Während Chester und Senior ihre Ehefrauen trennten, wand Louise sich los. Sie lief über die Straße, ihre Sandalen schlappten bei jedem Schritt. Sie schob sich durch die Menge und zerrte die benommene Nicky aus ihrer Siegerkiste.
»Wenn deine Mutter dir nicht beibringt, dich wie eine Dame aufzuführen, werde ich es eben tun!« Sie ließ ihre Hand auf Nickys Hinterteil klatschen.
»Mom!« Maizie packte ihre Hand.
»Das ist Nicky. Ich sage dir, das ist nicht Jackson Frost, es ist Nicky.«
Louise griff nach Nickys Schutzbrille. Sie riß den Kopf weg, und die Brille flutschte ihr wieder aufs Gesicht.
»Es ist Nicky.« Maizie klappte vor Staunen der Kinnladen herunter.
Nicky setzte ihre Brille ab. »Ich hab gewonnen!«
Billy, Vaughn, Doak und ihre Freunde lachten, und Billy hob Nicky auf seine Schultern.
Der Ansager, von dem Tohuwabohu in Kenntnis gesetzt, brummte: »Es gibt eine Disqualifikation im dritten Lauf. Der Sieger ist Roger Davis.«
»Ich hab gewonnen!«, schrie Nicky, die jetzt auf Billys Schultern stand. »Ich hab gewonnen!«
Juts, die von Chester und Pearlie über die Straße geschleppt wurde, fluchte, was das Zeug hielt. Als sie Nicky erblickte, klatschte sie in die Hände. »Ich habe gewußt, daß du's schaffst.«
»Sie haben sie disqualifiziert.« Louise spie die Worte förmlich aus.
»Ist mir egal. Sie hat gewonnen, und alle haben es gesehen. Nur das zählt.«
»Du verdirbst das Kind. Sie kann nicht dauernd meinen, daß sie tun kann, was ihr gefällt.«
»Ach, Mrs. Trumbull.« Extra Billy nannte seine Schwiegermutter immer Mrs. Trumbull. »Das müssen Sie ihr schon lassen, sie hat Mumm.«
»Und verstößt gegen die Regeln!« Louise hatte Flecken im Gesicht.
»Na und?« Juts war euphorisch, weil Nicky gewonnen und sie die vermaledeite Trudy Epstein endlich einmal vermöbelt hatte.
»Sie hat sich lächerlich gemacht«, sagte Louise.
»Besser, als wenn es jemand anders tut«, erwiderte Juts.
»Das Kind hat im Leben genug zu kämpfen, ohne daß du sie dazu anstiftest. Du hast nicht mehr Grips, als Gott einer Gans gegeben hat.«
Da riß ein Drähtchen in Juts' Kopf. »Wenn ich mich recht entsinne, Louise, bist du die Letzte, die über Gänse sprechen sollte.«
Angst durchfuhr Louise. Sie rief »Feind hört mit!«, doch Juts war nicht mehr zu bremsen. »He, alle mal herhören, erinnert ihr euch an den Fliegeralarm? Das waren Kanadagänse. Louise hat wegen Kanadagänsen die Sirene gekurbelt und mich zu Geheimhaltung verpflichtet. So, Schwester, wie war das jetzt mit den Regelverstößen? Da kannst du doch mithalten!«
Louise stand da wie eine gerupfte Gans.
Der Aufruhr, den diese Enthüllung auslöste, übertraf den Tumult an der Ziellinie. Nicht nur die Geschichte erschien im Clarion, sondern auch ein Foto der raufenden Hunsenmeirs. Popeye hatte wieder zugeschlagen.
Ganz die Dramadiva, trug Louise nach der Enthüllung am 4. Juli zwei Wochen lang einen schwarzen Schleier. Alle wußten, wer sich darunter verbarg.
Caesura Frothingham, inzwischen steinalt, erklärte, der Schleier sei eine große Verbesserung. Noe Mojo vermutete, Louise sei in Trauer.
Juts, die zunächst dachte, sie würde von Vorhaltungen verschont bleiben, stellte fest, daß sie so köstlich munden mußten, daß die Leute ihr mit Freuden auch welche zuteil werden ließen.
Orrie Tadja Mojo drohte Juts mit dem Finger und sagte, sie habe ihre Schwester verraten. Worauf Juts sie anblaffte, von Louises bester Freundin erwartete sie nicht, fair behandelt zu werden.
Ev Most, von einer ihrer vielen Reisen zurück, verteidigte Juts, vertraute jedoch ihrem Mann an, daß Julias Freundin zu sein zuweilen sehr strapaziös sei.
