Ein Mann tritt aus einem der hohen Gebäude, die an den Park grenzen. Er wirft einen Blick auf die Frau, die mitten auf dem Gehsteig schläft.
Am helllichten Tag.
Er blickt auf die Hausmauer gegenüber. Er schüttelt den Kopf. Bestimmt eine Betrunkene.
— Am helllichten Tag! wiederholt er.
Aber natürlich kann ihn niemand hören, am wenigsten die Bewusstlose selbst, denn unter ihr sammelt sich bereits Blut. Und austretendes Blut bedeutet immer einen Mangel an Aufmerksamkeit. Trotzdem schimpft der Mann, ballt sogar die Faust, auf der sein alter Ehering feststeckt. Niemals wird er ihn wieder abnehmen können. Damals war er selbst ja noch dünn wie ein Fahrradschlauch. Erst wenn er irgendwann krebskrank und ausgezehrt sein wird wie ein Skelett, fällt ihm der Ring vielleicht einmal vom Finger. Aber bis dahin …
Er seufzt und steigt über den Frauenkörper hinweg (und der Schatten des Verkehrsschildes gleitet über sein Bein), dabei verfehlt er um Haaresbreite ihr Handgelenk, fast wäre er drauf getreten. Knack . Aber selbst wenn, dann hätte er die fremde Hand nur mit einem Taschentuch gesäubert und wäre davongerannt — und hätte sich erst an der nächsten Straßenecke umgedreht und mit Genugtuung festgestellt, dass sein altes Herz noch immer zu schlagen versteht, tatsächlich, mitten in dieser Einöde. Endlich schlägt es wieder.
Ein Vogel landet im dichten Gebüsch neben dem Gehsteig, wo die bewusstlose Frau liegt. Aber er sieht nur Zweige, Dornen, Gestrüpp: eine eigenartige Welt. Er schüttelt den kleinen Kopf, dann hebt er surrend ab.
Viele Menschen gehen hier entlang, auch auf der anderen Straßenseite, wo ihre Schatten mit absurd langen Füßen an der Wand tanzen. Kinder werden langsamer, fragen etwas, und Mütter antworten, allerdings erst, wenn sie an der Liegenden vorübergegangen sind. Nicht anfassen. Ist vielleicht schmutzig. Außerdem ist es schon spät, wir müssen weiter .
Mehrere Male klingelt es unter der Frau auf dem blutgetränkten Asphalt.
Der Schatten des Zeigers wird immer kürzer und wandert langsam über sie hin, bis er sich irgendwann löst. Wie ein plötzlich abreißendes Gummiband.
Die Luft ist angenehm warm.
In einer Nebenstraße hupt ein Auto. Es ist so windstill, dass ein Luftballon schnurgerade nach oben fliegen würde, wenn man ihn losließe.
Ein unsichtbares Flugzeug zieht einen zarten Kondensstreifen hinter sich her.
Im nahen Volksgarten geht ein Junge spazieren, einer, der sich oft hier herumtreibt, und jeder, der ihn sieht, weiß, dass er eines jener verwahrlosten Kinder sein muss, von denen man andauernd in der Zeitung liest, die sich oft bis zum Abend im Park aufhalten und irgendetwas aushecken. Wahrscheinlich ist ihm langweilig, denn er vollführt einen seltsamen Tanz: drei schnelle Schritte nach vor, dann lässt er sich auf die Knie fallen, aber Gott sei Dank immer ins weiche Gras, sonst würde er sich wehtun. Außerdem muss er ständig achtgeben, dass er nicht in einen Hundehaufen fällt, von denen hier jeder Zentimeter voll ist, jeder Strauch, jede Holzbank. Es ist für die herbstliche Jahreszeit noch recht warm, und da gehen die Leute gern mit ihren Hunden spazieren. Oder Hunde rennen herrenlos und glücklich über die Wiesen, wie im Paradies. Auch so was kommt vor.
Der Junge, dem die Knie nun doch ein wenig wehtun, holt sein Handy hervor. Es ist das allerneueste Modell, mit Kamera, die so viele Pixel hat, wie es Einwohner gibt in Österreich. Für jeden Kopf ein kleiner Bildpunkt. Er sieht sich zum x-ten Mal den Film an, den er gestern Abend in der Nähe des Parks aufgenommen hat. Das Bild ist ziemlich verwackelt, weil seine Hände ängstlich waren, wie immer, trotzdem kann man alles gut erkennen. Er hat die Aufnahme da drüben, gleich hinter dem Hochhaus, gemacht; jetzt meidet er die Stelle.
