Einmal schlief er ein, und als er wirr aufwachte, saß Nicky auf der Bettkante und bewachte ihn. Sie tätschelte seine Hand, als wäre es Yoyos Pfote.
»Daddy, ich mach dich gesund.«
Er nieste. »Bestimmt.«
»Daddy, ich würde meine Weihnachtsgeschenke hergeben, wenn es dir davon besser geht.«
»Das brauchst du nicht.«
»Würde ich aber.« Sie küßte seine Hand und kuschelte sich neben ihn. »Du verläßt mich nicht, oder?«
»Nie.« Er fragte sich, was in dem Lockenkopf vorging.
»Du würdest mich nicht wieder zu Rillma Ryan bringen, oder?«
»Was?« Chester, der von den Ereignissen der letzten Tage nichts wußte, wurde schlagartig hellwach.
»Ich hab Angst, wenn Momma mal böse auf mich ist, gibt sie mich ab.« »Zerbrich dir nicht dein hübsches Köpfchen, Schatz.« Er konnte es nicht erwarten, Juts in die Mangel zu nehmen. »Du gehörst hier zu mir, für immer und ewig.«
Sie schmiegte den Kopf in seine Armbeuge. »Ich hab dich lieb.«
»Ich hab dich auch lieb.« Er nieste.
»Ich hol dir noch Orangensaft. Mom sagt, du mußt ganze Badewannen davon trinken.«
»Danke. Ich hatte genug. Aber du kannst mir einen großen Gefallen tun. Geh zu Momma und bitte sie, herzukommen und mir Gesellschaft zu leisten.«
»Okay.«
Als Juts' Schatten über die Schwelle schwebte, hatte er seine Fragen parat. Sie schickten Nicky in die Küche hinunter, um Yoyo und Buster zu füttern, was hieß, daß sie ungefähr eine Viertelstunde für sich hatten.
»Julia, woher weiß Nickel von Rillma?«
»Peepbean hat es ihr gesagt.«
»Warum hast du's mir nicht erzählt?«
»Hab ich vergessen.«
»Scheiße.« Er setzte sich aufrecht, sein Kopf brummte. »Du erzählst ihr ohne mich, daß sie adoptiert ist. Sie erfährt von Rillma Ryan. Wer bin ich denn hier, verdammt noch mal, der Türsteher? Du hast kein Recht, mir das zu verschweigen.«
»Chester, du hast Fieber.«
»Weich mir nicht aus!«
»Tu ich gar nicht.«
»Du hättest es mir sagen sollen.«
»Ich nehme an, Nicky hat's dir erzählt.«
»Gerade eben. Sie wollte wissen, ob du sie Rillma Ryan zurückgibst, wenn du böse auf sie bist. Das ist eine verteufelte Last für ein Kind, so zu empfinden.«
Juts wischte die Angst mit einer Handbewegung fort. »Sie wird es vergessen. Du weißt doch, wie Kinder sind.«
»Nein, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie du bist.«
»Deine Mutter kam ins Krankenhaus, und alles ist so schnell gegangen, ich wollte darauf zu sprechen kommen, hab ich aber nicht. Es tut mir Leid.« »Ich will die ganze Geschichte hören.«
»Nicht jetzt, Schatz, Nicky kann jede Minute wiederkommen. Ich verspreche dir, ich werde es dir erzählen. Alles.«
Er ließ sich aufs Kissen zurückfallen. Schweiß tropfte von seiner Stirn. Juts tupfte ihm das Gesicht ab.
»Ich hol dir einen Waschlappen mit Eiswürfeln. Das dürfte helfen.«
Sein Blick wanderte zu ihrem Hochzeitsfoto. Vergaßen alle Frauen Wesentliches oder bloß Juts? Er fragte sich, ob es eine weltweite Frauenverschwörung gab, um die Männer zu beherrschen, sie dämlich dastehen zu lassen.
Juts und Nicky kamen zurück.
»Ich hab noch was vergessen«, sagte Juts.
»Was?« Er blinzelte, weil sein Kopf so schmerzte; sogar die Augen taten ihm weh.
»O. B. schickt Peepbean auf eine katholische Schule. Wenn er Aushilfsküster wird, bezahlt St. Rose die Schule. Popeye gibt das Küsteramt auf.«
»Der Junge ist irgendwie einfältig.« Chester schloß die Augen. Der kalte Waschlappen auf seiner Stirn tat gut.
Nickel wiederholte eine Redensart, die sie gehört hatte. »Er ist eine neue Feder an einem alten Hut.«
Chessy und Juts lachten. Irgendwie traf es die Situation genau.
Ein nebliger Apriltag im Jahre 1952 scheuchte Juts und Louise zum Arbeiten ins Haus. Ungeduldig suchte Juts ihre Schnittmuster heraus; das dünne Papier knisterte.
