Eines Nachmittags, als Juts es satt hatte, hinter Nickel herzulaufen, ließ sie sich in den weißen Liegestuhl fallen. Louise hielt in der Einfahrt und stieß den Zweisigpfiff aus.
»Ich bin im Garten«, antwortete Juts auf das Signal, das sie seit ihrer Kindheit benutzten.
Buster eilte hinaus, um Doodlebug zu begrüßen. Yoyo blieb, wo sie war. Kein Hund lohnte die Anstrengung.
Louise, die Handtasche am Arm - Schuhe, Tasche, Handschuhe und Hut waren aufeinander abgestimmt -, trippelte in den Garten und rief beim Anblick der Schmetterlingswolke: »So etwas habe ich ja noch nie gesehen.«
»Ich auch nicht.«
»Das mußt du fotografieren.«
»Ich bin zu müde, um den Apparat zu holen.«
»Ich hol ihn.« Louise huschte in die Vorratskammer, wo Juts die kleine schwarze Rollfilmkamera aufbewahrte. Als sie zurückkam, machte sie Schnappschüsse von Nickel, wie sie nach Schmetterlingen haschte und sich mit Buster und Doodlebug im Gras wälzte. Auf einer Aufnahme, von der sie hoffte, daß sie gelungen sei, sprang das Kind in die Luft, den großen ZebraSchwalbenschwanz, der mit voll ausgebreiteten Flügeln auf den großen Papaubaum hinter dem Fliederstrauch zusteuerte, eben außer Reichweite.
Juts klatschte rhythmisch in die Hände. »Tanz, Nicky, tanz für Tante Wheezer.«
Nickel ließ von der Schmetterlingsjagd ab und drehte sich zu den Erwachsenen um. Sie stemmte die Hände in die Hüften.
Louise animierte sie ebenfalls und sang: »Backe backe Kuchen.« Juts sang mit.
Das Kind hob die Hände über den Kopf und machte ein paar Ausfallschritte; Doodlebug und Buster jaulten und kläfften, einer rechts von ihr, einer links.
Yoyo, entrüstet über dieses Getue, blieb reglos unter dem Flieder liegen. Nach dem Tanz warf sich Nickel auf die Erde und gurrte: »Miezekätzchen.«
Yoyo gähnte.
Nickel kroch vorsichtig zur Katze und legte sich hin, den Kopf auf den Händen, um es Yoyo gleichzutun, deren pelziger Kopf auf den Vorderpfoten ruhte.
Louise knipste drauflos. Dann setzte auch sie sich hin und legte den Fotoapparat auf den niedrigen weißen Holztisch. »Diese Energie. Wo haben sie die her?«
»Ich weiß nicht. Aber ich könnte was davon gebrauchen. Wenn wir nicht eingespannt wären - ich meine, wenn wir tun könnten, was unser Körper will -, dann wären wir bestimmt mehr wie sie.«
»Wer weiß.« Louise zog ihre Schuhe aus. »Maizies Konzert ist Ende Mai. Nicht vergessen.«
»Nein.«
»Sie ist sehr von sich eingenommen, das kann ich dir sagen. Maizie hat sich, hm, nach dem kleinen Zwischenfall in der Klosterschule auf Musik verlegt.« Der kleine Zwischenfall bestand darin, daß Maizie ihr Zimmer in Brand gesteckt hatte und von der Schule geflogen war. Louise zog es vor, sich nicht näher darüber auszulassen. »Du meine Güte. Jetzt will sie nach New York und im Symphonieorchester spielen. Mit lauter Yankees. Ich habe ihr gesagt, sie würde sich hundsmiserabel fühlen und reumütig nach Hause gekrochen kommen.«
»Sie sind zwar Yankees, aber musikalische Yankees, und wenn sie es schafft, nun, dann hat sie erst recht meinen Respekt.«
»Ich will nicht, daß meine Tochter so weit weg ist, in so einer großen lauten Stadt.«
»Hm, in Baltimore ist auch nicht gerade Totenstille.«
»Baltimore ist zivilisiert. Dort gibt es noch Familien.«
Sie wollte damit sagen, daß es dort Menschen mit einwandfreien Ahnentafeln gab, die bis zu Lord Baltimore zurückreichten, was Louise auch für sich selbst in Anspruch nahm. Sie verschwieg die Familiengeschichte der Hunsenmeirs, die geradewegs zu einem hessischen Soldaten führte, einem Söldner, der sich, da er genug von König Georg hatte und von Maryland angetan war, kurzerhand von der Truppe entfernt hatte.
