Clemens Setz - Die Frequenzen

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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Ich wandte mich von der Welt jenseits des Balkongeländers ab, als brächte sie mich und Ernst auch nicht weiter, und ging wieder in die Wohnung.

Nach ein paar Minuten kehrte ich auf den Balkon zurück und tötete Ernst ein zweites Mal. Diesmal hatte er in meiner Vorstellung schon so etwas wie ein Gesicht. Es war groß und freundlich, es zwinkerte bei jedem stark betonten Wort, als wäre die ganze Welt eine einzige ulkige Angelegenheit, die man durch Augenblinzeln zum Leuchten bringen konnte. Er sah ein wenig aus wie Dienstag. Ich beschimpfte ihn so lange, bis er am anderen Ende der Leitung röchelnd zusammenbrach und blutige Klumpen hustete, kleine Montagsbruchstücke.

Stunden später bin ich wieder im Krankenhaus, bewaffnet. Mit einem krächzenden Reiben rollt sich das silberne Jojo an seiner Schnur ab, streift den Boden, lässt unsichtbare Funken sprühen und rollt sich zur Hälfte wieder auf. Ich versuche es durch ungeschicktes Zupfen in meine Hand zurückzuholen, aber es funktioniert nicht, mit starker Schlagseite eiert es auf und ab, wie eine Flugscheibe, die gerade im Begriff ist, über der Wüste von New Mexico abzustürzen.

Mein Gott, wie ich Krankenhäuser hasse.

Trotzdem gehe ich praktisch nur mehr zum Schlafen nach Hause.

Nach dem fünfzigsten Versuch gelingt es, und das Jojo schläft nicht nur — ein Fachausdruck aus der Jojo-Sprache, der den faszinierenden Schwebezustand bezeichnet, wenn das kleine wirbelnde Ding sich am tiefsten Punkt einfach weiterdreht, sodass man es wie einen Hund Gassi führen und sogar über ein paar Treppenstufen hüpfen lassen kann —, sondern es kehrt auch brav wieder zurück.

Heute muss ich warten, weil Valerie umgetopft wird. Dazu benötigt man frische Laken, einen feuchten Waschlappen und zwei dicke Schwestern, von denen die eine mutig genug ist, diesen Ausdruck auch vor Angehörigen zu verwenden, weil sie von oben bis unten von Zynismus durchdrungen ist und sich lebendig vorkommt wie ein junges Tier, wenn sie den entsetzten, hilflosen Ausdruck im Gesicht der Besucher sieht.

Ich sitze quer über zwei Sessel in der Nähe des Aufenthaltsraums und hypnotisiere die Tür, hinter der Valerie umgetopft wird. Ich lasse das Jojo über den Boden kullern und ziehe es zurück, es ist voller Staub.

Lydias Nummer erscheint mehrere Male blinkend auf meinem Telefon, aber ich nehme nicht ab.

Was ist dein Lieblingsereignis im aktuellen Kriegsgeschehen?

Der Kampf mit zwei tonnenschweren Krankenschwestern. Der Kampf gegen die unerträgliche Überlegenheit eines Spitalskorridors, gegen die Fensterscheiben, die man von innen wegen der vielen Gründe, die für Selbstmord sprechen, gar nicht öffnen kann, die Rebellion gegen das kränkliche Licht der Deckenlampen. Wie kann etwas nur so hässlich sein und trotzdem Licht spenden?

Im Aufenthaltsraum ist niemand. Ich gehe hinein, lese die Titel der Bücher, die dort in einer Vitrine eingesperrt leben. Segen der Erde. Die Gösta-Berling-Saga. Waldheimat. Kristin Lavranstochter. In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus .

Ich schalte den Fernseher ein. Massenhysterie kleiner Punkte. Eine Fernbedienung findet sich nicht, also schalte ich am Gerät weiter.

Eine Sitcom. Jason, hast du etwa die Dartpfeile runtergeschluckt? Sag’s mir, na los, spuck’s aus . Gelächter toter Menschen.

Werbung. Aufgeregte Mädchen: Baby Poop hat gepinkelt!

Sumoringen.

