»Nicky dachte, das Gitarrenbuch könnte dir gefallen. Sie kann so süß sein. Ich hab's nicht über mich gebracht, ihr zu sagen, du möchtest lieber etwas anderes; sie hat es nämlich ganz allein ausgesucht.« »Sie ist ein kluges Köpfchen.«
»Ich wollte ihr das Würfelpuzzle mit der Laus kaufen. Alle Kinder sind verrückt nach dem Spiel, aber ihre Büchermappe hat sechs fünfundneunzig gekostet, so muß sie mit dem Spiel noch etwas warten. Sie nennt Peepbean Laus, was schon mal besser ist als Arschloch. < «
»Wenn du aufhören würdest zu fluchen, würde sie diese Ausdrücke nicht aufschnappen.«
»In Runnymede fluchen alle. So vergeudet man keine Zeit damit, nach dem richtigen Wort zu suchen.«
»Ich fluche nicht.«
»Hatte ich vergessen.«
»Ich nicht.«
Juts ging nicht weiter darauf ein. Ihr Blick ruhte auf Nickel, die jetzt über den Platz hüpfte, der ihr riesig vorkommen mußte. »Sie ist eine Wucht, nicht? Ich liebe sie.«
»Das ist es, was sie brauchen. Wenn mehr Kinder geliebt würden, hätten wir viel weniger Ärger auf dieser Welt.«
»Ich bemühe mich, eine gute Mutter zu sein.«
»Ich weiß. Bist du auch, Juts. Ich hacke wegen Kleinigkeiten auf dir herum, aber im Großen und Ganzen, doch, du bist eine gute Mutter. Kinder können einen zum Wahnsinn treiben. Allmählich denke ich, jede Mutter, die ihre Blagen nicht erwürgt, ist eine gute Mutter.« Sie winkte Lillian Yost zu, die am Parkrand vorbeiging.
»Chester geht so toll mit ihr um. Komisch, wenn ich ihn mit Nicky spielen sehe, liebe ich ihn um so mehr. Ich fange an, ihm wieder zu trauen.«
»Männer spielen mit Kindern, weil sie selbst Kinder sind.«
»Du bist manchmal zu streng mit den Männern.«
»Ha!«, schnaubte sie. »Zeig mir die Frau, die die Einkommensteuer erfunden hat. Na?«
»Eins zu null für dich.«
»Guck mal!«, rief Nicky, dann schlug sie ein Rad.
»Gut gemacht«, rief Juts. »Mir spukt eine Coca-Cola im Kopf herum. Komm, Nicky.« An der Ecke blieben sie stehen, sahen nach rechts und nach links, dann sprinteten sie zu Cadwalder hinüber.
Nachdem sie mit Flavius Cadwalder geplaudert hatten und auch mit Vaughn, der, ohne irgend jemanden einzuweihen, nicht einmal seinen Vater, am Abend Paul aufsuchen wollte, um seine Absichten kundzutun, gingen die drei erfrischt hinaus.
»Er wird um ihre Hand anhalten.« Louise, mit treffsicherer Intuition, war nervös.
»Besser als ihren Fuß«, witzelte Juts, und Nicky mußte kichern. »Gräm dich nicht so, Wheezie. Es ist gut so. Man hat es im Gefühl, wenn es stimmig ist.« Sie gingen zur Lee Street, wo Juts abbiegen würde, um nach Hause zu gehen.
»Schon möglich.«
»Hier ist unsere Ecke«, erklärte sie überflüssigerweise.
Louise blieb einen Moment stehen, dann platzte sie heraus: »Wenn du eine bessere Antwort hast, sag sie mir.«
»Worauf?« Julia war perplex.
»Weiß ich nicht.« Louise rang die Hände. »Manchmal habe ich das Gefühl, als würde eine Welle über mir zusammenschlagen, und ich bin ganz krank vor Sorgen - um Vaughns Gesundheit und.«
»Louise, zwei Jahre mit dem richtigen Mann sind besser als zwanzig mit dem falschen. Jetzt mach dich mal nicht verrückt. Wirklich. Sieh doch, wie gut es mit Mary und Extra Billy geht.«
»Sie zanken sich manchmal wie Hund und Katze.«
»Wer nicht?«
»Paul und ich haben uns nie so gezankt.«
»O doch. Ich weiß noch, einmal hat er das Auto genommen, hat sich betrunken, ist ewig weggeblieben, und Chessy mußte ihn suchen gehen.«
»Celeste hat ihn auf ihrem Pferd nach Hause gebracht.« Louise mußte lachen, als sie daran dachte.
