Seit das Kind nicht mehr schrie, gehörte Messerschmidt die ganze Wohnung. So zumindest schien ihm die Reihenfolge. Chronologie gehörte seit sehr langer Zeit nicht mehr zu seinen Stärken.
Er genoss diesen vorübergehenden Frieden. Mit Sicherheit war es nur eine Frage der Zeit, bis wieder ein neuer Bewohner zu ihm stoßen würde, der Platz auf Erden war begrenzt und der Schmerz in diesen zugigen, wetterfühligen Räumen einfach zu dicht.
Aber vorerst blieb er allein.
Allein. Der absurdeste Zustand von allen.
Als wäre die Eins eine wirkliche Zahl, mit der man etwas anfangen konnte. Dabei war sie lediglich die Vorform einer Zahl, eine Art abstrakte Masturbation. Und die Null war überhaupt keine Zahl, sondern ein Phantom, eine schlechte Metapher. Wie ein verkleideter Zwerg unter lauter Kindern.
Ich stand vor der endlosen Reihe von Fahrrädern, manche davon waren schon seit Jahren hier draußen auf dem Heimparkplatz angeschirrt, vergessen, eingerostet, ins Knie gebrochen wie kranke Rehe, mit Rädern in Form einer liegenden Acht, ein halber Parkplatz voller Fahrräder, die allesamt darauf warteten, das sich endlich jemand ihrer erbarmte und mit ihnen Domino spielte.
Der letzte Tag, das letzte Mal ging ich über diesen Parkplatz, der immer so still und verlassen wirkte, als befände man sich in der Vergangenheit. Die albernen Fahnen vor dem Haupteingang. Fast jede Woche tragen sie mindestens einmal Schwarz.
— Was ist das Problem? fragte mich die Direktorin, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass ich nicht mehr weiter hier arbeiten wollte.
— Nichts. Ich. Ich bin das Problem.
Mit einem handfesten Problem in ihrem Dienstzimmer wollte sie auch gar nicht lange diskutieren. Sie akzeptierte meinen Wunsch nach Abbruch des Dienstverhältnisses, zumal es sich um einen Posten handelte, der in der Regel sehr schnell nachbesetzt werden konnte.
Ich beendete, wie vereinbart, meinen Dienst bis zum Ende des Monats. Am letzten Tag leerte ich meinen Spind gleich in der Früh. Bis Mittag noch, dachte ich, dann Auf Wiedersehen. Es war ein herrlicher Tag, um eine alte Haut abzustreifen. Ich legte meinen kleinen Schlüssel unter ein Fensterbrett, auf einen Heizkörper. Mochten sie danach suchen, wenn ich weg war.
Auf dem Weg zur Arbeit hatte ich meinen Monolog geübt. Ich würde den richtigen Moment abwarten und ihn dann aufsagen, hoffentlich bis zur Pointe am Ende. Und anschließend würde ich in der Stadt zum Friseur gehen, vorausgesetzt, ich konnte noch gehen.
In der Mittagspause standen die Pfleger am Hintereingang herum und rauchten. Max, die Glatze. Otto, der haargenau so aussah wie Bruce Springsteen im Video von Streets of Philadelphia . Werner, der früher als Grenzpolizist gearbeitet hatte.
Ich blieb vor ihnen stehen und befreite meinen Schuh, indem ich am Schuhband zog. Darauf band ich es wieder zu. Als ich mich erhob, grüßten die drei Pfleger mich mit einem kurzen Nicken und einer freundlichen Wippbewegung ihrer Zigaretten.
Wie immer, wenn ein Außenstehender zu einer männlichen Gruppe stößt, dauerte es, bis die anderen weitersprachen.
— Wie auch immer, sagte Werner, die Blumentöpfe sind einfach zu schwer. Da kannst du sagen, was du willst.
— Sag ich ja, sagte Max.
Sein Zippo schnappte heiser auf und zu.
— Einfach zu schwer, weil … ich meine, wer braucht so schwere Blumentöpfe? Ein paar leichtere würden doch denselben Zweck erfüllen. Viele kleine sind vielleicht teurer als ein großer, ja, aber du bräuchtest dann wenigstens nicht immer zwei starke Männer und einen kniezittrigen Zivildiener, um das verdammte Zimmergemüse von A nach B zu transportieren.
— Alles Verrückte da oben, bestätigte Max.
— Stimmt, sagte Werner. Auch grausam gegenüber den armen Zivis. Die schauen immer dermaßen ungesund aus. So bleich …
— Grausam! schaltete ich mich ein, dankbar für das Stichwort. Grausam ist das noch nicht! Ich hab eine grausame Geschichte, da kannst du sehen, was grausam ist.
Ernste Gesichter, Zigaretten, Nicken. Die Männer waren auf eine langweilige Abenteuergeschichte gefasst, wie man sie in Mittags- und Zigarettenpausen oft zu hören bekommt. Vielleicht würde ihnen dieser sonst eher schweigsame Aushilfspfleger jetzt von seinen Problemen mit einer Frau oder einem kaputten Auto erzählen.
