»Woher zum Teufel soll ich das wissen? Vielleicht dachte sie, daß sie damit durchkommt. Daß es außer mir niemand hört.«
»Hat es jemand gehört?«
»Den Anfang nicht, aber als ich ihr eine geschmiert habe, klar, da haben es alle gehört, weil sie gleichzeitig mit dir rumgeschrieen hat, Wheezie.«
»Ich habe nur versucht, einer peinlichen Situation zuvorzukommen.«
»Deswegen bist du mitten auf die Straße gerannt? Um einer peinlichen Situation zuvorzukommen? Raffiniert«, erwiderte Juts trocken.
»Du wolltest ja bei Nickel nicht einschreiten.«
»Nein, weil ich nicht fand, daß wir was Unrechtes taten.«
»Jungs machen, was Jungs machen, und Mädchen machen, was Mädchen machen.«
»So ein Quatsch.«
»Als Nächstes will sie noch bei den Orioles mitspielen. Na, warum eigentlich nicht? Wieso du dich überhaupt mit dieser Zweitligamannschaft abgibst, die auf dem letzten Loch pfeift, werde ich nie begreifen.«
»Wart's nur ab, Louise, eines Tages wird Baltimore wieder in der Ersten Liga spielen. Genau wie vor dem Ersten Weltkrieg. Wir werden eine richtig gute Mannschaft haben, und dann können wir die Yankees schlagen.«
»Träum schön weiter, Schwesterherz.«
»Wollt ihr zwei euch wohl vertragen! Mir ist es egal, wer in Baltimore bei was gewinnt. Ich will das hier jetzt bereinigen. Kein Ablenkungsmanöver.« Cora holte sie auf den Boden der Tatsachen zurück.
»Was gibt's da zu bereinigen? Wir haben den Brief geschrieben.« Juts setzte sich seitlich auf ihren Stuhl.
»Du hast gesungen. Das gibt es zu bereinigen. Wir würden sonst nicht in diesem Schlamassel stecken. Julia, es steht auch noch in anderen Zeitungen. Die Leute lachen über uns!«
»Laß sie doch. Wenigstens lachen sie - und weinen nicht. Ich erweise der Öffentlichkeit einen Dienst.«
»Auf meine Kosten«, schmollte Louise.
»Ich hab nicht gesagt, daß Gänse deutsche Flugzeuge sind.«
Louise quollen schier die Augen aus dem Kopf, ihre Sehnen traten am Hals hervor. »Du hast mitgemacht! Das ist genauso schlimm wie falschen Alarm zu schlagen.«
»Seid still, alle beide. Zweimal Unrecht ergibt nicht Recht.«
»Ja, aber warum soll ich dafür büßen, daß sie so blöd war?«
»Julia Ellen, das ist keine Art, um diese Wunde zu heilen.«
Louise schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Wunde? Wunde? Ich sag dir, was das ist, das ist ein Dolchstoß in den Rücken, von meiner Schwester, vor aller Welt! Wo bleibt deine christliche Nächstenliebe? Oh, ich erwarte nicht, daß du eine liebevolle Schwester bist. Nein, dazu kenne ich dich zu gut. Du zuerst, alle anderen zuletzt, aber um der christlichen Nächstenliebe willen hättest du mir diese Demütigung ersparen können.«
»Es gab nur einen Christen, und der starb am Kreuz.« Julia stimmte mit Nietzsche überein, ohne daß es ihr bewußt war. Ihr gefiel der Ausspruch einfach.
»Julia.« Coras Ton war streng.
»Sie hat mir vorgeworfen, ich sei eine schlechte Mutter!« Juts stand auf. »In ihrem Vorgarten, mit Millionen Leuten drumrum. Ich laß mir den Mist keine Minute länger gefallen. Sie kann von Glück sagen, daß ich sie nicht umgebracht habe.«
»Ich habe nicht gesagt, daß du eine schlechte Mutter bist.«
»Und ob du das gesagt hast.«
»Ich habe gesagt, du stiftest Nicky an, gegen die Regeln zu verstoßen. Und« - sie gebot mit erhobener Hand Schweigen - »daß sie auch so schon genug durchzustehen hat.«
»Ach, nun bist du wohl Schwester Toleranzia? Das ist dasselbe wie zu behaupten, daß ich eine schlechte Mutter sei, was du hinter meinem Rücken sowieso tust. Mir kommt alles zu Ohren, weißt du. Alles, was du sagst, kommt mir zu Ohren. Wir sind schließlich in Runnymede. Das Letzte, was an den Leuten hier stirbt, ist ihr Mundwerk. Wahrscheinlich tratschen die Toten beim Bestattungsunternehmer weiter.«
»Ich habe nie gesagt, daß du eine schlechte Mutter bist.«
»Wie bitte? Mir scheint, ich hör nicht richtig.«
»Ich habe das nicht gesagt! Ich habe gesagt« - und sie klang wie eine Anwältin vor Gericht - »daß du eine besonders schwere Last zu tragen hast, weil Nicky nicht dein Kind ist.«
»Du hast gesagt, ich muß ein Kind haben. Nun hab ich eins.«
»Aber sie ist nicht deins.«
»Ich bin trotzdem eine Mutter!«
»So was Ähnliches.«
»Louise, das ist schlicht und einfach Blödsinn«, warf Cora ein.
