— Nein, warum? fragte Herr Zmal.
Auch das klang nicht wie eine Frage. Für einen Augenblick sah es so aus, als würde Herr Zmal seine Schreibarbeit wieder aufnehmen, aber der Korrekturbleistift bewegte sich nur wenige Millimeter über das mit Zahlen bedeckte Papier, als unterliege er einer Art natürlicher Fortbewegung, wie etwa der Mond oder der Schatten eines Hauses, während der Tag verging.
Messerschmidt winkte ab.
— Ich hab nur gedacht … nein, natürlich nicht, da hab ich was verwechselt, glaube ich.
Eine Weile schwiegen sie. Es war völlig still. Messerschmidt lehnte sich im Stuhl zurück, um ihn knacken zu lassen, aber das Holz schien dafür viel zu geschmeidig, obwohl es ein sehr alter Stuhl war. Die gesamte Einrichtung im Büro war sehr alt. Dass das angenehme Knarren und Knacken der hölzernen Stuhllehne ausblieb, enttäuschte Messerschmidt so sehr, dass er unvermittelt aufstand.
— So, also dann, sagte er, ich werde dann mal an die Arbeit gehen.
— Ja, in Ordnung, sagte Herr Zmal.
Er hielt Messerschmidt die Hand hin. Zwischen zwei Fingern hing noch immer der Bleistift. Messerschmidt, der nicht unhöflich sein wollte, sagte nichts über die kleine Vergesslichkeit seines Chefs und ergriff die Hand, wobei er achtgab, den Bleistift nicht zu berühren.
Als er sich zum Gehen wandte, hörte er hinter sich etwas zuklappen. Er drehte sich kurz wieder um und sah, dass es die Mappe mit den Jahresabrechnungen war. Herr Zmal war offenbar bereits fertig.
— Schon fertig mit den Korrekturen, sagte Messerschmidt freundlich.
Herr Zmal schien zu erschrecken. Er sah nach links und rechts, wischte sich über die Stirn, die plötzlich verschwitzt war und auch leicht gerötet. Sein Blick traf Messerschmidt nicht, obwohl dieser für einen Augenblick stehen geblieben war. Eine Weile wartete er, aber es geschah nichts. Herr Zmal antwortete auf seine Frage nicht. Wann hatte er die Korrektur gemacht? Es konnte nicht während ihres kurzen und merkwürdigen Gesprächs geschehen sein, denn Messerschmidt hatte genau darauf geachtet, obwohl er gar nicht genau sagen konnte, wieso.
Genau darauf geachtet, genau darauf geachtet : eine warme Berührung an seinen Oberschenkeln.
M’lp. M’lp .
Die junge Japanerin wischte ihre nasse Hand an der provisorischen Schürze ab, dann holte sie das Apfelmus, mit dem sie Herrn Messerschmidt fütterte. Das Mus kam in einen Beutel, und der Inhalt des Beutels gelangte über eine Sonde direkt in den Magen. Wenn sie die ständig verklebte Eingangsstelle am Bauch des alten Mannes reinigte und frisch mit einer Mullbinde überklebte, verbreitete sich ein beißend saurer Geruch im ganzen Zimmer.
Sie seufzte.
Heute war ihr die Arbeit besonders unangenehm. Ihr Körper verlangte nach etwas anderem. Sie hatte sich heute ein paar Minuten früher von ihrem neuen Freund trennen müssen, um rechtzeitig bei Herrn Messerschmidt zu sein. Sie waren zu gar nichts gekommen. Dabei brauchte sie es so dringend, auch wenn es peinlich war, das zuzugeben. Aber jetzt waren sie schon eine Woche zusammen, und alles, was sie bisher getan hatten, war ein wenig Oralverkehr, akrobatisch ineinander verkeilt wie Zwillingsgalaxien. Mein Gott, er hatte so gut geschmeckt, so verdammt gut, und das kam nicht oft vor bei Männern. Die meisten schmeckten säuerlich oder bitter oder überhaupt nur nach ungepflegten, dornigen Schamhaaren, aber Colin — Colin roch und schmeckte gut. Er hielt sehr viel auf Pflege und Hygiene. Sie wusste es genau, denn neulich hatte sie mit ihrer Zunge –
Schluss, Schluss. Nicht mehr daran denken.
Mitsuko zog Herrn Messerschmidt eine frische Windel an. Alles schön der Reihe nach. Nichts überstürzen.
Aber ihre Finger waren so unruhig, dass sie alles zweimal machen musste.
