»Louise, das halten wir höchstens zehn Minuten aus. Chessy braucht hier doch bloß ein paar Bretter anzubringen, verstehst du?«
»Und woher nehmen wir das Geld?«
»Wir brauchen keins. Er kann Walter Falkenroth um überschüssiges Holz bitten. Es fällt immer etwas ab. Es wird uns Lattenwerk und etwas mehr Farbe kosten, aber dann haben wir einen Platz, wo wir ungestört sind.«
»Wozu willst du ungestört sein?«
»Um eine Zigarette zu rauchen, ein Bier zu trinken und Solitär zu spielen.«
Louise sprach ein Machtwort. »Du wirst während der Arbeitszeit nicht trinken.«
»Sei nicht so pingelig.«
»Ich werde es nicht dulden. Was das Rauchen angeht, die Zigarette klebt dir ja an den Lippen. Zum Qualmen brauchst du kein Hinterzimmer.«
»Ich habe mir zufällig gerade eine angesteckt, aber ich rauche nicht so viel, wie du behauptest. Außerdem tut es gut, sich unbeobachtet hinzusetzen, einen Zug zu nehmen und eine Tasse heißen Kaffee zu trinken.«
»Hm.« Louise dachte darüber nach. »Aber nur, wenn Chessy das Holz umsonst kriegt.«
»Gut.« Julia klatschte in die Hände, worauf beide Hunde zu ihr gelaufen kamen. »Verzeihung, Jungs.« Sie setzten sich wieder hin. »Wir müssen Harmons Frau die Haare umsonst schneiden und mal sehen - wem noch?«
»Warum?«
»Weil er Extra Billy und Mary ins Gefängnis hätte stecken können, darum. Wheezer, bist du krank oder so was? Du hast heute eine lange Leitung.«
»Ich bin geschlaucht.« »Ich wäre auch geschlaucht, wenn meine Tochter mit einer Niete durchbrennen würde. Den Revolver abzufeuern war auch nicht ihre Sternstunde.«
»Sie ist reizbar.«
»Reizbar? Sie ist reif für die Klapsmühle!«
»Julia, am Verstand meiner Tochter gibt es nichts auszusetzen.«
»Jetzt schon.«
»Gewöhnlich verteidigst du sie immer.« Ein Anflug von Unmut schlich sich in Louises Stimme.
»Nein, ich sage dir bloß, du sollst die Sache mit Extra Billy einfach schleifen lassen. Je mehr sie mit ihm zusammen ist, desto eher wird sie ihn als das sehen, was er ist, nämlich einen äußerst attraktiven Gassenjungen.«
»Sie ist nicht deine Tochter.«
»Fangen wir nicht wieder damit an. Wir sind beide müde. Wir haben noch einen Monat, um alles fertig zu stellen. Ich versuche einen Salon aufzutreiben, der sein Geschäft aufgibt. Vielleicht können wir billig an die Einrichtung kommen. Ich habe ein paar Läden in Baltimore angerufen, und sie haben versprochen, zurückzurufen, wenn sie etwas hören. Vielleicht kannst du mit York und Hagerstown telefonieren, damit die Ferngespräche nicht alle über meine Leitung laufen. Chester ist immer noch sauer wegen der ganzen Geschichte.«
»Er wird drüber wegkommen. Sag mal, hast du Rillma Ryan gestern am Bahnhof gesehen? Ich bin ihr begegnet, als ich von Mom kam. Sie sah so hübsch aus, so ganz herausgeputzt. Stell dir vor, eine Anstellung in Washington.«
»Ja, wenn ich nicht verheiratet wäre, würde ich auch hingehen. Überall Männer!«
Louise würde eher sterben als zugeben, daß sie das Leben an sich vorüberziehen fühlte. Bisher hatte sie das nie gekümmert, doch in letzter Zeit flog ihr der Gedanke durch den Kopf wie einer dieser Doppeldecker, die ihre Reklamebänder über dem Strand von Atlantic City hinter sich herzogen. Man wußte nie, wann sie kamen. Man hörte ein Dröhnen, und schon tauchten sie direkt hinter der Küste auf, und der Pilot winkte einem zu. Auf Louises Spruchband stand: »Du wirst alt. Wie lange hast du noch?«
»Julia.?«
»Was?«
»Nichts.«
»Wie wäre es, wenn wir es bis hierhin in einem tiefen Rotton streichen, hier eine Stuhlleiste anbringen und darüber mit Weiß weitermachen?«
»Das sieht ohne Täfelung albern aus, und jetzt sag bloß nicht, daß du die Täfelung umsonst kriegst, Julia; ich bin schließlich nicht von gestern.«
»Ich hab gar nichts gesagt.« Juts blickte aus dem Fenster, entdeckte Mary auf der anderen Straßenseite und sah auf die Uhr. »Wieso ist Mary um halb zwei nicht in der Schule?«
»Was?« Louises Blick folgte Juts' Zeigefinger. »Das finde ich gleich heraus.« Sie schritt forsch zur Tür, öffnete sie und rief hinaus: »Mary, wieso bist du nicht in der Schule?«
»Wir durften heute früher gehen, Mom.« Mary überquerte die Straße. »Ich bin nach Hause gegangen, aber du warst nicht da, und da bin ich hergekommen.«
»Warum durftet ihr früher gehen?« Louise war mißtrauisch.