»Ja, weil sie es nämlich war, die mir dauernd in den Ohren lag, ich würde nie wissen, was Glück ist, wenn ich kein Kind hätte. Schön, ich hab eins. Was fang ich jetzt damit an?«
»Da hast du's« - Louise zeigte auf ihre Schwester, sah aber ihre Mutter an -, »so spricht keine richtige Mutter.«
»Wie oft bist du zu mir gekommen und hast mir was vorgejammert über deine Mädchen. Du wirst langsam vergeßlich.« Cora taten die Füße weh. Sie setzte sich. Das hier würde wohl noch länger dauern.
»Ich bin eine Mutter. Ich seh nicht, was daran so großartig ist. Es ist ein Haufen Arbeit. Und du hast mich dazu überredet.« »Hab ich nicht. Seit deiner Hochzeit warst du am Jammern, daß du ein Kind willst. Und hab ich dir nicht gesagt, du sollst ihn nicht heiraten? Er wird die Welt nie erobern.«
»Er hat mich erobert.«
»Oh, ich vergaß.« Louise schürzte die Lippen.
»Er ist ein guter Mensch. Er hat einen Fehler gemacht, aber er ist ein guter Mensch.« Cora mochte Chester.
»Du hast ihn geheiratet, um seiner Mutter eins auszuwischen«, erwiderte Louise.
»Gar nicht wahr. Die Zimtzicke ist mir vollkommen schnuppe.«
»Ich geh nach Hause«, verkündete Louise.
»Nicht, bis ihr euch vertragt.«
»Wie kann ich mich mit ihr vertragen? Sie ist unmöglich. Sie hat an die Zeitung geschrieben, daß ich Schuld war. Schlimm genug, daß sie ihre große Klappe aufgerissen hat, da hätte sie es nicht auch noch schriftlich verbreiten müssen.«
»Das hab ich nicht geschrieben. Ich hab geschrieben, du hast es vermasselt und ich hab's vertuscht. Eins so schlimm wie das andere.«
»Ach ja?« Louise verschränkte die Arme.
»Jawohl. Und ich hätte das alles nicht getan, wenn du dir nicht wegen Nicky ins Hemd gemacht hättest.«
»Ich hab aber Recht. Mom, sag ihr, man kann Kinder nicht machen lassen, was sie wollen. Das Rennen ist für Jungs.«
»Ich fand es lustig.«
»Momma!«
»Ach, Louise, was Mädchen und Jungs tun, das ist wie die Mode. Das ändert sich. Zu meiner Zeit hat keine Frau ihre Fesseln gezeigt, schon gar nicht die Waden. Heute rennen die Leute halb nackt herum. Frauen gehen ohne Hut.« Cora zuckte die Achseln.
Louise warf ein: »Manche Dinge ändern sich nie.«
»Nenn mir eins«, forderte Juts sie auf.
»Der Tod.«
»Okay, noch eins.«
»Frauen gebären Kinder und Männer nicht.«
»Das macht zwei.« »Steuern.«
»Die ändern sich. Als ich jung war, gab es keine Steuern. Und so sollte es wieder sein.« Für Cora war die Regierung eine scheinheilige Diebesbande.
»Noch mehr Dinge, die sich nie ändern?« Julia piekste sie mit dem Finger.
»Faß mich nicht an. Die Sonne geht im Osten auf.«
»Das zählt nicht. Menschliche Dinge.«
Louise überlegte, dann hob sie die Hände. »Mir fällt nichts mehr ein. Aber ich meine immer noch, du hast Unrecht.«
»Ich nicht.«
»Das ist doch nicht so wichtig. Gebt euch die Hand und vertragt euch.«
»Ich geb ihr nicht die Hand, bis sie aufhört, mir vorzuschreiben, wie ich mein Kind zu erziehen habe.«
»Du fragst mich um Rat, und dann beschwerst du dich, wenn ich ihn dir gebe.«
»Komm schon, Louise.«
»Du eignest dich nicht zur Mutter.«
»Ein bißchen spät, um noch was dran zu ändern!«
»Sie hat Recht, Louise. Das Kind ist da.«
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