»Hier.« Trudy bekam eine Tasse Kaffee.
»Guten Morgen, beisammen.« Senior Epstein wickelte sich den Wollschal vom Hals. »Ist es zu fassen, daß die Japsen Singapur eingenommen haben?«
Jacob Epstein, ein mitteilsamer Mann mit durchdringender Stimme, nannte sich selbst Senior, seit er einen Sohn hatte. Er gehörte zu den Menschen, die man einfach gern haben mußte. Er begrüßte alle, ließ sich auf einem Hocker an der Theke nieder und bestellte French Toast. Seine Frau war vor drei Jahren an Leukämie gestorben, und Jacob nahm seine Mahlzeiten meistens in Restaurants ein. Er fing gerade an, sich wieder nach Frauen umzusehen, und was er an Trudy Archer sah, gefiel ihm.
Als er sich mit Louise und Juts über den Dienst beim Zivilen Luftschutz unterhielt, bemerkte er Trudys Ohrringe. Rasch warf er einen Blick auf Juts' Ohren. Keine Ohrringe. Er sah Juts' Armband, als sie für einen Moment den Arm hob, um zu essen. Die goldenen Kettenglieder wurden unter ihrem Pulloverärmel sichtbar. Augenblicklich erfaßte Epstein die Situation, denn dies waren die einzigen goldenen Muschelohrringe, die er vor Weihnachten in seinem Geschäft gehabt hatte. Er wurde knallrot.
»Senior, geht es Ihnen nicht gut?«, fragte Harper, jederzeit bereit, seine Erste-Hilfe-Manöver anzuwenden.
»Doch, doch«, murmelte der dunkelhaarige Mann.
Als sie hinausgingen, beugte sich Louise zu ihrer Schwester. »Hast du gesehen, wie Senior Trudy angestarrt hat? Mmm, Mmm.«
Juts nickte. »Das Feuer kann man verbergen, aber was macht man mit dem Rauch?«
Buster drehte sich dreimal im Kreis und ließ sich dann ans Fußende des Bettes fallen. Yoyo hatte sich schon unter der Bettdecke verkrochen, und als Juts, deren Füße vom kalten Fußboden eisig waren, ins Bett schlüpfte, knabberten kräftige Fangzähne an ihren Zehen.
»Yoyo, laß das, ich mag das nicht.«
Chessy rief aus dem Badezimmer: »Hast du denn den Knubbel unter der Zudecke nicht gesehen?«
»Ich suche in meinem Bett nicht nach Murmeltieren.« Juts schauderte. »Yoyo, komm hierher.«
Diese Aufforderung wurde mit einem trotzigen Miauen beantwortet. Juts zog sich die Decke über den Kopf und robbte zu der Katze. Sie wollte die Decke nicht abwerfen, da es zu kalt war. Der heulende Wind hatte die Winterkälte in jede Ritze des alten Hauses getragen.
Chester kam aus dem Bad und erblickte einen Berg unter der Zudecke. »Juts, was hast du der Katze zu fressen gegeben?«
Yoyo fand das gar nicht komisch. Sie liebte das Fußende des Bettes nicht nur, weil es warm war, sondern auch, weil Buster nicht unter die Decke kriechen konnte. Das Winseln, das er von sich gab, wenn sie unter den Laken verschwand, war Musik in ihren Ohren.
»Sie will nicht rauskommen. Sie entwischt mir, wenn ich sie fassen will, das raffinierte Stück.«
Chessy zog die obere Kommodenschublade auf, ein Hort für Katzenminze, Schlüsselketten, Kleingeld und Krawattenhalter auf seiner Seite, für Haarklämmerchen, Taschentücher und verzierte Haarspangen auf Juts' Seite. Er klapperte mit dem Deckel einer kleinen Hornschachtel. Yoyo verharrte und wägte die Situation ab: Entweder sie ließ sich Juts' ungeschickte Versuche, sie herauszuziehen, gefallen, oder sie kam freiwillig heraus und wurde mit Katzenminze belohnt. Sie entschloß sich zu Letzterem und schoß unter der Bettdecke hervor.
»Na also, du Rattengewitter.«
Buster öffnete neiderfüllt ein Auge und seufzte.
Chessy zerkrümelte ein paar leckere Katzenminzeblätter auf dem Fußende des Bettes, während Yoyo mit vor Vorfreude zuckenden Schnurrhaaren zusah. Als das letzte Blatt auf die Zudecke fiel, stürzte sie sich auf den berauschenden Leckerbissen.
Chessy schlüpfte unter die Decke und sah Yoyo bei ihren Kaspereien zu. Von ihrer Raserei erschöpft, ließ sie sich auf die Seite plumpsen, schnippte sacht mit dem Schwanz und atmete voll reiner, tiefer Wonne aus, ehe sie die Augen schloß.
