Und er macht es nicht einmal schlecht, achtet auf die wichtigen, die suggestiven Details, beschreibt die jeweiligen Umstände, motiviert alle Handlungen hinreichend, so dass man die betreffende Figur schmerzhaft lebensecht vor sich sieht und sich wünscht, man wäre in diesem Augenblick irgendwo anders, in einer stillen Bücherei, auf einem Jazzkonzert oder zuhause in der Badewanne. Er kann das ganz gut, muss man zugeben. Er reiht einfach Anekdoten aneinander, verzichtet auf Übergänge oder einen roten Faden, an dessen Spiralverläufen man vielleicht irgendein allgemeines Weltgesetz erkennen könnte, wie zum Beispiel, dass es unmöglich ist, in dieser Welt zu leben, ohne sich selbst auszuquetschen wie eine Zahnpastatube, oder dass man eigentlich nichts mehr mit Worten sagen kann, weil alles schon einmal da gewesen ist, oder dass sowieso alles unsagbar geworden ist — eine dieser unerträglichen Halbweisheiten eben, von denen es ohnehin viel zu viele gibt. Genau darauf hat er verzichtet, konzentriert sich stattdessen auf einzelne Momente, wie das Zurückschnellen des verbrannten Fingers — und den verdutzten, leicht beleidigten Gesichtsausdruck meines Vaters, während er an ihm lutscht. Bestimmt hat er lange für diesen Auftritt geübt, hat sich die Episoden wieder und wieder im Geiste aufgerufen, um auch ja alles richtig zu machen. Möglich auch, dass irgendwo, versteckt in einer Schublade, ein Rohentwurf für diesen unangenehmen Nachmittag hier in diesem schlecht beleuchteten Winkel eines leeren ( mauseleeren ) Krankenhauses existiert. Mit Regieanweisungen und alternativen Szenarios. Plan B. Plan C. Für den Fall, dass ich ihn plötzlich mit einem Messer attackiere. Für den Fall, dass ich ihm seine Trillerpfeife vom Hals reiße, mir in den Mund stecke und hinunterschlucke. Für den Fall, dass ich nicht weiß, von welchem sonderbaren Menschen er spricht.
Georg wer ?
Und nicht zuletzt wollte er mich mit seiner Geschichte beeindrucken. Ich kann ihn sehr gut verstehen.
Aber trotz all dieser Vorzüge werde ich Wolfgang nur diese Hilfsrolle spielen lassen: Er darf die Geschichte meines Vaters im Exil erzählen, dann muss er wieder verschwinden. Raus. Danke für Ihren Besuch, wir melden uns dann .
Er sitzt vor mir, seine Geschichte ist fertig, und seine Finger sind nervös. Sie spielen mit einem kleinen Strohhalm, lassen ihn kreisen wie den Flügel einer winzigen Windmühle. Über uns befindet sich die einzige Lampe in diesem Raum, sie hat keinen Lampenschirm. Auch das ein Bild, an dem ich ihm keinen Anteil zugestehe. Denn er blickt niemals in die Höhe.
Wir sitzen da, schweigen.
Also gut. War’s das? Das letzte Bild? Mein Vater, wie er um sein Leben jammert.
War’s das?
Ja, das war’s. Okay. Also, hast du meinen Lesern noch irgendetwas mitzuteilen, egal was, eine kleine Lebensweisheit, einen Aphorismus?
Pause. Der Strohhalm dreht sich immer noch.
— Das ist jetzt bestimmt alles … nicht so leicht, oder?
— Wie bitte?
— Ich meine, das alles auf einmal zu hören. Dass der eigentliche Grund, warum er –
— Nein, nicht unbedingt, sage ich.
Eine Guillotinenklinge kommt aus dem Nichts und schlitzt ihn auf, nein, verfehlt uns beide, trennt ihm nur die Schiedsrichterpfeife ab. Sie fliegt davon, befreit, eine kleine Drohne, die endlich ihrer Gefangenschaft entkommt. Die Warnung genügt ihm und er erhebt sich, schüttelt meine schlaffe Hand, als wäre sie ein klingelnder Wecker, den man abstellen muss. Er verschwindet, lässt nichts zurück als ein paar Fliegen, die um die nackte Glühbirne über meinem Kopf kreisen, in immer wirreren Bahnen, eine chaotische Miniatur des Sonnensystems.

