Walter legte die Zettel zurück in den Schrank seiner Mutter. Es rührte ihn, dass sie sie so lange hier aufbewahrt hatte. Diese ganzen Kindereien. Joachim hatte schon Recht gehabt; nur ein einziges Gedicht war ihm einigermaßen brauchbar erschienen. Das von dem Hund.
Walter hatte ganz allein einen Ausflug in die Berge gemacht und war in einer kleinen Herberge abgestiegen. Als er sich unbeobachtet fühlte, schrieb er ein Gedicht in das h uralte, in Leder gebundene Gästebuch.
durch den schnee kommen wir
spindelglocken im mond
sperper-vernebelt der see
Er unterschrieb das Gedicht mit seinen Initialen: W. Z. Aber das Z misslang ihm, und er strich es aus und malte ein neues, schöneres.
In der Nacht konnte er nicht einschlafen. Zuerst störte ihn das Blinken eines Radioweckers, der auf dem Nachtkästchen neben ihm stand. Nachdem er ihn umgedreht hatte, musste er daran denken, dass der Wecker ja immer noch blinkte, selbst wenn er ihn gar nicht mehr sehen konnte, und entfernte die Batterien aus dem Gerät. Dabei splitterte ihm der Daumennagel und er kaute ihn ab, bis er das schmerzhafte Pochen seines eigenen Pulses in der Fingerkuppe spürte.
Er musste ständig an das Gedicht denken, das er am Morgen ins Gästebuch geschrieben hatte. Er konnte sich nicht mehr genau an den Wortlaut erinnern und das ärgerte ihn. Schließlich stand er auf, ging unruhig im Zimmer auf und ab, an dem schmerzenden Finger lutschend, und sprach sich die Anfangszeile immer wieder vor, in der Hoffnung, er könnte seinem Gedächtnis den Rest entlocken.
Da es nicht gelingen wollte, holte er das Diktiergerät aus dem Mantel, der über der Sessellehne hing; in der Dämmerung sah das aus wie ein Kobold, der den Kopf eingezogen hatte. Aber auch das vertraute Gefühl des Diktiergeräts in seinen eiskalten Händen brachte die wertvollen Zeilen nicht zurück.
Missmutig zog er sich an. Sein linker Fuß verhedderte sich in einem Hosenbein, und er hüpfte fluchend im Zimmer umher.
Im Stiegenhaus fand er keinen Lichtschalter, aber so war es vermutlich auch besser; er wollte ungesehen bleiben. Er hoffte nur, dass die Rezeption in der Nacht nicht von einem misstrauischen Portier besetzt war.
Seine Hoffnung erfüllte sich, der Einzige, der ihn erwartete, war ein großer, schlafender Hund an einer Kette, die eine kraftlose Schlaufe um eine seiner Pfoten gebildet hatte. Vermutlich hatte der Hund wie jeden Abend, nachdem man ihn allein gelassen hatte, versucht, sich zu befreien und zu seiner Familie zu gelangen, die sich in ihren Betten verkrochen hatte, und war irgendwann vor Erschöpfung eingeschlafen. Walter nahm sich vor, ein Gedicht auf diesen Hund zu schreiben. Aber zuerst gab es da ein anderes Gedicht, um das er sich kümmern musste. Das Gästebuch lag immer noch aufgeschlagen, in seinem natürlichen Zustand. Aber die Seite war eine andere als die von heute Morgen: ein großer Pinguin befand sich auf der Seite — ein besonders merkwürdiges Exemplar mit überlangem Schnabel und einer angedeuteten Krawatte, die ihm aus dem Hals zu wachsen schien. Walter blätterte die Seite um und war beruhigt: Da war sein Gedicht, in der charakteristischen Handschrift des großen Poeten, der mit ihm identisch war. Mit viel Atemluft zwischen den Zeilen. Er las es elf Mal hintereinander. Anschließend sprach er es leise in das Diktiergerät und ging in sein Zimmer zurück. Doch er fühlte immer noch eine unerträgliche Leere, den sich langsam ankündigenden Schmerz eines Verlusts. Er kehrte um. Obwohl er den unordentlich gezeichneten Pinguin gerne nicht länger um sich gehabt hätte, riss er die Seite mit dem Gedicht aus dem Gästebuch und steckte sie ein. Endlich fühlte er sich besser. Den Pinguin auf der Rückseite würde er am nächsten Morgen übermalen, beschloss er.
Was war ich für ein elender Heuchler, dachte Walter im Schlafzimmer seiner Eltern.
