Nun, da sie ein bißchen größer war, verbrachte sie die Samstage bei Chessy im Geschäft. Wie ihr Dad bastelte sie gern, aber sie hütete sich, in Juts' Gegenwart zu großen Enthusiasmus an den Tag zu legen, denn Juts war sogar auf Chessy eifersüchtig.
Mit ihren sieben Jahren hatte Nicky gelernt, sorgsam mit ihren Gefühlen umzugehen. Beseelt von grenzenlosem Tatendrang und Wagemut, spielte sie die meiste Zeit draußen, tat die meiste Zeit, was man ihr sagte, und beobachtete die Menschen viel mehr, als daß sie ihnen zuhörte. Sie hatte schon eine wichtige schmerzhafte Lektion fürs Leben gelernt, nämlich, daß die Menschen sie zwar gern haben mochten, sie sich aber um sich selbst kümmern mußte; sie konnte nicht erwarten, daß andere es taten. Mit Ausnahme von Chessy.
Juts war es egal, was in Nicky vorging. Für sie zählte nur das sichtbare Ergebnis. Das galt für alles und jeden, und in dieser Beständigkeit lag ein gewisser Trost.
Chessy zeichnete die Konturen der Nummer 22 auf beide Seiten des Gefährts, das jetzt glänzend königsblau gestrichen war. Zusammen malten sie die 22 golden aus.
Harry Mundis, der Leiter des Rennens, herrschte allein über sein großes Reich, daher war es nicht so schwierig, sich an ihm vorbeizuschummeln. Nicky meldete sich unter dem Namen Jackson Frost an, weil sie wußte, daß Jackson den 4. Juli am Strand verbringen würde.
Das Wetter, wolkenlos und mit ungewöhnlich geringer Luftfeuchtigkeit, verhieß einen denkwürdigen Unabhängigkeitstag. Auf dem Platz war ein Feuerwerk vorbereitet, beide Feuerwehren nahmen teil. Flaggen zierten die ganze Stadt, und alle Bewohner hißten auf der Veranda oder auf dem Rasen eine Fahne.
Nicht wenige ließen auch ihre Flaggen von Maryland oder Pennsylvania flattern, was zur Farbenpracht beitrug.
Die Männer kramten ihre Kreissägen und Panamahüte hervor, während die Damen hin und her überlegten, ob sie bei der Hitze Nylonstrümpfe anziehen müßten. Die Mutigeren und Hübscheren entschieden sich für Shorts und Leinensandalen. Seit Louise behauptet hatte, Juts hätte Krampfadern, verzichtete Juts auf Shorts.
Die Häuser an der Rennstrecke füllten sich mit Menschen. Wannen mit Eis hielten Bier, Sodawasser, Limonade und für die Siegreichen Limonenlimo kalt. Kühltaschen mit Trockeneis enthielten Erdbeer-, Schokoladen- und Vanilleeis.
Louise, die Dame des Hauses, hatte eine Menge Gäste, die Wests gegenüber ebenso. Louise und Pearlie gingen hinüber, um zu plaudern, doch da Senior Epstein und Trudy mit den Wests feierten, blieb Juts, wo sie war. Wenn möglich, ging sie den Epsteins aus dem Weg.
Die älteren Damen - Cora, Ramelle und Fannie Jump, die langsam taub wurde - saßen auf Schaukelstühlen auf der Veranda. Extra Billy, Doak und die anderen jungen Männer tummelten sich auf dem Rasen vor dem Haus und spielten mit einem Tischtennisball Baseball, nachdem sie zuvor in der Parade mitmarschiert waren. Ihre Freundinnen und Ehefrauen spielten Hufeisenwerfen. Vaughn war im Hufeisenwerfen nicht zu übertreffen, er schlug sie alle vom Rollstuhl aus. Die meisten Kinder kreischten und jagten einander, unter dem immergleichen Vorwand, eins hätte das andere geschubst oder eins hätte mehr Eis gekriegt als das andere. Die Mütter kümmerten sich nicht darum.
Pearlie heizte den großen Grill aus Ziegelsteinen an, den er und Chessy vor Jahren gebaut hatten. Ganz Runnymede war sich einig, daß er die besten Steaks in der Stadt brutzelte. Juts und Louise brachten gemeinsam Platten mit Speisen zu Cora, Ramelle und Fannie Jump und versorgten alle mit Getränken.
Ein regelrechtes Erdbeben hatte die Stadt erschüttert, als die Versicherungsgesellschaft O. B. Huffstetler als den von den Rifes angeheuerten Brandstifter identifizierte. Ramelle weigerte sich, ihn zu entlassen, solange er nicht eindeutig überführt war. Sie wußte nicht, was sie tun würde, wenn er sich tatsächlich als der Übeltäter herausstellen sollte.