Mutter Smith schrieb einen Brief an den Herausgeber der Trumpet, in dem sie sich über Funktionsträger beschwerte, die blinden Alarm schlugen. Sie führte den Bezirksbeauftragten von York auf der Pennsylvania-Seite an, doch ganz Runnymede wußte, daß Louise und Juts gemeint waren.
Das wurmte Cora, die Juts einen Brief an den Herausgeber des Clarion diktierte. Darin hieß es: »Josephine redet Scheiße.«
Walter Falkenroth rief Cora an und empfahl, den Brief umzuformulieren. Ramelle, die einen kühleren Kopf bewahrte, half ihr, und der Brief erschien einen Tag nach Josephines Attacke.
Er lautete: »Louise Trumbull und Julia Ellen Smith haben einen Fehler gemacht. Wir sind froh, daß es keine deutschen Flugzeuge waren.«
Am nächsten Tag erschien ein Brief von Juts, in dem sie schrieb: »Louise hat's vermasselt. Ich hab's vertuscht. Wenigstens hatten wir ein bißchen Abwechslung.«
Daraufhin machte Louise ihrem Unmut gründlich Luft. Die Bewohner von Maryland schickten ihre Antworten stets an die Zeitung von Maryland, deren Auflage nach oben schnellte. Louises ausführliche Antwort mußte auf zwei Absätze gekürzt werden. Die letzte Zeile lautete: »Ich würde für mein Vaterland sterben.«
Beim Herrenfriseur wurde gescherzt, das würde sie möglicherweise müssen.
Das Curl 'n' Twirl platzte beinahe vor Klatsch über die Schwestern und Neuigkeiten von der Brandstiftung: O. B. hatte abgestritten, das Lagerhaus angezündet zu haben, und den teuren Edgar Frost beauftragt, ihn zu verteidigen. Man mutmaßte, daß das Geld vom alten Julius Rife kam.
Vaughn machte Maizie einen Heiratsantrag, doch angesichts der geladenen Atmosphäre beschlossen sie zu warten, bevor sie es öffentlich bekannt gaben. Nicht einmal Louise wußte davon.
Cora erklärte ihren Töchtern in aller Ruhe, wenn sie nicht zusammen gehängt würden, dann würden sie getrennt hängen. Darauf setzten sich beide Schwestern, von Cora am Schlafittchen gepackt, an ihren Küchentisch und schrieben noch einen Brief an den Clarion. Diesmal entschuldigten sie sich für jegliche Unannehmlichkeiten, die sie den Bürgern von Runnymede bereitet haben mochten.
Als sie den Brief unterschrieben hatten, ließ Cora sie los.
Mürrisch blieben sie am Tisch sitzen.
»Mädchen, ihr stellt die Geduld aller lebendigen Heiligen auf die Probe.«
»Ich hätte unser Geheimnis mit ins Grab genommen.« Louise berührte das kleine goldene Kreuz, das um ihren Hals hing.
»Wenn du stirbst, Wheezie, bist du so alt, daß du alles vergessen hast. Nur die Guten sterben jung.«
Louise beschwor ihre Mutter, die sich vor ihnen aufgebaut hatte. »Da hast du's; was für eine Klugscheißerin. Setzt immer noch eins drauf. Ich hasse sie.«
»Du hast angefangen.«
»Hab ich nicht.«
»Louise, du bist einundfünfzig Jahre alt.«
»Mutter!«, winselte Louise.
»Julia, du bist jetzt siebenundvierzig. Das ist keine Art, sich aufzuführen.« »Ich hab ihr gesagt, sie soll Nicky nicht am Rennen teilnehmen lassen. Mit ihr ist nicht zu reden. Sie hört nie zu«, jammerte Louise.
»Es ist ungerecht. Wenn Nicky ein Rennen fahren will, dann soll sie fahren. Wir haben kein Verbrechen begangen, Louise.«
»Und dann hast du auch noch Trudy Epstein geschubst. Nicht genug damit, zuzulassen, daß sich das Kind als Junge ausgibt, du mußtest auch noch in aller Öffentlichkeit auf diese Frau losgehen.«
»Sie hat gesagt, er sei nur aus Pflichtgefühl bei mir geblieben. Daß er in Wirklichkeit sie liebt. Blöde Pute.«
»Hat sie das wirklich gesagt?« Louise beugte sich vor.
»Wenn du nicht Unsere Liebe Frau von den Schleiern gespielt hättest, hätte ich dir alles erzählt, aber du sprichst ja seit dem 4. Juli nicht mit mir. Es gibt vieles, was du nicht weißt«, sagte Julia geheimnisvoll. Sie wußte, daß sie damit Louises Neugier weckte.
»Aber warum hat sie das vor allen Leuten gesagt? Sie gibt sich doch sonst solche Mühe, rechtschaffen zu sein, die Ärmste.« Louise hatte nicht viel für Trudy übrig.
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