»Die Ärmsten«, murmelte Mrs. Mundis.
»Sie hat das Maultier erschreckt, das unseren Wagen zog«, flunkerte Juts.
»Ha! Du hast den Wagen in Brand gesteckt, Julia Ellen.« Louise erinnerte sich lebhaft an das Ereignis, auch wenn sie es vorzog, über die Jahreszahl hinwegzugehen.
»He, ich war nicht die Freiheitsstatue. Du hast die blöde Fackel gehalten. Du hast sie fallen lassen. Ich war ein kleiner Schlepper im Hafen von New York.«
»Ein kleiner Schlepper, der die Freiheitsstatue vom Sockel gestoßen hat.« Tante Dimps lachte. »Das Maultier erschrak, als der Wagen Feuer fing, und schoß mitten durch die Parade davon. O Gott, das werde ich nie vergessen. Donald hat mich gepackt und aus der Gefahrenzone geschoben. Das Maultier konnte er nicht stoppen. Und der alte Lawrence Villcher - wißt ihr noch, der Chef der Feuerwehr von Nord-Runnymede - hat die weiße Feuerspritze gewendet, und Increase Martin - damals haben sie bei der Feuerwehr noch Pferdewagen benutzt - hat die Feuerspritze von Süd-Runnymede gewendet, und die Wasserladung hat das Maultier gestoppt und das Feuer gelöscht.« Sie leckte sich die Lippen. »Das sauberste Maultier beider Staaten.«
»Und du hast in aller Öffentlichkeit geflucht.« Julia wollte von ihrer Missetat ablenken, egal, wie lange es her war.
»Ich fluche nicht«, entgegnete Louise eisig.
»An dem Tag schon.«
»Das Gedächtnis spielt den Menschen Streiche.« Louise zog ihre Erhabenheitsnummer ab, was Juts nur aufstachelte.
»Ich hab wenigstens eins.«
»Mein Gedächtnis ist scharf wie eine Reißzwecke.«
»Ja, und genauso spitz.« Juts unterdrückte ein Kichern.
Louise hielt eine nasse Haarsträhne zwischen Zeige- und Mittelfinger, die Schere verharrte in der Luft, was ihr einen leicht bedrohlichen Anstrich verlieh. »Du wirst mich nicht in Rage bringen. Ich hab genug Sorgen, ohne mich auch noch mit dir herumzuärgern.«
»Schon gut.« Juts war enttäuscht. Sie hatte Lust auf eine Kabbelei.
Mary Miles blickte angestrengt in die Ferne und versuchte sich zu erinnern. »Hat eure Mutter dabei nicht Aimes Rankin kennen gelernt?«
»Herrje, das weiß ich nicht.«
»Doch, stimmt«, bestätigte Louise.
»Wie geht's Hansford denn so?« Tante Dimps sprang von einem Mann in Coras Leben zum anderen, was für alle Anwesenden durchaus plausibel war.
»Besser. Er sollte arbeiten gehen«, antwortete Louise.
»Er sieht gesünder aus. Allmählich sollte man mal seinen Bart stutzen.« Juts hatte Mary Miles' Fingernägel vorbereitet und wählte nun die Farbe. »Wie wär's mit Kirsche?«
»Nein. Zu dunkel. Ich brauch was Belebendes.«
»Versuch's mit Whiskey«, empfahl Tante Dimps.
»Dimps, ich wußte gar nicht, daß du trinkst.« Louise gab sich empört.
»Nicht von mir aus. Andere treiben mich dazu.«
»Mich auch.« Juts griff zu Siegesrot, einer angemessenen Farbe für die Zeit.
»Mich auch«, rief Fannie aus dem Hinterzimmer, wo mal wieder ein Kartenspiel im Gang war.
»Das ist gut.« Mrs. Mundis lehnte sich zurück; Dimps' schlagfertige Antwort gefiel ihr.
»Hansford war ein gebildeter Mann. Geologie.« Dimps war etwa zwanzig Jahre älter als Juts, Wheezie und Mary Miles Mundis. »Ich war noch jung, als er fortging, aber ich weiß noch, daß meine Mutter sagte, hier hielte ihn nicht genug. Und sie sagte, egal, was für eine gute Frau Cora sei, es sei schwer für einen Mann mit College-Bildung, eine Frau zu haben, die...« - sie hielt einen Moment inne, lief tief rot an, und fuhr leise fort - ». nicht gebildet sei.«
»Nicht gebildet. Herrgott, Dimps, Mom kann weder lesen noch schreiben.« Juts traf den Nagel auf den Kopf.
»Nein, aber Cora ist klüger als wir alle.« Dimps wollte etwas gutmachen. »Trotzdem frage ich mich, ob meine Mutter nicht Recht hatte.«
»Ich hab was anderes gehört.« Mary Miles räusperte sich. »Meine Mutter sagte, es sei wegen Josephine Holtzapple gewesen.«
»Was?«, fragten beide Schwestern gleichzeitig.
