Rita Brown - Böse Zungen

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Voller Situationskomik ist dieser neue Roman Rita Mae Browns, der in der amerikanischen Kleinstadt Runnymede spielt. Dort leben die beiden ebenso unzertrennlichen wie streitlustigen Hunsenmeir-Schwestern, die immer wieder aufs Neue für allerhand Aufruhr im Ort sorgen.Die Hunsenmeir-Schwestern sind wieder da! Und in der Kleinstadt Runnymede zerreißt man sich einmal mehr herzerwärmend das Maul. Denn: Die ebenso unzertrennlichen wie streitlustigen Schwestern Wheezie und Juts, bekannt aus "Jacke wie Hose" und "Bingo", treiben es wie gewohnt bunt...
Bei Kaffee und Kuchen sitzen die beiden in Cadwalder's Drugstore. Doch bald geraten sie darüber, ob ein grauenhaftes Ereignis in Wheezies Leben (ihr vierzigster Geburtstag) geheim bleiben soll, in ein gnadenloses Handgemenge, bei dem das halbe Lokal zu Bruch geht. Um den Schaden ersetzen zu können, werden die Schwestern unternehmerisch tätig und eröffnen einen Schönheitssalon - bekanntlich ein Ort intimer Geständnisse und äußerster Diskretion. Diskretion? Bald dringt von dort allerhand interessanter Klatsch an die lauschenden Ohren der Mitmenschen.Введите сюда краткую аннотацию

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Die erste Schneeflocke trudelte träge herab, eine Vorankündi­gung dessen, was noch kommen würde. Die Männer zogen die Plane über die Turmöffnung. Die Plane war gerollt wie eine Jalousie, aber horizontal statt vertikal. So viele Freiwillige vom Zivilen Luftschutz hatten sich einen Schnupfen geholt, weil sie vom Regen durchnäßt oder von Schnee umhüllt gewesen waren, daher hatte Chessy die Plane angebracht. Jetzt konnte man, wenn Flugzeuge schlechtem Wetter trotzten, in der Sekunde, da man sie hörte, die Plane zurückrollen und den Suchscheinwerfer einschalten. Der zweite Mann konnte die Sirene ankurbeln. Sie setzten sich wieder vor den Heizofen. Der Schnee wurde dich­ter. Als der Wind zunahm, schwankte der Turm leicht.

»Mein Gott, Chessy.«

»Wird schon halten.«

»Erst versuchst du, mich tiefzukühlen, und jetzt werde ich un­ter einer Masse von Brettern begraben, mit einem dicken Such­scheinwerfer als Grabstein.«

»Nein, wir können den Scheinwerfer runterrollen, dann kracht er auf St. Rose.«

Pearlie lachte. Er schwieg eine Weile, bevor er sagte: »Du hast Glück, mein Lieber.«

»Hm?« Chesters blonde Bartstoppeln sprießten.

»Dienstags abends bei deiner Mutter.« Er hielt inne. »Und hin und wieder Schicht bei der Feuerwache, damit es unverfänglich aussieht.«

Der Schein beleuchtete Chesters erstauntes Gesicht; »Ich be­suche tatsächlich dienstags meine Mutter.«

»Sie ist nicht die Einzige, die du besuchst.«

Chester spannte seine Gesichtsmuskeln an. Als er schließlich sprach, war seine Stimme so leise, daß man fast die Schneeflocken auf die Plane fallen hören konnte. »Nein. Ich nehme Tanz­stunden. Ich möchte Juts überraschen.«

»Das dürfte dir gelingen.«

»Komm, Pearlie.«

»Ich bin kein Blödmann. Ich bin auch kein Richter. So was passiert eben. Ich sag dir bloß, daß du Glück hast. Deine Frau und deine Mutter können sich nicht riechen, also werden sie sich nicht austauschen, aber das heißt nicht, daß nicht irgend­wann eine Panne passiert.«

»Ich sagte doch, ich nehme Tanzstunden.«

»Herrgott, Chester.« Pearlie funkelte ihn wütend an.

Ein leiser Seufzer, ein Stöhnen entfuhr Chester, der die Kälte jetzt arg spürte. »Ich weiß nicht, wie ich da reingerutscht bin.«

»Ich schon. Wir sind beide mit Frauen verheiratet, die lieber Befehle erteilen als entgegennehmen.« Paul zog eine Grimasse, die sich dann in einem Lächeln auflöste. »Ich könnte Louise umbringen. Wenn ich jedes Mal, da ich ihr den Hals umdrehen will, fünf Cent bekäme, wäre ich reicher als alle Rifes zusam­men, aber.« Er zuckte die Achseln. »Ich habe zwei tolle Kin­der. Ich hätte nie gedacht, daß ich.« Er hielt inne, weil er seine Liebe zu seinen Kindern nicht beschreiben konnte. »Und ich liebe Louise sogar, wenn ich sie hasse. Verrückt.«

»Ich hätte nie gedacht, daß es so sein würde - das Leben.«

»Mein Problem ist, ich habe überhaupt nie gedacht.« Paul sah seinem besten Freund in die Augen. »Jetzt denke ich. Ich denke für meine Familie. Ich denke, daß ich meine Töchter nicht be­schützen kann, wenn sie die falschen Männer heiraten. Ich kann nicht mal meine Frau beschützen, wenn wir bombardiert wer­den. Und ich denke für dich, Mann. Du denkst, wir sind schon mitten im Unwetter - da hast du dich aber schwer geschnitten.«

»Was soll ich denn tun?«

»Liebst du sie?«

Chester stützte den Kopf in die Hände. »Ja.«

»Mist.«

»Es ist einfach passiert. Sie hält mich für das Beste seit Erfin­dung des Schnittbrots. Ich kann ihr nicht wehtun, Paul, ich kann nicht.«

»Es wird allen wehtun, nicht nur ihr. Wenn du jetzt mit ihr Schluß machst, wird es nicht so schlimm, wie wenn du wartest - es sei denn, du willst dich von Juts scheiden lassen.«

Er zwang sich zu einem Lächeln. »Sie würde mich umbrin­gen.«

»Liebst du sie noch?«

»Ja, aber anders.«

»Die wilde Anfangsphase, das ist wie ein Rausch. Am Anfang konnte ich meine Finger nicht von Wheezie lassen.