»Wenn man für jemanden Gefühle hegt, können die sich erhitzen. Besser, als kalt zu bleiben, oder?«
»Ich weiß.« Louise standen Tränen in den Augen. »Juts, werden wir langsam alt?«
Juts zuckte die Achseln. »Ich fühle mich nicht alt.« Sie legte den Arm und die noch mädchenhaft schmale Taille ihrer älteren Schwester. »Fühlst du dich alt?«
»An manchen Tagen fühle ich mich wie hundert, und ich weiß nicht mal warum. Und die seltsamsten Dinge schwimmen durch meinen Kopf, wie kleine Boote. Ich erinnere mich an Aimes und wie sehr Mom ihn geliebt hat.« Coras Freund war 1917 gestorben. »Ich erinnere mich an Celeste, wie sie ihr Kinn gehoben hat, ohne ein Wort, bloß das Kinn gehoben, und dann tat man besser daran, zu parieren. Ich erinnere mich an die Strohhüte, die wir einmal Ostern getragen haben. Du hast von meinem die Bänder abgerupft, und ich habe geheult. Ich erinnere mich, wie ich Mary das erste Mal im Arm hielt und dachte, dieses runzlige rote Gesicht ist das Schönste, was ich je gesehen habe. Oh, und ich erinnere mich an die Schlagzeilen im Clarion und in der Trumpet, als die Titanic untergegangen war, und die Liste mit den Vermißten, die jeden Tag vor dem Zeitungsgebäude angeschlagen wurde.« Ihre Stimme verklang, und sie machte eine zaghafte Handbewegung, als versuchte sie, die Flut von Emotionen aufzuhalten.
»Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal Flieder gerochen habe.« Juts lächelte, dann umarmte sie Louise. »Wir sind wandelnde Enzyklopädien.«
»Aber es ist ein einziges Kuddelmuddel.«
»So sieht es in allen Köpfen aus. Wenn du jemanden fragen würdest, was er vor zwei Tagen zum Frühstück oder zu Mittag gegessen hat, könnte er es dir nicht sagen.«
»Harmon Nordness schon. Idabelle McGrail hätte es vor zwei Wochen auch noch gewußt, als sie noch lebte.«
»Du weißt, was ich meine.«
»Ich weiß, aber Juts, was passiert, wenn wir nicht mehr da sind?« Ein Hauch von Verzweiflung lag in der Luft.
»Wie meinst du das?«
»Was geschieht mit den Erinnerungen, mit allem, was ich gesehen und gehört und getan und gelernt habe? Puff.« Tränen liefen ihr über die Wangen. Nicky griff nach ihrer Hand. Sie konnte niemanden weinen sehen. Louise drückte ihre Hand, konnte aber nichts sagen.
»Ich habe da eine Theorie« - Juts lächelte, um Louise aufzuheitern -, »daß es im Himmel eine gigantische Bank gibt, die Erinnerungsbank. Alles wird dort gespeichert, und wenn ein Neuzugang wie Nicky erfahren möchte, was du erfahren hast, konsultiert sie die Erinnerungsbank.«
»Julia, du spinnst.«
»Eine Bibliothek ist eine Erinnerungsbank.« Juts atmete den Geruch von frisch gemähtem Gras ein. »Ein Lied ist eine Erinnerungsbank. Das Lied >Der Mann, der die Bank von Monte Carlo sprengte< ist voller Erinnerungen für jemanden, der um die Jahrhundertwende gelebt hat, wie Momma. Nicky braucht es nur zu hören. Ich glaube, alles bleibt hier, in der einen oder anderen Form.«
»Nur wir nicht.«
»Tja, nur wir nicht. Wir müssen wohl den Frühjahrstrieben Platz machen. Hansford hat uns Platz gemacht, sogar Idabelle McGrail, das dumme Stück. Sie sind abgetreten, damit wir antreten konnten.«
»O Juts«, flehte Louise, »ich will nicht abtreten. Ich will nichts verpassen - niemals.«
»Nur die Guten sterben jung, Louise. Keine Bange.«
Louise schwieg eine Minute, holte schniefend Luft und lächelte dann durch ihre Tränen. »Wir werden ewig leben.«
»Ja.«
Die Schwestern gaben sich einen Kuß und trennten sich. Nikky nahm Juts' Hand. Sie war mucksmäuschenstill und sprach erst, als sie das Gartentor aufstießen. Buster kam ihnen steifbeinig entgegen, und Yoyo sprang unter der großen blauen Hortensie hervor.
»Momma, du wirst nicht sterben.«
»Nicht so bald, hoffe ich.«
»Und Tante Wheezie wird nicht sterben.«
»Ach, nein.« Juts bückte sich, um Buster zu kosen.
»Ihr alle werdet nicht sterben, weil ich mich an euch erinnere.«
Juts lachte. »So ist es, mein Kind.«