Im Traum irre ich durch das nächtliche Gebäude meiner alten Schule, auf der Suche nach dem Cockpit. Ich finde es in einer Besenkammer, gleich hinter einem Regal voller Putzmittel. Trotz der späten Stunde ist das Armaturenbrett noch wach und spielt mit seinen Leuchtdioden und Geschwindigkeitsanzeigen. Ein sanft schwirrendes Turbinengeräusch ist zu hören. Der Boden unter meinen Füßen schwankt. Plötzlich stehe ich vor dem Lokal, in dem ich mich mit ihm treffen soll. Ich kenne das Lokal, es trägt den Namen eines berühmten österreichischen Dichters, der schon lange tot ist. Ich stehe vor der Eingangstür im Weg herum. Menschen weichen mir aus, beklagen sich, schieben mich auf die Seite. Ein Mann tritt aus dem Lokal, sieht sich um, ohne mich zu sehen. Ich gehöre nicht zur Umgebung, also bin ich unsichtbar. Er zündet sich eine Zigarette an, und der blasse Widerschein des Feuers flackert kurz über sein Gesicht, am hellsten unterhalb der Nasenspitze. Den Kopf im Nacken inhaliert er den Rauch und hält ihn für einen Augenblick in der Lunge, schaut mit verklärtem Blick wie der heilige Sebastian, die Brust voller Pfeile, dann atmet er aus. Ich gehe ein paar Schritte nach hinten, stoße an etwas. Ich drehe mich um: ein riesiges Pferd, dampfend rot, versperrt den Weg. Was beklagen sich die Leute über mich, denke ich, wenn in Wahrheit dieses riesige Pferd allen den Weg versperrt. So eine Frechheit. Um seinen gewaltigen Hals, der von kräftigen Sehnen durchzogen ist (als hätte es ein Bündel Reisig verschluckt), trägt das Pferd eine Halskrause, die seinem Kopf das Aussehen einer traurigen aristokratischen Blume verleiht. Es kann mich nicht sehen, es sieht nur geradeaus. Leise Grammophonmusik ertönt, ein knisternder Walzer, gespielt von einem Orchester längst verstorbener Musiker.
Hannelore Schnabel hat mir tatsächlich eine handgefaltete Einladung geschickt. Eine Handgranate, die ich zuerst quer durchs Zimmer geworfen habe.
Auf der Einladung steht nichts von einer Hochzeit.
Es handelt sich um eine Einladung zum Abendessen. Und nur zu Ihrer Beruhigung , steht da in weiblich zurückhaltender Handschrift, sie selbst, Hannelore, werde dabei gar nicht anwesend sein.
Ich erkannte ihn sofort, als ich das Lokal betrat. Sein Kopf schwebte hinter dem Salatbüffet, reckte den Hals, lächelte. Er winkte mir zu, als ich näher kam (ich kam tatsächlich näher, in der Ferne bellte ein verrückt gewordener Kettenhund), er reichte mir die Hand, drückte ordentlich zu, stand aber nicht auf. Er trug ziemlich alberne schwarzlederne Handschuhe, mit Löchern für Finger und Knöchel, wie Cabrioletfahrer sie tragen.
Ich setzte mich. Ein Kellner landete neben mir, klappte seine Flügel ein und fragte nach unseren Wünschen. Wieder nach Hause. Feueralarm. Einen Baseballschläger bitte.
— Nur ein Glas Wasser, danke.
— Schön, dass du gekommen bist, begann er.
— Bitte warm, wenn es geht, sagte ich zum Kellner. Nicht eiskalt.
— Hanni kommt nach, sagte er.
— Ah.
— Kann man verstehen, oder?
— Sicher, warum nicht.
— Ist dir das unangenehm?
— Nein.
— Okay.
Zeit verstrich und kitzelte uns an den Fußsohlen.
Der Vogelkellner kam und brachte mein Wasser. Ich nahm einen Schluck.
— Wäh, eiskalt!
Mein Vater wartete auf irgendein Zeichen, dann stellte er etwas auf den Tisch. Es war ein kleines Pferd. Es scheute zuerst, dann sprang es über mein Wasserglas und landete mit einer eleganten Drehung auf meiner Nase. Es war nicht leicht, ein Lachen zu unterdrücken. Ein Pferd, so klein, mit winziger Mähne und noch winzigerem Zaumzeug — das sanfteste Wort der deutschen Sprache: Zaumzeug , zwei dunkelgoldene Silben. Das Pferd blickte mich von der Seite an. Dann schoss es plötzlich nach vorne und biss mich direkt in den Augapfel: Er ist hier vor dir. Schau ihn dir an . Er ist da, man kann dieses Gesicht nicht übersehen.
— Ich wollte dir vorhin nur sagen, dass es wirklich schön ist, dass du gekommen bist.
Seine Stimme. Rundgänge auf der Veranda, allein. Den Riss ausbessern, aufzeichnen. Nein, sieh mich nicht an. Ich bin nicht da. Hinter einem babylonischen Stapel unkorrigierter und wahrscheinlich völlig unkorrigierbarer Schularbeiten. Dieses Architekten-Arschloch Zmal. Preisbegründung verbrannt.
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