Das gibt sich. Aber ich liebe sie. Wir haben gemeinsam einen weiten Weg zurückgelegt. Ich kann mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen.« Er legte Chester seine Hand auf die Schulter. »Du mußt Verantwortung übernehmen. Wie gesagt, ich bin kein Richter. Wenn du eine Flamme in Baltimore oder York hättest, würdest du vielleicht damit durchkommen, aber in Runnyme­de?« Er schüttelte den Kopf.

45

Die leuchtenden Nagellackfarben hoben sich von dem dumpfen Grau draußen ab. Juts hatte eine Vorliebe für knallige Rottöne. Viele Kundinnen liebten Pastellfarben oder gar Mauve. Mauve empfahl sie immer den Damen, die ihre Haare blau tönten. Toots, die ein Gespür für Farben besaß, hatte noch keiner Kun­din jenen Lavendelton verpaßt, der bei Junior McGrail und ihrer Generation so beliebt war. Louise und Juts hatten da keine Skrupel. Manche Damen wünschten es eben.

Junior McGrail war gestorben, und ihr Sohn Rob war am Bo­den zerstört. In kurzer Zeit ließ er den Schönheitssalon für an­spruchsvolle Damen verkommen. Zu Robs Verteidigung sei gesagt, daß er wenig Neigung bewies, Haare blau zu tönen, zu bleichen und zu wickeln. Digby Vance verschaffte ihm eine Stelle als stellvertretender Kapellmeister, was ihm wieder etwas Halt gab.

Tante Dimps hatte den Salon gemietet und in ein Blumenge­schäft verwandelt. Sie ließ sich wohlweislich von Dingledines beliefern, obwohl sie etwas teurer waren als die Blumenverstei­gerungen in Baltimore. Dafür schickten sie ihr viele Kunden.

Die Klatschzentrale quoll über von Nachrichten von Söhnen, Ehemännern und Freunden im Ausbildungslager. Vaughn Cad­walder hatte bei der Abschlußprüfung als bester seiner Einheit abgeschnitten. Darunter standen so aufregende Dinge wie »Or­rie versteht nicht, wie irgend jemand in Washington, D.C. Auto fahren kann. Noe wurde zum Hauptmann ernannt und arbeitet rund um die Uhr.« Schließlich wurden in die rechte untere Ecke mit pfirsichfarbener Kreide Mitteilungen gekritzelt: »Fluffy hat sechs süße Kätzchen. In gute Hände abzugeben. Patsy Bon­Bon.«

»Ich hab den Winter so satt«, klagte Mary Miles. »Harold nimmt jeden Winter sechs Kilo zu. Die Knöpfe springen von seinem Hemd, und wenn ich ihm taktvoll vorschlage, seinen Appetit zu zügeln, sagt er, das mußt ausgerechnet du sagen. Ich finde mich nicht dick.«

Juts massierte M. M.s Hände mit einer lindernden Lotion; in der trockenen Luft der Häuser wurden Hände und Lippen rissig. »Du warst nie dick.«

Mary Miles strahlte. »Du auch nicht.«

»Weil ihr nie Kinder hattet.« Wheezie beteiligte sich an dem Gespräch, während sie Tante Dimps' Locken schnitt. »Ich war dick wie eine Tonne, und ich habe ein ganzes Jahr gebraucht, bis ich das wieder los war. Ich weiß nicht, wann ich mich je so mies gefühlt habe.«

»Oh, da fallen mir etliche Male ein«, bemerkte Julia trocken.

»Deinetwegen«, schoß Wheezie zurück.

»Ich erinnere mich, wie ihr zwei bei einer Parade am 4. Juli um ein Haar die ganze Stadt in Brand gesteckt hättet.« Mary Miles lachte.

»Das ist so lange her, das hatte ich ganz vergessen«, tat Loui­se das Thema nonchalant ab.

»Komisch, wir nicht.« Tante Dimps kicherte. »Es war 1912, und Donald und ich waren frisch verliebt.« Donald war Dimps' verstorbener Mann. Er war bei einem entsetzlichen Zugunglück nördlich von Philadelphia ums Leben gekommen.

»Das kann doch nicht so lange her sein.« Louise vermied es, die Jahreszahl auszusprechen.

»Also, nach deinen Berechnungen warst du 1912 noch gar nicht auf der Welt.« Juts hielt den Blick fest auf Mary Miles' Daumen gerichtet.

»Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.« Wheezie hob trotzig das Kinn.

»Wirf jetzt bloß nicht mit Sprichwörtern um dich. Es war 1912, und Idabelle McGrail, Juniors Mutter, ging vor unserem Festwagen her und spielte auf ihrem Akkordeon America the Beautiful<. Ihr Sohn und ihr Enkel haben ihr mu­sikalisches Talent geerbt.«

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