Die Kapellen marschierten an diesem Morgen unter wolkenlosem Himmel. Die Veteranen teilten sich auf, je nachdem, in welchem Krieg sie gekämpft hatten. Jeder Politiker aus den beiden Bezirken war in einem Cabriolet gekommen, und die Schönheitsköniginnen winkten allen zu. Die Geschäftsleute warben mit Festwagen für ihre Waren, der Wagen des Installateurs stellte ein riesiges Klo dar, was zu allerlei Bemerkungen Anlaß gab.
Ein langes Transparent war straff über die Ziellinie des Seifenkistenrennens gespannt.
Juts sah auf die Uhr und schlich sich fort, was in dem Tumult leicht zu bewerkstelligen war. Nickel, die Schutzbrille im Gesicht, die Haare unter eine Baseballkappe der York White Roses gestopft, eilte mit ihr. Da sie bei den Kleinen mitfuhr, würde sie zeitig starten.
Bevor Juts sie bei ihrer Kiste zurückließ, flüsterte sie: »Kopf runter.«
»Okay.«
»Und mit niemandem sprechen, sonst verrät dich deine Stimme. Viel Glück.«
»Danke.« Nicky war ganz flau im Magen.
Als Juts wieder an der Ziellinie war, tuschelte sie mit Chessy, der sich kurz vom Grill entfernt hatte. Louise scheuchte alle auf den Bürgersteig oder die Veranda, je nachdem, was ihnen lieber war.
»Wo ist Nicky?«
»Irgendwo in der Nähe.«
Louise bohrte weiter. »Sie hat noch nie ein Rennen verpaßt. Wo ist sie?«
»Wahrscheinlich auf der anderen Straßenseite. Da drüben ist Popeye. Siehst du ihn? Oje.« Sie zeigte auf den Reporter.
Louise ließ den Blick über die Menge auf der anderen Straßenseite schweifen, dann bannte sie Juts mit ihrem Todesstrahl. »Sag bloß, du läßt sie.«
»Ach, du spinnst doch.«
»Ich kenne dich. Du bist doch ein offenes Buch für mich!« Louise sprang auf und ab, so aufgebracht war sie.
»Reg dich ab, Wheezie, es ist bloß ein Seifenkistenrennen, Herrgott noch mal. Sie kandidiert nicht für die Präsidentschaft.«
Der Ansager verkündete: »Und im dritten Lauf Jackson Frost, Nummer zweiundzwanzig, und Roger Davis, Nummer einundsechzig - und los!«
Als Nicky nach einem großartigen fliegenden Start den Hügel hinunterdonnerte, wußte Louise genau, wer in Wagen zweiundzwanzig saß.
»Das ist eine Schande«, wetterte Louise. »Halt sie auf.«
»Ich halte gar nichts auf.«
»Das ist nicht fair gegenüber Roger Davis. Der Lauf wird nicht anerkannt.«
»Verdammt noch mal, Nicky nicht teilnehmen zu lassen, ist nicht fair gegenüber Nicky.« »Das ist ein anderes Paar Schuhe.«
»Von wegen.« Juts reckte den Hals, um die Kisten zu sehen. Nicky war in Führung. »Weiter so, zweiundzwanzig!«
Ringsum wurde gebrüllt.
»Das geht so nicht.« Louise stürmte zur Ziellinie. Sie hob die Arme.
Juts sprintete ihr nach und stieß sie aus dem Weg. Chessy stürmte über die Ziellinie, um Louise festzuhalten. So landeten sie auf der Straßenseite der Wests, und Trudy warf Chester einen innigen Blick zu. Für alle Fälle schubste Juts ihre Kontrahentin.
Senior Epstein rief entrüstet: »Juts, lassen Sie doch die Vergangenheit ruhen.«
»Schlampe!«
»Alte Schlampe.« Trudy holte aus und knallte ihr eine.
Juts ballte die Faust und rammte sie Trudy in die Kinnbacken, daß sie rückwärts taumelte.
In dem vibrierenden Gefährt spannte Nicky alle Muskeln an. So schnell war sie noch nie im Leben gefahren. Sie spähte hoch und sah ihre Mutter und ihren Vater, Louise, Trudy und Senior in einer Rauferei, die von Minute zu Minute mehr Menschen einbezog. Sie ging vor Roger über die Ziellinie, schwenkte aber nach rechts, weil die Schlägerei sich bis auf die Straße ergoß. Das ratternde Gefährt hüpfte über den Bordstein, rollte auf zwei Rädern weiter, und Extra Billy und die anderen sprangen aus dem Weg. Gottlob besaß Maizie die Geistesgegenwart, Vaughn aus der Gefahrenzone zu schieben. Die Leute stieben auseinander wie Flipperkugeln. Die Smiths hatten eine verdammt gute Seifenkiste gebaut. Das Ding rollte immer noch und krachte schließlich in Louises hölzernen Fahnenmast.
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