Dienstag früh fuhr ich mit Mutter ins Krankenhaus und ließ mich erneut röntgen. Wieder zu Hause, schrieb ich Geronimo. Es war mein Testament, ein Abschied in vielerlei Hinsicht. Jeder Satz ein Hauptsatz. Ich wünschte ihm Glück, ich wünschte Franziska Glück, lieber hätte ich ihm alles mündlich gesagt, ich war krank, todkrank, aber ich nahm mein Schicksal an, ich wollte es tragen als das mir zugedachte, Schritt um Schritt auf meinem Weg vorangehen. Ich war von mir selbst beeindruckt. Sein Manuskript ließ ich unerwähnt.
Am Mittwoch um zwölf, ich hatte meine Mutter anrufen müssen, erfuhr ich, daß die Vergrößerung meines Herzens keine krankhafte war, im Gegenteil, ich besaß ein Sportlerherz. Im selben Moment erloschen Luzidität und Einsicht. Ja, ich ärgerte mich, durch die ganze Aufregung Zeit verloren zu haben, und spürte, wie die alte Kleinlichkeit durch jede Pore zurückkroch. Doch für Augenblicke hatte ich eine seltsame Klarheit erlebt. Und alles, was ich jetzt darüber schreibe, ist nicht mal ein Abglanz davon.
Da ich zwei Monate lang beinah täglich über den Tag meiner Einberufung geschrieben hatte, war mir der vierte November vertraut wie ein lang erwarteter Brieffreund, dessen Besuch ich mit Neugier entgegensah. Allerdings blieb dann kaum Zeit, meine Vorstellung mit der Wirklichkeit zu vergleichen.
Ich hatte erwartungsgemäß schlecht geschlafen, das Verhalten meiner Mutter jedoch ähnelte nur entfernt der Beschreibung. Wir gossen viel Milch in den Kaffee, um ihn schneller trinken zu können, und schwiegen. Mich ärgerte, daß sie viel zu früh zum Aufbruch drängte, erst beim Abschied waren ihre Augen etwas feucht.
«Morgen«, zitierte ich aus dem Manuskript,»ist alles nur noch halb so schlimm«(der erste Tag sollte in meinem Roman nicht schlimm werden, jedoch alle folgenden). Meine Mutter umarmte mich und küßte mir zum Abschied die Stirn, was ich als überaus ausdrucksstark empfand. Ich beschloß sofort, diese Geste in meine Abschiedsszene aufzunehmen.
Der Weg in den großen, etwas zurückgelegenen Mitroparaum des Neustädter Bahnhofs, wo wir uns einzufinden hatten, erinnerte mich an die Abende, da wir auf die Rückkehr der Großeltern aus dem Westen gewartet hatten.
Ganz gegenwärtig stand plötzlich unser Nachbar, Herr Kaspareck, vor mir. Offenbar führte Herr Kaspareck hier als Offizier die Oberaufsicht und patrouillierte zwischen den Stühlen. Ständig stieß er an schwarze Taschen, die ihm aus dem Weg geräumt werden mußten. Trotz unserer Zivilkleidung waren wir bereits seine Gefangenen.
Als Sensation empfand ich die Pistole an Kasparecks Koppel. Vor Jahren war er einmal hinter mir hergerannt, weil wir sonntags vor seinen Fenstern Fußball gespielt hatten. Nun konnte er sich an mir rächen.
Herr Kaspareck erhielt von mir die Rolle eines Vorboten des Bösen. Er hatte mich nicht gegrüßt, er war über die ausgestreckten Beine eines Schlafenden gestolpert und hatte diesen mit einem gut gezielten Schlag in die Waden fast vom Stuhl gerissen.
Hier war jede Beobachtung brauchbar, Material für die Verbesserung meines Entwurfs.
Ein Streifenkommando, dessen weiße Lackgürtel und — riemen dem Zaumzeug von Zirkuspferden ähnelten, ein Vergleich, der mir in Erinnerung an die» Farm der Tiere «gefiel, schleppte einen Betrunkenen herbei — einen Verzweifelten, der den Namen seiner Frau schluchzte. Oder rief er nach seiner Mutter? Hunden gleich, die einen Knüppel apportieren, ließen sie ihn zwischen die Stühle fallen. Wimmernd blieb er liegen. Zwei der Streifensoldaten zogen ihn an den Schultern hüfthoch — wollten sie sein Gesicht sehen? — , zerrten ihn etwas weiter nach rechts, zählten unhörbar bis drei und ließen ihn fallen. Sie hatten gut gezielt. An der Stuhlkante schlug er sich die Vorderzähne aus. Sogleich rissen sie ihn wieder vom Boden und begutachteten ihr Werk. Einer rief, da sei ihnen wohl ein kleiner Dracula ins Netz gegangen. Die vier anderen feixten. Die Stille in dem Mitropasaal war undurchdringlich. So wie alle Einberufenen nach Kasparecks Attacke die Beine ausgestreckt hatten, so daß er nun wie ein Storch durchs Unterholz stakste, so eng zog sich jetzt das Schweigen um die Verräter zusammen und würde sie erstickt haben …
Derartiges entstand in meinem Kopf wie von selbst, als hätte ich endlich die Stange gefunden, an der sich meine Phantasie emporranken konnte. Aber Sie wissen ja: Die Erfindungen sind nie brutal und perfid genug, die Übertreibung liegt allemal in der Realität, und irgendwo, da war und bin ich mir sicher, hatte sich diese oder eine ähnliche Szene zugetragen.