Der kurze Film zeigt, wie eine Frau mit einer langen Metallstange niedergeschlagen wird. Ihr Hund läuft davon, sein Kopf steckt in einem Trichter. Die Frau taumelt gegen ein Verkehrsschild und biegt es ein wenig zur Seite, bekommt dann einen letzten, vernichtenden Schlag auf den Kopf und fällt hin.
Woman beated to death with metal steel .
Gerald überlegt, ob der Titel, unter dem er den Film abgespeichert hat, grammatikalisch korrekt ist. Beated? Beat. Boat? Beaten? Er nimmt sich vor, seinen Englischlehrer zu fragen, bevor er den Film ins Netz stellt.
Man muss zugeben, der Ton ist wirklich schlecht, ein ohrenbetäubendes Rascheln seiner Kleider, und der Clip beginnt mit einer abstrakten Explosion von Pixeln, aber das macht nichts, denn wenn der Film einmal läuft, kann Gerald seinen Blick nicht mehr abwenden. Er hat ihn bestimmt schon vierzig Mal abgespielt, trotzdem hat er das Gefühl, dass er noch längst nicht alles gesehen hat.
Aber jetzt war alles in sich zusammengestürzt, alle Zusammenhänge, alles kaputt und zerstört, jetzt war alles nur mehr Orientierungslosigkeit und viele, viele Signale, die danach verlangten, aufgenommen und eingeordnet zu werden. Blumen. Eine Hecke. Ein Regenschauer, kurz, aber heftig. Die Begleitmusik für eine Flucht.
Ein beständiges Klirren im Hintergrund, wie von herunterfallendem Metall, das sich im Kopf fortpflanzte, verbreiterte und wieder zusammenzog, sodass es nie zu fassen war.
Sirenengeheul.
Dann die schnell atmende Stille unterhalb des Autos, mehrere Stunden.
Keuchen, hecheln.
Die Unmöglichkeit, am eigenen Fell zu nagen.
Nackenfellsträubende Blitze. Und die Gespenster der Elektrizität zwischen den Zähnen. Lärm aus der Hölle. Fernes Klirren von Metall.
Nichts hasste die kleine, nasse Hündin mit dem rötlichen Fell mehr, als ausgeschlossen zu sein. Gott sei Dank war sie diesmal rechtzeitig davongerannt, bevor man sie wieder verlassen konnte. Früher hatte sie immer laut um Hilfe gebellt, wenn die Menschen in ihrer Gegenwart die Köpfe, die unerreichbar hoch oben, knapp unter der Zimmerdecke schwebten, zusammensteckten und leise miteinander redeten.
— Schschsch, beugte sich dann eines der Gesichter zu ihr herunter, spendete wohltuenden Augenkontakt und schwebte wieder nach oben.
Und die Bedeutung dieses einfachen Zischlautes war im Gegensatz zu den sonst eher unverständlichen Geräuschfeldern und Lautfolgen relativ einfach zu entschlüsseln: Du bist da. Wir haben dich ja bemerkt, also bist du da .
Es gab wenige Dinge, die sich so gut anfühlten wie diese Gewissheit, und es fiel ihr jedes Mal sehr schwer, das Gebell, das sie in solchen Momenten zum Dank für die erteilte Anerkennung anstimmen wollte, zurückzuhalten; aus irgendeinem Grund war es von der Gesellschaft der höheren Regionen nicht gern gehört.
Aber jetzt war alles eingestürzt, alle Zusammenhänge. Die vier Wände, die täglichen Rituale. Ein hässlicher schwarzer Metallstab war aufgeblitzt und hatte sie verjagt, sie hatte die Kontrolle über sich verloren und nun war sie allein. Allein unter einem Auto, für mehrere Stunden in Schach gehalten vom Regen, von den Bewegungen der Stadt, Menschenbeine pendelten vorbei. Ein männliches Paar Schuhe blieb stehen und Asche fiel auf den Asphalt.
Uljana atmete sie ein.
Allein: ein Reuegefühl von vier Pfoten auf kaltem Asphalt.

Der Schlaf hatte Walter eine Weile vor sich hergetrieben, wie ein Stock schwingendes Kind seinen über Gehsteigkanten und Feldwegränder davonspringenden Reifen. Aber dann hatte er den Anschluss verpasst, oder er war irgendwo falsch abgebogen, jedenfalls war er jetzt wieder hellwach, lag auf dem Rücken und starrte an die Zimmerdecke. Wenn er sich konzentrierte, konnte er sich vorstellen, wie er sich auf allen Vieren über die Decke bewegte, als wäre sie der Fußboden. Er kroch um die schräg nach oben stehende Lampe, streckte seinen Kopf durch das Fenster in eine verkehrte Welt und stieß sich das Bein an der kniehohen Schwelle, die die Tür auf einmal hatte.
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