte Spaß, sich mit den Wünschen eines kreativen Menschen zu beschäftigen, der zudem noch mehr vom Leben zu verstehen schien als andere.
Trotzdem, er fühlte sich seltsam. Als ginge er auf Watte.
Er schüttelte den Kopf.
Tatsächlich?
Ja, es war sein Kopf gewesen. Mein Gott, er war heute wirklich etwas neben sich.
Er würde seinen Vorgesetzten, den Architekten Zmal, bitten, ihn heute etwas früher nach Hause gehen zu lassen, zu seiner Tochter, die in kurzer Zeit ihre Praxis eröffnen würde. Ja, sie war jetzt einunddreißig, aber sie lebte immer noch bei ihm. Das war ungewöhnlich, zugegeben, aber sie bildeten ein gutes Team. Er hatte sie nie ausdrücklich gebeten, weiter bei ihm zu wohnen. Nein, das war ihre eigene, schwer zu durchschauende Entscheidung gewesen. Er war sich sicher, wenn er etwas dazu gesagt hätte, hätte sie es sich anders überlegt. Sie war ein Trotzkopf. Wenn du einmal ausziehst, wenn du einmal einen Mann findest, mit dem du leben möchtest, dann bleib ich hier mit dem Hund allein, hatte er ihr gesagt. Sie wechselte darauf immer gern das Thema.
— Sie sind spät, sagte Herr Zmal, ohne aufzublicken.
Auf seinem Schreibtisch lag ein Haufen Zettel, und Herr Zmal nahm daran eine sorgfältige Obduktion vor.
— Ja, ich weiß, sagte Messerschmidt. Das tut mir auch leid, aber ich war da in einen kleinen Unfall verwickelt.
— Unfall?
Herr Zmal ließ ihn seine beiden würdevollen Augenbrauen sehen. Die Augenbrauen waren genauso, wie Augenbrauen normalerweise sind: groß, väterlich und sehr beweglich. Auch die Nase von Herrn Zmal war heute ein wenig wohlgeratener als sonst, schien es Messerschmidt. Es war ein seltsames Gefühl — und vielleicht entsprach es auch nur seiner Erleichterung, dass ihm nichts Schlimmeres passiert war, der LKW hatte ihn nur gestreift —, aber er sah Herrn Zmal einfach gerne an.
— Ja, wirklich. Keine Ausrede. Hier –
Er rollte sein Hosenbein auf, um die Schramme zu zeigen.
— Schon gut, sagte Herr Zmal, ich habe ja nicht gesagt, dass ich Ihnen nicht glaube. Beruhigen Sie sich.
— Ich bin ja ganz ruhig, sagte Messerschmidt.
Er staunte, dass das die Wahrheit war. Im Grunde hätte er aufgeregt sein müssen, immerhin war die Situation, der er gerade entronnen war, sehr gefährlich gewesen.
— Kommen Sie, setzen Sie sich hin, sagte Herr Zmal.
Schon saß Messerschmidt vor ihm. Jetzt konnte er auch genau erkennen, was Herr Zmal da tat: Er ging die Abrechnungen durch, kontrollierte alle Summen, so wie er es immer gerne machte. Die Arbeit würde viele Stunden, vielleicht sogar Tage beanspruchen, aber Herr Zmal machte es freiwillig, weil er ein Perfektionist war. Messerschmidt wusste, dass Herr Zmal dabei nicht gerne gestört wurde, und fragte sich, warum er gebeten worden war, sich hinzusetzen.
— Also …
Herr Zmal hielt den Korrekturbleistift immer noch in der Hand, als würde er jeden Moment wieder zu seiner Arbeit zurückkehren. Aber er tat es nicht, sondern er begann zu sprechen:
— Es ist gut, dass Ihnen nichts passiert ist. Erzählen Sie, was war denn?
Sein Blick war unverrückbar auf Messerschmidt gerichtet. Das war nichts Ungewöhnliches, Messerschmidt kannte dieses charakteristische Starren, dieses genaue Mustern der Umwelt, aber gleichzeitig irritierte es ihn ein wenig.
Er schaute auf den Fußboden, der aus kleinen hellen Holzbrettern bestand, die in einem Wellenmuster ineinandergesteckt worden waren. Messerschmidt fragte sich, ob ein solches Holzbrett länger oder kürzer war als sein Schuh. Er zog seine Füße unter dem Sessel hervor, dann aber kehrte seine Aufmerksamkeit zu dem starren Blick von Herrn Zmal zurück, den er wie einen stetigen Luftstrom auf seiner rechten Gesichtshälfte spüren konnte.
— Ich bin über die Straße gegangen, es war Grün für mich –
— Also haben Sie nichts falsch gemacht, unterbrach ihn Herr Zmal gleich.
Auch das war eine der Angewohnheiten seines Vorgesetzten. Herr Zmal musste immer alle Menschen, mit denen er sprach, unterbrechen, ihre Aussagen kurz zusammenfassen oder kommentieren. Vermutlich tat er das, um selbst nicht den Faden zu verlieren, denn er war ein Mann, der sehr leicht von allem Möglichen abgelenkt wurde.
Messerschmidt räusperte sich.
— Ja, stimmt schon, aber dann habe ich … einem Radfahrer Platz gemacht, und der ist dadurch langsamer geworden, und irgendwie … ich weiß nicht mehr, alles ist ziemlich schnell gegangen … zur Seite gekippt und schon hat mich ein Auto von hinten gestreift … Ja …
Er hatte alles ein wenig ausgeschmückt. Er schämte sich dafür, aber was sollte man machen, er wollte keine unnötigen Fragen beantworten müssen.
— Und sonst ist nichts passiert?
— Den Kopf hab ich mir, glaube ich, angeschlagen, gestand Messerschmidt.
Es musste beim Sturz auf sein Knie passiert sein, Schmerzen hatte er keine. Aber gut, sein Kopf war immer schon sehr robust gewesen. Dickschädel , hatte seine Frau früher oft respektvoll gesagt. Jetzt fiel ihm ein, dass er zuhause anrufen sollte, man machte sich bestimmt schon Sorgen um ihn. Aber warum? Er war doch ganz normal in die Arbeit gegangen und war schließlich auch hier angelangt, ganz einfach. Nein, zuhause wusste doch niemand von der Verspätung, es sei denn, Herr Zmal hatte bei ihm angerufen und seine Tochter hatte nicht gewusst, wo er war. Sie hatte eine erschrockene Hand zum Mund bewegt, und der Telefonhörer hatte in der anderen Hand zu zittern begonnen. Ist … ist er nicht in der Arbeit erschienen? Ja, so konnte es gewesen sein.
— Hat meine Tochter hier angerufen, sagte er.
Es war merkwürdig, der Schock hatte ihm offenbar auch die Stimmbänder gelähmt, denn er bekam die Satzmelodie einfach nicht richtig hin. Die Frage klang wie ein leidenschaftsloser Aussagesatz. Und außerdem war sie ganz verkehrt gestellt. Haben Sie? , hätte er eigentlich fragen müssen. Haben Sie bei mir zuhause? Aber egal.
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