— Ihr kennt doch, sagte ich, die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht , oder? Da geht es um einen König, der beschließt, alle Frauen des Landes zu sich einzuladen, sie zu vögeln und anschließend zu köpfen.
Max schmunzelte. Sein Feuerzeug schnalzte mit der Zunge.
— Und dann kommt eines Tages diese Frau namens Scheherazade zu ihm –
— Den Namen hab ich schon mal gehört, sagte Werner.
— Scheherazade, fuhr ich fort, und die hat eine grandiose Idee, um ihr Leben zu retten. Sie erzählt dem König vorm Schlafengehen Geschichten und hört immer genau dann auf, wenn die Geschichte am spannendsten ist. Und der König, der ein großes Kind ist und deshalb Gutenachtgeschichten sehr ernst nimmt, hat keine andere Wahl, als bis zum nächsten Abend zu warten, damit sie ihm das Ende verrät. So rettet sie tausend Tage lang ihr Leben. Und am Ende gebiert sie dem König sogar drei Kinder.
— Recht so, sagte Werner.
Sein Schnurrbart schien sich über die Geschichte zu freuen, er zitterte ein wenig. Max schmunzelte immer noch. Er tippte seine Zigarette an, aber die Asche blieb, wo sie war.
— Warte, sagte ich, die Geschichte geht ja noch weiter. In einer bestimmten Nacht, irgendwann in der Mitte, beschließt Scheherazade, den grausamen und unberechenbaren König, der so an ihren Lippen hängt, ein wenig zu quälen. Denn sie ist schließlich eine Frau und Frauen sind von Natur aus grausam.
— Ts! machte Otto.
Er schnippte seine Zigarette auf den Boden.
— Sie beginnt also wie jeden Abend ihre Geschichte, nachdem sie die alte vom Abend zuvor beendet hat, und erzählt dem König ungefähr Folgendes: Es gab einmal einen König, der hatte beschlossen, alle Frauen seines Landes zu sich einzuladen, sie zu vögeln und anschließend zu köpfen und so weiter. Das Gesicht des Königs verändert sich, er wird ganz bleich und seine Lippen zittern. Scheherazade erzählt ihm seine eigene Geschichte, bis zu dem Augenblick, da sie in sein Leben tritt. Sie beschreibt auch sich selbst, wie sie neben ihm Platz nimmt, erzählt ihm von der List, mit der sie gedenkt, ihr Leben zu retten, und erzählt ihm auch, wie sie die erste Geschichte zu erzählen beginnt, und alles wiederholt sich, Wort für Wort. Der König erstarrt. Er begreift, dass er in einem Zeitloch gefangen ist, in einer jener endlosen Spiegelungen, in der man einen Bildschirm sieht, auf dem ein Bildschirm zu sehen ist, der wiederum diesen Bildschirm zeigt, und ewig so weiter. Geniale Idee, oder?
— Ja, sagte Otto begriffsstutzig.
— Das war Grausamkeit Nummer eins, fuhr ich fort, denn natürlich dauert auch diese Nacht nur acht Stunden, Zeitschleife hin oder her, irgendwann wird es draußen hell und die Geschichte ist vorbei. Am nächsten Morgen geht das Leben im Palast weiter, und am Abend erzählt Scheherazade wieder Geschichten, vor allem religiöse Gleichnisse und Abenteuergeschichten, alles harmloses Zeug, denn sie hat ihren Spaß gehabt: Sie hat dem König gezeigt, dass man sich besser nicht mit einer Geschichtenerzählerin anlegt. Der König, eingeschüchtert, verschont ihr Leben auch weiterhin. Er hört sich alle ihre Geschichten an und freut sich daran und schläft hinterher mit ihr. Sie wird fast so etwas wie seine Lieblingsfrau. So gehen die tausend Nächte zu Ende, und in der letzten Nacht bittet Scheherazade, die von ihrer ständigen Todesangst bereits völlig ausgezehrt ist, den König, ihr Leben zu verschonen und sie als Mutter seiner drei Kinder — man muss sich das vorstellen: Sie ist sogar zu schwach, das kleinste der Kinder als Argument in die Höhe zu halten — im Palast zu behalten. Der König lächelt nur, auf diesen Augenblick hat er gewartet. Nie konnte er vergessen, was sie ihm in der einen, der sechshundertundzweiten Nacht, angetan hatte. Er lässt sie wissen, dass er gar nicht mehr vorhat, sie zu töten. Ich , sagt er, habe dich längst verschont . Scheherazade erbleicht nun ihrerseits, sie fällt auf einen Stuhl nieder und alles dreht sich. Er habe ihr Leben längst verschont, hat er gesagt. Sie hat also mindestens dreihundert Tage in falscher Todesangst Geschichte um Geschichte aufeinander gestapelt. Er hat sie nur weitererzählen lassen, weil ihm ihre Geschichten gefielen! Er hat sie im Glauben gelassen, sie könnte immer noch jeden Augenblick sterben, wenn die Erzählung nicht spannend genug ist oder sonst irgendeine Unstimmigkeit aufweist. Das ist grausam!
Читать дальше
Конец ознакомительного отрывка
Купить книгу