Clemens Setz - Die Frequenzen

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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Der Prozess war unaufhaltsam, alles steckte sich mit Ausweglosigkeit an, die Schuhe, die ich trug, das Badewasser, das immer entweder zu kalt oder zu heiß war, die Regenschirme, die von Kleiderhaken baumelten und langsam den Geist aufgaben, weil es in dem heißen Sommer nie regnete. Die unwirkliche Zimmerpalme, die neben dem Telefonkästchen stand wie ein steifer, grün angemalter Springbrunnen.

Ich wunderte mich nicht, als mein Vater meine Mutter eines Tages ohrfeigte. Er hatte das schon vorher manchmal getan, aber diesmal war ich schuld, meine Niedergeschlagenheit, meine aussichtslose Schulkarriere. Die Lehrerin nannte mich zwar einen aufgeweckten und blitzgescheiten Schüler, aber man sah deutlich, dass sie log. Nicht einmal meine Mutter fiel darauf herein.

Es half nichts.

Mir wurde klar, dass ich den gesamten Haushalt vergiftete. Eine Weile versuchte ich, den Gedanken zu ertragen, mich für den Rest meines Lebens in den Wäldern zu verstecken. Trotzdem würde ich noch zur Schule gehen. Denn wer keine Schulbildung besaß, war verloren. Soviel hatte ich verstanden. Aber beides auf einmal ging wahrscheinlich nicht. Ich konnte nicht verantworten, dass wegen meiner fehlenden Eignung für die Schule das Leben meiner Eltern und aller Dinge, die mich etwas angingen, langsam vor die Hunde ging.

Ich bereitete mich nicht besonders darauf vor, aber eines Tages war die Zeit gekommen und ich ging etwas weiter als sonst, nachdem sich meine Mutter auf einer schattigen Bank im Volksgarten mit einer befreundeten Mutter auf ein Gespräch eingelassen hatte.

Zuerst testete ich, ob ich überhaupt bis an den Rand des Parks gehen konnte.

Es war möglich, aber ich spürte schon hier den Druck unsichtbarer Fesseln in der Brust. Außerdem begann das Herz zu schlagen und alles wurde sehr traurig und einsam. Ich ging noch einmal zurück — ein Luftholen, bevor man sich in schwarze Wassertiefen hinabfallen lässt.

Schließlich, nach mehreren Testläufen, tat ich es: Ich lief weg. Schon nach wenigen Schritten im Weg wurde mir schlecht.

Ich irrte durch den Metahofpark, eine winzige Grünanlage in der Nähe des Bahnhofs.

Im Gras klapperte etwas. Ich hockte mich hin. Es war eines dieser Silvesterspielzeuge, ein weißer Totenkopf, der mit den Zähnen klappern konnte.

Ich hob ihn auf. Neben seiner rechten Augenhöhle befand sich der kleine Hebel zum Aufziehen. Ich drehte daran, ein bestätigendes Geräusch ertönte, Rsss, Rsss, Rsss — ich drehte weiter und das Geräusch verschwand. Der Hebel drehte leer durch. Ich ließ los. Der Totenkopf tat gar nichts. Ich hatte zu weit gedreht und ihn damit kaputtgemacht, ihm eine unlösbare Kiefersperre verpasst.

Missmutig verschwand der Kopf in meiner Hosentasche, wartete darauf, von seiner Lähmung geheilt zu werden. Glühende Augenhöhlen. Glatte weiße Stirn. Bewegliches Kiefer, Scharnier, Grashalme kauend. Seltsame Erfindung: Zähne.

So schnell ich ihn betreten hatte, verließ ich den kleinen Park wieder. Eine namenlose Straße, in der nur schwarze und weiße Autos parkten. Welches Jahr hatten wir wohl? Ich inspizierte die Autos. In zweien von ihnen hing derselbe Plüschaffe im Fenster, mit Saugnäpfen als Pfoten. Das Haus in der Mitte beobachtete mit seinen schwarzen Fensterlidern jeden meiner Schritte.

Die Haustür war offen, so spät noch. Eine weitere Bestätigung. Wofür, das war mir nicht klar.

Im Treppenhaus stellte ich mich vor eine der Wohnungstüren und hob den Briefschlitz an. Ich spähte hindurch. Eine fremde Welt, bewohnt von fremden Lebewesen. Nichts bewegte sich, nur ein Radio schrie in einem anderen Zimmer nach seiner Mutter. Dann erschien eine weiße Gestalt mit monströs verkleinerten Gliedmaßen. Sie wackelte direkt auf mich zu, wollte mir die Tür aufmachen.

Ich flüchtete.

Vor Aufregung konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und pinkelte an die Kellertreppe. Der Gestank war entsetzlich.

Als ich nach Hause kam, war nichts passiert. Meine Mutter musste die ganze Sache verheimlicht haben, um meinen Vater nicht auf Gedanken zu bringen.