Nicht lange nachdem er das Büro verlassen hatte, nach draußen in eine Welt aus stillstehendem Verkehr, verstand er seine Situation. Es gab nur noch ihn. Anfangs war er verzweifelt, dass das so war, dann war ihm auch das egal. Denn solange es ihn betraf, spielten seine Erinnerungen noch ein bisschen mit und gaukelten ihm vor, nicht ganz allein zu sein. Aber genau das war er. Allein. Der einzige Tote weit und breit. Niemand sonst war je gestorben. Nur ihn hatte dieses sonderbare Schicksal getroffen. Sein Kopf war vielleicht noch nicht ganz tot, wo er sich befand, ließ sich allerdings nicht genau sagen. Ein letzter Rest von Leben flackerte noch darin und imaginierte sich Städte, einen Himmel, einen Horizont hinter den Häuserfassaden (tatsächlich, man spürte ihn, wenn man sich anstrengte, eine gleißende Linie, wo die Halbkugel der Welt aufhörte und die brausenden Wasserfälle der Ewigkeit anfingen), stellte sich Spielplätze vor und Schreibtische, erschuf sich Tag und Nacht, die Stimmen und Bewegungen anderer Menschen, so wie er es immer getan hatte. Er war ein Kopf, ein denkendes Gehirn im Cockpit eines verrottenden Körpers.
So musste es sein.
Und jeden Morgen kam der Hund und leckte seine nackten Beine ab, manchmal auch sein Geschlecht. Und zog ihm eine frische Windel an. Nein, nicht der Hund.
Ach, er hatte nur verschwommene Theorien über die Zeit seines Aufenthalts. Vielleicht dauerte das Nachglühen seines Verstandes nur Sekunden. Aber genauso wie der Traum einer einzigen Nacht mehrere Jahrzehnte dauern konnte (von den schwierigen, senil-unverständigen Jahren der Pubertät über die Hochzeit bis hin zum ersten Enkelkind, das man überlebt), so erstreckte sich dieser letzte Rest vielleicht unendlich lange in die Zeit hinein. Wie die Nachkommastellen einer irrationalen Zahl. Immer kleiner, immer detailreicher. Das allmähliche Versickern von Buchstabensuppe.
Am liebsten hatte er die Hündin gehabt. Warum war sie fort? Eine schwierige Frage. Er fand darauf keine Antwort. Eine Halskrause aus blau-transparentem Plastik spielte dabei eine Rolle, aber es war nicht ganz klar, welche. Mit dem Ding sah die Hündin aus wie eine Trompete, die ängstlich vor sich selbst davonläuft. Armes Tier. Wo war sie jetzt?
Hunde waren letztendlich immer rätselhaft, undurchschaubar. Ganz anders die Katzen, die machten kein Geheimnis daraus, dass sie sehen konnten, was mit ihm los war. Sie waren ein Fall für sich.
Jetzt allerdings war alles still, und vielleicht befand sich niemand mehr auf der Erde. Messerschmidt war ganz allein.
Früher hatte es auch noch einen anderen Bewohner gegeben, ein schreiendes Kind, das in den Lampen wohnte, sie hin und wieder zum Schaukeln brachte, und ein ungesundes, leicht gelbliches Licht verbreitete, das die Menschen traurig stimmte, ohne dass sie es merkten. Sie wurden finster und melancholisch, deuteten in Gesprächen schwer verzeihliche Dinge an und fielen einander ins Wort. Ah, diese sonderbaren Momente in den Gesprächen Erwachsener, in denen sich plötzlich eine unsichtbare Wand auftut, und beide Gesprächspartner prallen mit der Stirn dagegen. Dann wenden sie sich ab, gehen in ihre Ringecken zurück und schweigen. Sie sehen zu Boden und mischen ihre Worte neu wie ein Deck Spielkarten. Spricht man sie an, heben sie nur ihre Gesichter und lächeln entschuldigend, als hätte man sie auf Chinesisch nach dem Weg gefragt.
Das Lampenkind schluchzte und heulte die ganze Zeit, als wäre die Welt vor seinen Augen in tausend winzige Glassplitter zersprungen, als hätte sich alles Lebendige als ein undurchdringliches Wachsfigurenkabinett entpuppt.
Irgendwann wurde das Kind dann schlafen gelegt. Man nannte es wohl so, nicht nur bei Bewohnern, die in ihrer Kindergestalt stecken geblieben waren, nein, hier war es nur ein Zufall — auch ein uraltes Männlein, das im Garten wohnte und dort seine unverständlichen Klagen von sich gab, oder ein einzelner, gottverlassener Arm, dessen Handfläche manchmal blass durch Spiegelbilder blinzelte, als winke sie Auf Wiedersehen, konnte man schlafen legen, wenn man nur wusste, was zu tun war.
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