»In New York gibt es auch Familien. Schließlich haben sie den Colony Club, den Knickerbocker Club und...«
Louise fiel ihr ins Wort. »Das ist nicht dasselbe.«
»Ist es wohl.«
»Nein, ist es nicht. Viele der Leute dort sind auf merkantilem Wege zu Geld gekommen.« Louise bediente sich eines geschraubten Vokabulars, um ihren gesellschaftlichen Status zu erhöhen. »Und außerdem stammen viele von Kriegsgewinnlern ab, die noch schlimmer sind als das Rife-Gesindel.«
Juts winkte ab. »Wenn du meinst.«
»Komm mir bloß nicht so. Ich kann's nicht ausstehen, wenn du so bist. Abstammung ist wichtig.« Sie schniefte. »Und New York ist voller Juden.«
»Na und?«
»Julia, wenn Maizie nun mit einer Person jüdischen Glaubens anbändelte? Das geht einfach nicht.«
»Jesus war Jude.«
»Ach, dummes Zeug. Es gibt den einen Wahren Glauben, die eine Wahre Kirche und nur den einen Weg. Früher oder später wirst du deinen Irrweg bereuen. Und Jesus war kein Jude. Er war Christ.«
Juts setzte sich aufrecht hin, ihre Müdigkeit schlug in Verärgerung um. »Wo warst du heute Morgen, bei der Beichte? Wir kauen diesen frommen Scheiß jetzt einmal die Woche durch. Rund zwei Stunden lang glaubst du, du seiest frei von Sünde.«
Louise verschränkte die Arme. »Ich will mich nicht streiten.«
Juts witterte Unrat. »Louise, was hast du angestellt?«
»Nichts.« Ihre Stimme schwang sich in die Luft wie ein Schmetterling.
»Louise.« Juts zog den Namen ihrer Schwester in die Länge. »Louise Alverta - ich kenne dich.«
»Nichts.« Louise schüttelte den Kopf.
»Eine Affäre?« Juts hoffte auf etwas Aufregendes.
»Wie kannst du so etwas auch nur denken?«
»So was kommt vor.« Julia senkte die Stimme, ihre Hoffnung schwand dahin.
»Du mußt es ja wissen.«
»He, ich war's nicht!«
Wheezie fand selbst, daß ihre Bemerkung gemein war. »Du hast Recht. Aber Julia, du hast nichts als Sex im Kopf.« »Ist ja nicht wahr. Ich höre bloß gern Geschichten. Findest du es nicht faszinierend, wer sich mit wem einläßt?«
»Nein«, log Wheezie, und was für eine Lüge!
»Ach komm.«
»Durchaus nicht.«
»Als ob es dir egal wäre, daß Rob McGrail dauernd mit Pierre und Bob zusammen ist. Jungs unter sich.«
»Bloß weil sie schwul sind, heißt es noch lange nicht, daß sie so sind.«
»Na gut. Mary Miles Mundis nimmt jeden Tag Tennisstunden. Findest du das nicht merkwürdig?«
»Jeden Tag eine?«
»Der Tennislehrer sieht tausendmal besser aus als Harold, auch wenn Harold mehr Geld hat als Gott.«
Louise beugte sich vor, gierig nach Klatsch, sah jedoch ein, daß ihr Eifer Juts nur bestätigen würde. »Ich denke kaum an solche Sachen. Du hast eine schmutzige Phantasie.«
»Hört, hört!«
»Ich geh nach Hause.« Doch sie rührte sich nicht vom Fleck.
»Warum bist du hergekommen?«
»Um meine Schwester zu sehen.«
»Natürlich.« Juts blickte um sich. »Wo ist Nickel?«
»Sie muß hinter die Garage gegangen sein. Hier ist sie nicht.«
»Dann ist sie wohl ins Haus spaziert.«
»Sie ist zu klein, um an den Türknauf zu kommen.«
»Wo sie auch ist, Buster und Doodlebug sind bei ihr.«
Wheezie stand auf und ging ums Haus, Juts schaute in die Nachbargärten. Louise kam zurück. »Juts, ich weiß nicht, wo sie ist.«
»Weit kann sie nicht sein. Die kleinen Beinchen können nicht so schnell laufen.« Julia rannte zum Bürgersteig und dort, mitten auf der Straße, spielte Nickel. »Nicky«, rief sie, »bleib, wo du bist«, und stürmte los.
»Sag ihr, sie soll von der Straße runtergehen!« Louise sprintete hinter ihrer Schwester her. Juts langte bei der Kleinen an und nahm sie auf den Arm; die Hunde sprangen an ihr hoch. »Nicky, du darfst nicht weggehen, ohne es Mummy zu sagen - und geh nie auf die Straße.«
Louise kam hinzu, aufgeschreckt, mit rotem Gesicht. Sie drohte mit dem Finger. »Daß du das nie wieder tust!«
Nickel drohte ihrer Tante unerschrocken zurück.
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