Sie sehen, ich fühlte mich vom ersten Augenblick an am richtigen Ort. Hier gab es genau jene Dosis Härte und Notwendigkeit, die mir bisher gefehlt hatte.
Während wir die Treppen zum Bahnsteig hinaufgetrieben wurden, bewacht wie Sträflinge, lauschte ich den Befehlen, die es nach Klangfarbe, Höhe und Schärfe zu entschlüsseln galt.
Unsere Waggons wurden mehrmals auf der Marienbrücke hinund hergeschoben. Das Canaletto-Panorama mit Hofkirche und Brühlscher Terrasse 171war das letzte, was ich jetzt sehen wollte.
Natürlich wäre ich lieber, eskortiert von Uniformierten, abgeschottet durch ein Heer von Spitzeln, in einen Zug nach Westberlin gestiegen, wo ich, umringt von Kameraleuten und Photographen, ein neues Leben begonnen hätte. Doch die Voraussetzung für diesen Triumph war ja gerade, daß ich hier und jetzt kurzgeschoren antrat. Bevor ich meine Fundstücke präsentieren konnte, mußte ich hinab in die Unterwelt und mich umsehen.
Als wir endlich losfuhren und Radebeul vorüberzog — durch diese Weinberge waren wir schon mit Mutter und Vater gewandert, später hatte ich sie mit Vera und einmal auch mit Geronimo durchstreift —, wurde ich für Augenblicke zu jenem Schriftstellerdissidenten, den die Regierung abschob, der nie wieder in seine Heimatstadt zurückkehren durfte, getröstet durch eine Laudatio von Heinrich Böll 172oder Willy Brandt. Ich sah aus dem Fenster und formulierte die ersten Sätze meiner Dankrede, einer Anklage, bei der auch der letzte Genosse begreifen mußte, welch großen Fehler sie mit meiner Ausbürgerung gemacht hatten.
Es begann eine schier endlose Irrfahrt. Ein Bauernjunge aus der Oberlausitz versorgte unser Abteil mit seinen Hausschlachterwürsten, weil er fürchtete — das hatten wir der Bemerkung eines Unteroffiziers zu verdanken —, der Proviant würde ihm bald abgenommen. Er selbst aß Leberwurst pur. Zum Helden wurde er, als er die Unterwäsche aus seiner Tasche nahm und eine Flasche Doppelkorn herausschälte.
Meine neuen Kameraden verhöhnten die brandenburgische Landschaft, die mein Arkadien gewesen war, als Sand- und Kiefernwüste. Am späten Nachmittag erreichten wir, nüchtern und vertraut miteinander, das an den Norden Westberlins grenzende Oranienburg.
Auf dem Weg vom Bahnhof zur Kaserne irritierte mich, daß sich niemand nach uns umdrehte.
Wie auf Befehl stießen plötzlich Hunderte Füße in die Laubhaufen am Wegrand, schlurften hinein, wirbelten die Blätter auf, trieben sie vor sich her, schaufelten sie dem Vordermann auf die Hacken, dem Nebenmann vor den Schuh und verstreuten sie in alle Winde. Kein Befehl, kein Bellen gebot uns Einhalt. Erst als es keine Laubhaufen mehr gab, endete die Rebellion. Dagegen wirkte das Johlen der höheren Diensthalbjahre lächerlich. Sie rissen die Fenster auf und brüllten die Zahl der ihnen verbleibenden Tage heraus, als gäbe es in diesem Staat ein Ende der Armeezeit, als wüßten sie nicht, daß sie jederzeit wieder in Uniform gesteckt und in Kasernen festgehalten werden konnten. Mit Wucht knallte das Tor hinter uns zu …
An der Rückseite des Kasernenareals, zwischen einem Holzgebäude und dem Kulturhaus, war das Torgebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen zu sehen.
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