Auf Gedanken …

Sie hätte mich zwar kurz gesucht, sagte sie, aber da sie mich nicht gefunden hätte, sei sie nach Hause gegangen.

Mein Vater wusste von nichts und blätterte in seiner Zeitung. Hin und wieder gab er einen Kommentar zum Weltgeschehen ab, mit geschlossenen Lippen.

Natürlich war ich auch erleichtert. Strafen blieben aus, solche Maßnahmen waren wahrscheinlich nicht mehr nötig. Es war ein erweiterter Testlauf gewesen, eine Simulation, so nahe der Wirklichkeit, wie man überhaupt kommen konnte. Aber das Ergebnis des Testlaufes war katastrophal: keines.

Erst am Abend brach die Verzweiflung vollends durch. Ich tauchte in der Badewanne unter und verschluckte mich an dem heißen Wasser. Als ich wieder zu Atem kam, wurde mir vollständig klar, dass meine Mutter niemanden alarmiert hatte, niemanden. Nicht meinen Vater, nicht die Nachbarn, schon gar nicht die Polizei. Ich war sogar an einem Polizisten vorbeigekommen, erinnerte ich mich. Aus der Ferne hatte ich ihn gesehen, auf einer Kreuzung, ganz und gar beschäftigt mit seinem Tanz, mit dem er den Verkehr dirigierte. Auch er war uneingeweiht gewesen, so wie alle Menschen der Stadt, bis auf meine Mutter. Niemand hatte sich über den verschwundenen Jungen Gedanken gemacht, niemand hielt von seinem Balkon Ausschau, niemand wusste, dass es ihn gab.

Und es gab bestimmt viele. Ich war nicht der einzige.

Wie viele mochten es sein? Hunderte. Tausende. Tausend mal tausend ist eine Million. Bestimmt war es eine Million. Bestimmt tausend Millionen.

Sie alle irrten jetzt irgendwo durch die Straßen, durch den hinteren Parkausgang über den schmalen Brückensteg und dann hinter dem Gebäude, auf dem groß und unergründlich Marienmühle stand, durch den kleinen Park, und dann sahen sie, die abertausend Millionen verschwundener, vertriebener Kinder auch schon den Bahnhof, die Endhaltestelle jeder Flucht, weil es dahinter nichts mehr geben konnte außer Schienen und weitere Bahnhöfe, einer finsterer und unbekannter als der davor.

Ich trocknete mich ab, ganz allein. Ich brauchte, ich erwartete keine Hilfe mehr.

Ich legte mich ins Bett. Aber meine Mutter passte mich rechtzeitig ab und ließ es sich nicht nehmen, mir die Decke überzulegen. Ich ließ es geschehen. In Wirklichkeit hatte sie gar keine Ahnung, was passiert war.

Das Ausmaß meiner plötzlich gewachsenen Ernsthaftigkeit brachte mich zum Weinen. Ich wischte mir die Tränen von der Wange, auch das ganz allein. Ich brauchte keine Hilfe, keine Aufmunterungen, keine Trostgeschenke, kein Taschentuch.

Ich war jetzt auf mich allein gestellt, so wie alle Menschen. Und für die meisten Menschen gab es keine Auswege. Ich hatte mit der Möglichkeit gespielt, dass es für mich vielleicht einen geben könnte, aber sie hatte sich in Luft aufgelöst.

Im Traum sah ich mich auf einem wild zugewachsenen Gelände, umgeben von verlassenen Gebäuden. Ein starker Wind wehte.

Der Wind war radioaktiv, das spürte man. Die Fingernägel wurden rot davon.

Ich stapfte durch niederes Gestrüpp, kam in einen verlassenen Hühnerhof. Der Zaun, der das leere Gehege begrenzte, zerbrach bei der ersten Berührung und rieselte als Mehl zu Boden. Wie lange er so gestanden haben mag, unberührt, intakt, eine hauchzarte Struktur, zum Schutz unsichtbarer Hühner?

Die Sonne war von Wolken verhüllt, ein Himmel aus Weißblech, durchsetzt von dunkleren Fetzen, wie weich gekochte Knochen.

Hinter dem Gebäude fiel das Gelände ab, ein steilerer Abhang, ein riesiges Becken, ein ausgetrockneter See. Keine Pflanzen, nirgends. Ich schaute mich um, versuchte irgendetwas zu erkennen. Plötzlich befand ich mich mitten in einem Graben.

Hier war die Strahlung noch stärker. Ich hatte Angst, aber ich wusste, dass ich nicht umkehren konnte. Der Stadtrand war nur eine erste Etappe gewesen. Und darüber hinaus zu gelangen war lediglich der nächste wichtige Schritt. Auch den hatte ich hinter mir. Was jetzt kam, blieb unklar.

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