»Der Heizkessel ist kaputtgegangen, also haben sie uns nach Hause geschickt, bevor es zu kalt wurde. Es sind bloß sieben Grad. Du kannst ja Mrs. Grenville anrufen und dich vergewissern«, antwortete sie trotzig.
»Wenn du schon mal da bist, kannst du dich auch nützlich machen.« Louise überging diese Provokation.
»Deswegen bin ich hier.«
»Wo ist deine Schwester?«
»Sie ist unterwegs. Ich hab ihr gesagt, sie soll Sachen mitbringen.«
Gleich darauf kam Maizie mit zwei schweren Eimern um die Ecke geschlurft.
»Du hättest ihr helfen können.«
Ohne zu antworten, lief Mary schnell nach draußen und nahm ihrer überforderten Schwester einen Eimer ab.
Juts spähte in die Eimer, als die Mädchen hereinkamen. »Band, Kreide, Hämmer, Nägel, oh, hier ist ein aufklappbarer Zollstock, das ist besser als unser Maßband.«
Louise drehte den Thermostat an der Wand höher. »Es wird ziemlich kalt.« In den alten Heizkörpern blubberte es. »Wir müssen die Heizkörper entlüften.«
Juts schnappte sich Band und Kreide und markierte den Platz auf dem Fußboden, wo die Schränkchen stehen sollten.
»Mary, war das deine Idee - zu helfen?«
»Ja, Mutter.« Mary schenkte ihr ein breites, liebliches Lächeln.
Yoyo stand seit ihrer Osterandacht unter Hausarrest. Mit halb geschlossenen Augen saß die Katze im Fenster. Busters Bellen, als er um die Ecke bog, trieb sie von der Fensterbank zur Tür. Juts war jedoch mit dem einen oder anderen Katzentrick vertraut, bückte sich also, kaum daß sie die Tür geöffnet hatte, und packte die gewiefte Ausreißerin, bevor auch nur eine Pfote die Schwelle überschreiten konnte.
»Hab ich dich.«
Yoyo miaute entrüstet, ließ es sich aber gefallen, daß Juts sie auf ihre Schulter setzte und ihr den Rücken klopfte, als wäre sie ein Baby. Sie hielt ihr Schnurren zurück, bis sie das Huhn in der Tüte roch, die Juts in der rechten Hand trug.
Julia auf den Fersen folgte Mary, die rasch die Tür schloß. Auch sie trug eine Tüte mit Lebensmitteln.
»Tante Juts, wo soll ich die Sachen hinstellen?«
»Auf den Küchentisch.«
Sie packten die Lebensmittel aus, dann zerteilte Juts das Huhn und schrubbte sorgfältig jedes Fleischstück, bevor sie es auf ein Blatt Wachspapier legte. Das Wachspapier war mit Mehl und Gewürzen bestreut, die sie für ihr Brathuhn zusammengemischt hatte. Auf der Anrichte lagen zwei braune Eier, die sie aufschlug. Sie wälzte die Hühnerteile in Ei, zog sie dann durch das Mehl und die Gewürze. Brathuhn war ihre Spezialität.
Yoyo sah zu, und ihre Schnurrhaare zuckten von Zeit zu Zeit, so verführerisch war der Duft. Der Hund stand wie gebannt auf dem Küchenboden und verfolgte jeden Handgriff.
Da die Mädchen früher aus der Schule gekommen waren, hatte Juts Mary gebeten, ihr zu helfen; Maizie war bei Louise geblieben.
»Mach das Radio an, ich hab nasse Hände.«
»Mach ich, Tante Juts.« Mary drehte den linken Knopf des kleinen Radiogerätes, dessen Holzgehäuse einer Kathedrale nachempfunden war. Es stand unter der alten Uhr. Das große Radio zierte das Wohnzimmer.
Die Smiths besaßen nicht viel, doch ihre Musik liebte Julia. Der hölzerne Küchentisch hatte eine weiße Keramikplatte mit schmalen rosa Streifen. Die Fußböden bestanden aus unebenen Eichenbohlen. Die Schränke waren gelb mit runden roten Emaillegriffen. Weiße Gardinen mit einem roten Teekannenmuster hingen an den Fenstern. Eine große, luftige Vorratskammer half, in der Küche Ordnung zu halten; denn wie bei ihrer Schwester und ihrer Mutter mußte bei Juts immer alles tipptopp sein. Wenn Chester nach Hause kam und seine Jacke über die Lehne eines Küchenstuhls hängte statt an einen Haken im Windfang, bekam er umgehend etwas zu hören. Alle Hunsenmeirs waren verbissen reinlich.
Читать дальше