»Und ich mit dir.«
»Du kannst dem Kind keine Flausen in den Kopf setzen.«
Juts erwiderte süffisant: »Ich versuche ja nicht, eine Chalfonte zu sein.«
Nicky legte den Kopf auf die verschränkten Arme. Sie war eine Chalfonte; zumindest war ihr Vater einer. In diesem Augenblick erkannte sie, daß sie Juts überlegen war, weil Juts nichts von Francis wußte. Sie beschloß, wenn die Erwachsenen Geheimnisse vor ihr hatten, auch welche vor ihnen zu haben. Dieses Spiel konnten beide spielen.
»Sie kann nicht beim Seifenkistenrennen mitfahren. Das ist gegen alle Regeln.«
»Blöde Regel.«
»Blöd oder nicht, das Rennen ist nur für Jungen.«
»Warum ist alles, was Spaß macht, für Jungs?« Nicky schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich kann alles, was Jungs machen, und ich kann's besser.«
»Vorerst ja«, sagte Louise. »Aber die Jungen werden größer und stärker.«
»Tante Wheezie, ich mach sie fertig, egal wie groß sie werden.«
»Viele Wege führen nach Rom«, sagte Wheezie. »Warum kämpfen, wenn du mit einem bloßen Lächeln gewinnen kannst?«
»Deine Tante Wheezie will dir damit sagen, daß Männer leicht um den Finger zu wickeln sind.«
»Ist das dasselbe wie nicht alle Tassen im Schrank haben?« »Nein, es ist etwas anderes, obwohl du oft genug feststellen wirst, daß sie nicht alle Tassen im Schrank haben.« Louise, die begeistert die Expertin gab, fuhr fort: »Ich erteile dir deine erste Lektion, wie man sich Männer gefügig macht.« Sie hob den Kopf, legte die Hand unters Kinn und berührte beim Sprechen mit dieser Hand ihren Ohrring. »Du bist klug, Paul, das wäre mir nie eingefallen.« Ihre Stimme trillerte, jede Bewegung kündete von Entzücken und Ehrfurcht.
»Zweite Lektion.« Juts lachte. »Du bist so stark. Ich hätte das nicht mal hochheben können.«
Die Schwestern lachten.
Nicky lachte nicht. »So was mach ich nicht.«
»Dann, Herzchen, laß mich die Erste sein, die es dir sagt: Du wirst mit den Männern einen Reinfall erleben.«
Louise fügte eifrig hinzu: »Wenn du die Tricks erst beherrschst, hast du leichtes Spiel mit ihnen - sogar mit den Schwulen.«
»Was ist ein Schwuler?«
»Ein Weichling«, antwortete Louise.
»Wie Peepbean Huffstetler?«
»So ähnlich«, erklärte Juts. »Wheezie will sagen, daß alle Männer gern von den Frauen beachtet werden, auch wenn sie keine heiraten wollen. Du neigst dich ein wenig zu ihnen hin, tust, als sei jedes Wort aus ihrem Mund ja sooo interessant, und schwups, ist es um sie geschehen.« Sie schnippte mit den Fingern.
»Sie merken bestimmt, daß man nur so tut.« Nicky konnte nicht glauben, daß diese albernen Tricks funktionierten.
»Nix da«, sagte Juts.
»Du bist noch zu klein«, ergänzte Louise. »Den kleinen Jungs ist es egal, aber wenn sie erst, na, vielleicht sechzehn sind.«
Julia unterbrach sie. »Wenn ihre Stimme sich verändert, das ist das Zeichen. Dann gib's ihnen.«
Nicky sah ihre Mutter und ihre Tante ernst an. »Kann ich nicht sein, wie ich bin?«
Louise lachte ungehemmt, was sie selten tat, ein Lachen tief aus dem Bauch heraus. »Nicky, von einem Mann geliebt zu werden, ist nicht dasselbe, wie von einem Mann erkannt zu werden. Sie brauchen dich überhaupt nicht zu kennen. Ach, sie wissen ja nicht mal, wie sie es anstellen sollen.«
Nicky mochte nicht glauben, daß Menschen jahrelang zusammenleben konnten, ohne sich zu kennen. Sie dachte, Wheezie würde sie veräppeln. »Momma, kennt Daddy dich nicht?«
Juts verschränkte die Arme. »Doch, ich glaube schon, aber Louise und ich sind uns beim Thema Männer eben nicht einig. Er weiß vielleicht nicht, warum ich etwas tue, aber er kann dir ganz genau sagen, was ich in einer bestimmten Situation tun werde.«
»Julia« - Louise senkte die Stimme - »du weißt ja selbst oft nicht, warum du etwas tust.«
»Doch, um mit dir abzurechnen.«
»Das ist allerdings die reine Wahrheit, und ich habe eine Zeugin.« Louise zeigte auf Nicky.
»He, sollen wir dir beibringen, wie man flirtet?« Juts amüsierte sich bestens.