Er ließ sich von der weichen Matratze hochfedern; er stand. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer.
Von allen Gedichten, die er geschrieben hatte, erinnerte er sich nur mehr an das eine im Wortlaut, das von dem schlafenden Hund inspiriert worden war.
Ich hörte einen schwarzen Hund
vor meiner Haustür weinen
Ich sprach ihn an mit vielen Namen
Er hörte nur auf meinen
Das war wirklich gut. Hübsch und kompakt. Ein Gedicht wie ein Butterkeks. Erst nach langem Kauen entfaltete sich sein Geschmack.
Obwohl er keine besondere Lust hatte, sich zu betrinken, machte er sich einen Cocktail. Zutaten gab es reichlich, sein Vater war seit vielen Jahren Alkoholiker, ohne es zu wissen und ohne großen Schaden anzurichten.
Joachim, dachte er, hatte immer gute Cocktails gemacht. Wie es ihm wohl gehen mochte?
Der Cocktail (wenn man das Gemisch überhaupt so nennen wollte) war stark geraten und brannte in der Kehle. Egal, dachte er, es sieht mich ja niemand. Ich kann tun, was ich will.
Er machte sich einen zweiten und dritten. Auf unsicheren Pfoten wankte er zwischen dem Kühlschrank, der Bar und dem alten, knarrenden Ledersessel, der vor dem Fernseher stand, hin und her. Gerade balancierte er mit einer eigens zu diesem Zweck entwickelten Metallklammer einen Eiswürfel, als ihn ganz in seiner Nähe eine laute, volltönende, registerreiche Stimme ansprach.
Walter fiel vor Schreck fast über den Fernsehtisch, und der Eiswürfel fiel klirrend zu Boden.
Es war nicht einfach gewesen, aber nach einer halben Stunde hatte ich endlich alle größeren Teile des Spiegels aufgesammelt und zusammengeklebt. Die Haut auf meinen Fingerspitzen war vom Superkleber schwarz verätzt. Außerdem war mir vom Gestank der Chemikalien schlecht geworden. Entweder das, oder ich hatte feinsten Glasstaub eingeatmet, der nun meine Eingeweide zersetzte.
Anfangs hatte ich ein paar Ecken des großen Puzzles falsch zusammengesetzt (es gab mehr als einen Splitter, der die Form eines perfekten gleichseitigen Dreiecks hatte), und als ich in den reparierten Spiegel blickte, saß mein linkes Auge plötzlich unsicher blinzelnd auf meiner Wange. Missmutig grinsend vertauschte ich die beiden Teile.
Jetzt war alles wieder an seinem Platz. Zwar befand sich ein feines Netz von Bruchstellen, zwischen denen schwarzer Kleber hervorquoll, auf dem Spiegel, aber damit konnte man leben. Zur Feier der geglückten Instandsetzung schnitt ich Grimassen.
Mein linkes Auge fiel mir auf. Ich zog das Lid etwas herunter, und ein ungesundes Rot kam zum Vorschein, wie brennende Wolken am Horizont. Bestimmt hatten die giftigen Dämpfe des Klebstoffs meine Schleimhäute entzündet.
Es war früher Morgen, als ich mich zu Valeries Praxis aufmachte. Ich war etwas unsicher beim Gehen, denn ich hatte eine Nacht hinter mir, in der ich nicht mehr als zwei Stunden geschlafen hatte. Um sieben Uhr waren die Straßen bereits voller Menschen, aber die Praxis befand sich in einer jener besonders windstillen und ruhigen Seitengassen, die zwar so breit sind wie manche Hauptverkehrswege, aber trotzdem unter einem merkwürdigen Schutzzauber daliegen und sich einfach nicht von der Stelle rühren. Lässt man in einer solchen Straße etwas fallen, einen Knopf, eine Münze oder eine Zigarette, erscheint es einem fast wie ein unnötiger Eingriff in ein natürliches Gleichgewicht.
In einem kleinen, kompakten Café, das entweder CHILL oder WLAN hieß (genau ließ sich das nicht feststellen), kaufte ich mir einen Kaffee. Der weiche Pappbecher wurde nach wenigen Augenblicken bereits brennend heiß, außerdem schwappte die Flüssigkeit trotz des schnabelförmigen Schutzdeckels, durch den man trinken musste, ständig über meine Finger. Ich ging viel zu schnell, dabei hatte ich nicht einmal einen Grund, mich sehr zu beeilen. Die Praxis sperrte erst um acht Uhr auf.
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