»Die gefallen mir nicht.« Louise rümpfte die Nase.
»Mir auch nicht.«
»Ich brauche einen neuen Hut. Laß uns nach Hagerstown fahren.«
»Ich kann dir einen Hut machen.«
Nicky, die an dem Küchentisch mit der Keramikplatte ihre Rechenaufgaben machte, sah Juts hinausgehen und mit einer BH-Schaumgummieinlage zurückkommen.
»Und was, wenn ich fragen darf, hast du damit vor?«, fragte Louise trocken. »Ich bin gepolstert.«
»Ich überzieh das Ding mit Satin, mach eine Schleife dran und einen kurzen Schleier. Schwarz oder vielleicht marineblau. Echt Tats.« So nannte Juts die berühmte Putzmacherin Gräfin Tatiana.
»He.« Louise erwärmte sich für die Idee. »Schwarz, schwarze Schleife, mit Rot durchflochten.«
»Toll.« Begeistert kramte Juts in ihrem Weidenkorb, wo sie ihre Stoffreste aufbewahrte.
»Momma, ich will dieses Jahr beim Seifenkistenrennen mitfahren, dann kann ich direkt vor Tante Wheezies Haus gewinnen. Ich bin alt genug.« Mit sieben fand sie sich für alles alt genug.
Durch eine Wolke von Zigarettenqualm antwortete Juts: »Mädchen können nicht beim Rennen mitfahren.«
»Warum nicht?«
»Weiß ich nicht.«
Louise, eine Autorität auch auf diesem Gebiet, verkündete: »Weil du dabei deine Eierstöcke durcheinander rüttelst, und das gibt später Probleme.«
»Momma, was sind Eierstöcke?«
»Ich habe nicht die leiseste Ahnung.« Sie warf Wheezie den Mundhalten-Blick zu.
»Julia, sie muß diese Dinge lernen, früher oder später.«
»Später.« Juts schnippelte mit der Schere an dem schwarzen Satin herum.
»Ich will es jetzt wissen. Wenn die Schuld sind, daß ich nicht beim Seifenkistenrennen mitfahren kann, will ich sie nicht haben.«
»Ha!«, platzte Louise heraus.
»Bist du wohl still«, warnte Juts.
»Ich will sie nicht, wenn ich nicht beim Seifenkistenrennen mitmachen kann.«
Juts knallte die Schere auf den Tisch, kleine Satinfetzen flogen durch die Luft. »Schönen Dank, Dr. Trumbull. Jetzt wird sie mich den ganzen Tag mit Eierstöcken löchern.«
»Was sind Eierstöcke?«
Louise räusperte sich. »Das sind kleine Teile in dir drin, damit du Kinder kriegen kannst. Eierstöcke sind eine Gabe Gottes.«
»Gott kann sie jemand anders geben. Ich will keine Kinder.«
Louises Mund zuckte. »Eines Tages wirst du froh sein, sie zu haben.«
»Ich schenke meine Eierstöcke jemand, der Kinder will. Ehrlich. Ich brauch keine Eierstöcke.« Nicky schob ihre Schulhefte beiseite.
»Jetzt reicht's.« Juts klapperte mit der Schere wie mit einer potentiellen Waffe.
»Sie kann nicht einfach daherreden, sie will keine Eierstöcke oder keine Kinder.«
»Halt endlich die Klappe.«
Ein Ausdruck von globalem Überdruß, gefolgt von einem leisen Ausatmen, begleitete Louises Worte. »Aber woher solltest du das auch wissen.«
Juts fegte Schnittmuster, Stoff und Schaumgummieinlage zu Boden. »Halt die Klappe, hab ich gesagt!«
Louise hob ihren >Hut< auf und schrie: »Du klärst sie nicht anständig über die weibliche Natur auf. Aber was habe ich erwartet?«
Juts machte einen Satz auf sie zu, doch Louise suchte hinter Nicky Schutz. »Du hast eine böse Ader.« »Böse Ader! Ich sollte dir den Hals umdrehen. Du mußt immer die Schlaue sein, du weißt immer mehr als ich.« Juts schäumte dermaßen, daß sie nicht weitersprechen konnte.
»Ich glaube, ich bin hier überflüssig.« Louise marschierte rasch zum Windfang, um hinauszugehen.
»Andere Leute werden mit Reichtum, mit Schönheit, mit Grips gesegnet. Ich wurde mit einer Schwester gesegnet«, knirschte Juts mit zusammengebissenen Zähnen.
Als Louise sah, daß Julia die Schere auf den Küchentisch legte, spähte sie vom Windfang wieder herein. »Einer Schwester, die mit dir durch dick und dünn gegangen ist.«
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