»Ja. Nie davon gehört?« Mary Miles war erstaunt.
Tante Dimps deutete stirnrunzelnd mit dem Finger auf Mary Miles' Spiegelbild. »Ihr wart alle viel zu klein, um irgendwas zu wissen. Und überhaupt, seitdem ist viel Wasser über den Berg geflossen. Oder heißt es den Berg hinunter?«
»Hinunter.« Toots hatte die ganze Zeit geschwiegen, ja, sie hatte auf dem Stuhl gedöst, weil sie eine halbe Stunde Zeit hatte, bevor ihre nächste Kundin kam. Sie schlug die Augen auf.
»Wie meinst du das, es war wegen Josephine?« Juts hielt Mary Miles' rechte Hand.
»Meine Mutter sagte, Josephine sei in Hansford verliebt gewesen. Es heißt, sie sei zu ihrer Zeit eine schöne Frau gewesen.«
»Und bestimmt schon eine Zimtzicke«, murrte Juts.
»Hochnäsig.« Dimps wünschte, Mary Miles hätte den Mund gehalten.
»Wieso wissen wir nichts von dieser Geschichte?« Louise untersuchte Tante Dimps' Haare nach Spliß.
»Die jüngere Generation interessiert sich nicht für die ältere Generation. Ihr könnt euch nicht vorstellen, daß wir mal jung waren.«
»Dimps, du bist nicht alt.« Julia lächelte.
»Achtundfünfzig, und mit den vielen Pölsterchen, die ich mir zugelegt habe, sehe ich keinen Tag jünger aus. Noch ein bißchen mehr, und ich bin das gemästete Kalb.« Sie klopfte sich auf den Bauch.
»Du siehst prima aus.« Louise tutete in dasselbe Horn wie ihre Schwester. »Aber was meint Mary Miles eigentlich?«
»Ihr müßt bedenken, dies ist eine uralte Geschichte«, sagte Dimps, »und ich war noch sehr jung. Es heißt, daß Josephine in Hansford verliebt gewesen sei, aber er nicht in sie.«
»War er da schon mit Momma verheiratet?« Juts war schrecklich neugierig, wollte sich aber gleichgültig geben. Es gelang ihr nicht.
»Ja. Er hat eure Mutter wirklich geliebt, glaube ich. Ich glaube, er liebt sie immer noch. Euer Vater war ein junger Draufgänger. Genau der Typ, um das Herz einer so tugendhaften Person wie Josephine zu entflammen, die noch nicht lange mit Rupert verheiratet war. Hansford war reich an gutem Aussehen und arm an Verantwortungsgefühl, würde ich meinen.« »Aber du hast gesagt, er hat sie nicht geliebt.« Louise schnippelte die nächste Locke.
»Hat er auch nicht.« Toots ergriff wieder das Wort. »Ich kann mich noch erinnern. Ich ging damals in die Volksschule. Jedenfalls, was auch geschehen ist, Hansford ist weggegangen. Die Leute sagten, er wäre so oder so gegangen. Rastlos.«
»Hatte er eine Affäre mit ihr?« Es lag Juts nicht, um den heißen Brei herumzureden.
»Nein«, antwortete Dimps rasch.
»Also.« Mary Miles hielt inne. »Keiner weiß was Genaues, außer daß er mir nichts, dir nichts abgehauen ist. Einfach so.« Sie machte eine flatternde Handbewegung.
»Gib deine Hände wieder her«, befahl Juts.
»Und danach war's aus mit Josephine. Sie war immer ein Snob gewesen, aber danach wurde sie unausstehlich.«
»Ich frag ihn«, sagte Juts.
»Schlafende Hunde soll man nicht wecken«, warnte Dimps.
»Du hast gesagt, es ist eine uralte Geschichte«, entgegnete Juts.
»Nicht für sie und ihn. Mach bloß nicht wieder so viel Wind, Juts«, sagte Dimps.
»Warum hacken alle auf mir rum?«
»Weil wir dich nur zu gut kennen« Louise genoß es sichtlich, ihre Schwester zappeln zu sehen.
»Meine Schwiegermutter ist eine Kneifzange«, sagte Juts. »Ich hätte nichts dagegen, es ihr ein bißchen heimzuzahlen.«
»Überlasse sie dem Himmel«, empfahl Tante Dimps.
»Gott ist zu lahm.«
»Julia!« Louise gab sich schockiert. Eigentlich war sie es nicht, doch sie glaubte, daß alle Anwesenden sie für tief religiös hielten. Was niemand tat; man nahm allgemein an, daß sie den Pomp und das Zeremoniell des Hochamts liebte.
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