»Momma, ich mach mir nichts aus dem Zeug. Ich will beim Seifenkistenrennen mitfahren.« Nicky schob ihre Stifte zurück und sprang vom Stuhl. »Ich geh nach oben. Darf ich?«
»Klar, Mike.«
Als sie gegangen war, sagte Juts zu Louise: »Ich werde nicht schlau aus ihr.« Ein ratloser Ausdruck erschien in Juts' Gesicht, das trotz ihrer siebenundvierzig Jahre noch jugendlich wirkte. »Sie will keine Kleider anziehen, ich kann sie nicht für Nähen oder Kochen erwärmen. Ich muß sie praktisch zu den Partys ihrer Freundinnen schleifen. Hast du schon mal ein Kind gesehen, das sich nichts aus Partys macht?«
»Nicht, daß ich wüßte, aber sie sind nun mal nicht wie wir. Diese Lektion hat mir Mary sehr bald erteilt, und dann hat Maizie es unmißverständlich vorgeführt. Die Sache mit Vaughn macht mich nervös. Er ist schwer hinter ihr her.«
»Du solltest dich freuen, Louise, was willst du denn? Sie erobert die Welt nicht als Pianistin, und sie hat keine Unterrichtszulassung - was soll sie denn machen?«
Louise drehte an ihrem Ehering. »Ich weiß nicht. Sie wird ihn sein Leben lang pflegen müssen.« »Er kommt gut zurecht.« Juts boxte ihre Schwester an die Schulter. »Du machst dir doch Sorgen ums Geld. Er wird eines Tages den Drugstore übernehmen. Dann hat sie für den Rest ihres Lebens ausgesorgt.«
»Ich weiß nicht.«
»Sorgen sind dein Leben, weißt du das?«
»Du wirst eines Tages haufenweise Sorgen haben, wenn Nikky sich ernsthaft verliebt. Sie braucht bloß an einen miesen Kerl zu geraten. Ein Einziger genügt.«
»Vielleicht ist es umgekehrt genauso, und bei denen genügt auch eine Einzige, wer weiß.« Juts drehte den Wasserhahn auf und hielt ihre Zigarette darunter, um sie zu löschen. »Wer weiß, was aus Nicky wird? Sie tanzt nach ihrer eigenen Pfeife. Wenn ich daran denke, daß Blut dicker ist als Wasser, erinnere ich mich an Rillma als Kind. Sie war ganz anders als Nickel.«
»Sie klingt wie du. Sie packt die Dinge an wie du«, sagte Louise beschwichtigend.
»Ja?«
»Ich glaube, sie sind wie Schwämme. Sie saugen alles auf.«
»Manchmal fühle ich mich wie eine Köchin, ein Hausmädchen, eine Waschfrau, ein Chauffeur - sogar eine Krankenschwester -, aber ich weiß nicht, ob ich mich wie eine Mutter fühle.«
»So fühlen sich Mütter eben - und erwarte bloß keinen Dank dafür.«
Trotz der Ermahnungen ihrer Schwester, man müsse wissen, wo man hingehört, verschwor sich Juts mit Nicky und baute mit ihr eine Seifenkiste. Chessy hörte sich ihre Argumente an und dachte, was soll's?
Sie machten das Garagentor zu und verbrachten die nächsten zweieinhalb Monate damit, das Gefährt zu bauen. Chessy feilte an der Aerodynamik der Kiste, die eine niedrige, spitze Schnauze und glatte, windschnittige Seiten bekam. Nicky übernahm die Aufgabe, zu schmirgeln und immer wieder zu schmirgeln, bis die Holzoberfläche glänzte wie Glas.
Juts und Chessy machten sich Gedanken um die Lenkung. Eine schnelle Seifenkiste ist mitunter schwer zu halten. Juts hatte das Zeug zur Mechanikerin. Sie kroch unter den Wagen, prüfte die Zugstangen und den Sitz der Räder unter dem Fahrgestell. Sie zeichnete Entwürfe. Chester vertiefte sich mit ihr in die Zeichnungen, Nicky ebenso.
Beim Bau der Seifenkiste hielten die drei Smiths zusammen wie Pech und Schwefel. Am meisten genoß es Nicky, wenn sie alle in der Garage waren, auch Buster und Yoyo, und sangen. Juts die zweite Stimme, Chester Baß und Nicky die Melodie. Sie sorgte sich nicht wegen Rillma Ryan, wenn sie zusammen arbeiteten, und Juts war zu beschäftigt, um die Geduld mit ihr zu verlieren.
Nicky fand heraus, daß wenn sie mit Juts spielte - denn für sie war es ein Spiel -, Juts glücklich war. Sie hatten einmal in der Woche Reitunterricht, und danach begleitete Nicky Juts manchmal bei ihren Einkaufstouren. Sosehr sie das langweilte, sie heuchelte Interesse für die Kleider, auf die Juts sie aufmerksam machte.
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