Tiere. Eine Dokumentation über Zecken. Ich setze mich. Um zu überleben, befallen die Zeckenlarven ein Küken, das langsam schwächer wird, nicht mehr fressen kann und schließlich im Nest untergeht, immer noch geborgen zwischen den Geschwistern, aber unendlich müde und verwirrt ins Tageslicht blinzelnd. Die Mutter nähert sich dem bereits toten Küken, quakt, klappert mit dem Schnabel: Beeil dich, du musst dich doch bewegen, ich helfe dir, deine Geschwister sind schon beim Spielen . Das Klappern ist ein Zeichen dafür, dass eine Fütterung bevorsteht, es regt den Appetit an — umso unverständlicher, dass das Küken einfach nicht reagieren will. Die Mutter versucht es noch einmal, Klapp, Klapp, Klapp . Sie stupst das Küken sogar mit ihrer Schnabelspitze an: Jetzt aber los, schnell, bald bist du auf dich allein gestellt, du musst noch viel nachholen . Aber nichts zu machen, das Küken bewegt sich nicht. Die Mutter setzt sich darauf, behutsam, zutiefst verwirrt, denn Unbeweglichkeit weckt ihren Brütinstinkt, dann erst setzt die Trauer ein: Nachher steht sie ratlos im Schilf und meidet das Nest wie eine Todesfalle.

Ich schalte den Fernseher aus, gehe nervös auf und ab. Was, wenn ein todkrankes Kind diese Sendung gesehen hätte? Ist jemand da? Ich schaue mich um. Nein, niemand. Auch draußen auf dem Gang ist alles leer und still.

Mein Jojo rutscht mir vom Finger und rollt davon, unter einen Tisch.

Draußen vor dem Fenster hat der Himmel die Farbe von Auberginen angenommen. Man sieht noch die schwachen Silhouetten von Bäumen und hohen Gebäuden.

Das Jojo ist jetzt so schmutzig, dass ich es einstecke. Es gibt nichts zu tun, also gehe ich am Gang spazieren. Was will ich hier im Krankenhaus, wenn man mich doch nicht zu ihr lässt?

Die Zecken aus der Dokumentation erinnern mich an einen Nachmittag mit meinem Vater, der mir fluchend den Kopf waschen musste, als ich einmal mit Läusen aus der Schule nach Hause kam. Er verwechselte Läuse mit Flöhen und erzählte mir, dass Flöhe vor allem Frauen befielen. In einem Buch habe er sogar ein kleines Bild aus dem achtzehnten Jahrhundert entdeckt, auf dem eine tragbare Flohfalle dargestellt war, ein Modell eigens für Frauen, das man an einer Kette um den Hals tragen und, zwischen die Brüste geklemmt, vor den angewiderten Blicken der Welt verstecken konnte.

— Flöhe sind von Grund auf verbunden mit solchen Dingen, sagte er gedankenverloren und bestaunte seine weißen, schaumverschmierten Hände.

Ich erinnere mich daran, dass mein Kopf selbst nach dem Waschen noch juckte, an den entsetzlichen Gestank des Läuseshampoos und an den Moment, da meine Mutter nach Hause kam. Sie beruhigte zuerst meinen Vater und erlaubte ihm, wieder in seinem Arbeitszimmer zu verschwinden, dann erst widmete sie sich mir. Sie wusch mir ein zweites Mal den Kopf und befragte mich über die möglichen Quellen der Ansteckung. Wahrscheinlich erwartete sie eine pikante Enthüllung: der erste Kuss, das erste Mal am Haar eines Mädchens gerochen. In Wahrheit hatte ich einen Erstklässler verprügelt, dessen Kleidung mich aus unerfindlichen Gründen wütend gemacht hatte. Ich war zu der Zeit unheimlich reizbar. Ich schlug ihm ins Gesicht, dann rollten wir über den Gang, ineinander verbissen wie zwei Hunde. Die anderen Schüler beklatschten uns.

Der Juckreiz auf meinem Kopf ging in ein beständiges Brennen über. Anfassen war verboten. Ich hatte so schon genug Blut unter meinen Fingernägeln.

An jenem Tag kam mein Vater nicht mehr aus seinem Arbeitszimmer hervor. Er schrieb und zeichnete den ganzen Abend lang, und meine Mutter musste ihm das Essen bringen. Wenig später holte sie die Teller wieder ab und sie wechselten ein paar Worte über den Zustand meiner Kopfhaut. Er hörte nur mit einem Ohr hin. Kopf waschen! Solche Dinge waren sonst ihr überlassen. Sie fielen nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. Er war melancholisch und auch ein wenig schockiert. Und am Ende wurde er sentimental: Ach, eine Familie war gar nichts Schönes, ein merkwürdiges Gebilde aus Haut und Haaren, das man anfassen und um das man sich kümmern musste, wenn man dazugehören wollte.

— Sind Sie —?

Ich schrecke aus meinem Tagtraum. Der Arzt winkt mich aus dem Aufenthaltsraum.

— Der Lebensgefährte, lüge ich.

Der Arzt gibt mir die Hand, hart, männlich, eine Klarstellung. Ich bin froh, dass ich mich seit fünf Tagen nicht mehr rasiert habe. Der Altersunterschied. Lebensgefährte .

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