»Es muß wunderbar sein, eine Katze zu sein«, sagte Chester.
»Diese Katze auf jeden Fall.« Juts kuschelte sich an ihn, um sich zu wärmen. »Schatz, wer hat heute Nacht Dienst?«
»Lillian und Caesura, glaube ich.« Er sah zum Fenster, das mit einer Eisschicht überzogen war. »Da draußen ist es arschkalt.«
»Wheezer und ich sind letzte Nacht fast erfroren, und heute ist es noch schlimmer. Nicht, daß ich Caesura nicht ein Quentchen Qualen wünsche, aber vielleicht nicht eine ganze Nacht. Schließlich ist sie nicht mehr die Jüngste.«
Chester stieg aus dem Bett und schob die Füße in seine abgetragenen Lederschlappen. »Pearlie hat Dienst bei der Feuerwache. Ich ruf ihn mal an.«
Als er wiederkam, fragte Juts: »Und?«
»Er geht jede Stunde raus, nach den Mädels sehen. Wir haben den Heizofen da oben.«
Juts unterbrach ihn: »Man muß sich direkt draufsetzen, um was zu fühlen. Ich kann die Kerosindämpfe nicht ausstehen.«
»Ich auch nicht, aber was Besseres haben wir nicht.«
»Es ging so lange gut, bis meine Hände und Füße blau anliefen. Wir konnten uns nicht mal streiten, so haben wir gefroren.«
Seine Augen blitzten. »Wer lange friert.«
»Hm?«
»Nichts. Schatz, gegen das Wetter kann ich nun mal nichts machen. Ich kann mich an keinen so ekelhaft kalten Winter erinnern. Vielleicht werde ich alt.«
»Wirst du nicht. Du bist sechs Monate jünger als ich.«
»Ich weiß nicht, was wir sind. Wir sind nicht mehr jung. Wir sind nicht direkt mittelalt, und alt sind wir erst recht nicht.« »Komisch, nicht?« Sie wartete einen Moment, dann schluckte sie und räusperte sich. »Chess, ich möchte ein Kind.«
Er schwieg einen Augenblick. »Ich auch, aber es hat eben nicht so geklappt, wie wir's geplant hatten.«
»Hm. ich war bei Doc Horning. Er sagt, bei mir sei alles in Ordnung. Ich möchte, daß du dich untersuchen läßt.«
»Ich kann Ärzte nicht ausstehen.«
»Die Zeit läuft uns davon. Ich bin sechsunddreißig.«
»Tja.« Er brach ab.
»Tu's für mich. Du mußt es ja niemandem erzählen. deiner Mutter schon gar nicht. Alles, was sie hervorgebracht hat, ist vollkommen, und damit bist du gemeint. Aber irgend etwas scheint nicht ganz zu funktionieren, verstehst du, was ich meine? Schatz?«
»Hm.«
»Du schiebst es auf die lange Bank. Laß dich untersuchen, Chester. Und wenn das Ergebnis schlecht ist, wissen wir wenigstens, was wir tun können.«
»Was können wir tun?«
»Adoptieren.«
»Ich weiß nicht.«
»Ich will ein Kind, und es ist mir egal, wie ich drankomme.«
»Mir nicht.«
»Dann geh zum Arzt.«
»Ich wünschte, deine Schwester würde die Klappe halten«, murmelte er.
»Louises Mundwerk wird auch ihren Tod noch überleben, aber hiermit hat sie nichts zu tun.«
»Hat sie wohl. Sie reibt es dir bei jeder Gelegenheit unter die Nase. Sogar ich habe ihr Gewäsch von wegen wahre Mutter< satt.«
»Auf alle Fälle brauche ich ein Kind, damit sie die Farm nicht ganz allein für sich kriegt.« Juts meinte dies nur halb im Scherz.
Chessy rieb sich das Kinn. »Deine Mutter würde Bumblebee Hill nie Louise allein vermachen. Keine Bange.«
»Und wenn Hansford zustimmt? Sein Name steht auf der Urkunde.« »Wird er nicht. Er mag Louise nicht besonders. Ihre Bettelei, die Farm doch den Enkelkindern zu vererben, macht keinen Eindruck auf ihn.«
Juts kicherte. »Sie ist ziemlich gräßlich zu ihm. Gestern hat sie gesagt, sein Bart sähe aus wie ein altes Vogelnest. Und das vor allen Leuten.«
»Wo war das?«
»Im Laden. Er ist vorbeigekommen.«
»Gut, daß deine Schwester in einer Stadt lebt, wo jeder jeden und seine Mucken kennt.«
Juts schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Mucken. Louise schon. Ich bin normal.« Er lachte. Dann bat sie ihn noch einmal leise: »Chester, gib mir dein Wort, daß du vor Ende des Monats zu Doc Horning gehst.«
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