»Bald sind es zwei Jahre her, seit sie uns verlassen hat«, sagte er mit einer Trauer, die in die Luft schnitt.
Bedrückt schaute ich zu Boden. Es könnten auch hundert Jahre vergehen, und Nuria Monforts Tod würde in meiner Erinnerung ebenso überdauern wie die Gewissheit, dass sie vielleicht noch am Leben wäre, wenn sie mich nie kennengelernt hätte. Isaac liebkoste das Bild mit dem Blick.
»Ich werde alt, Sempere. Es wird allmählich Zeit, dass jemand meinen Platz einnimmt.«
Eben wollte ich dagegen Protest erheben, als mit gehetztem Gesichtsausdruck Fermín eintrat, so keuchend, als hätte er soeben einen Marathonlauf absolviert.
»Na?«, sagte Isaac. »Wie finden Sie’s?«
»Herrlich. Obwohl ich feststelle, dass es keine Toilette gibt. Wenigstens nicht in Sichtweite.«
»Ich hoffe, Sie haben nicht in eine Ecke gepinkelt.«
»Mit übermenschlicher Anstrengung habe ich es bis hierher geschafft.«
»Die Tür hier links. Sie müssen zweimal spülen, beim ersten Mal klappt’s nie.«
Während Fermín seinen Urin abschlug, schenkte ihm Isaac eine dampfende Tasse ein.
»Ich habe eine ganze Reihe Fragen, die ich Ihnen gern stellen würde, Don Isaac.«
»Fermín, ich glaube nicht, dass…«
»Nur zu, fragen Sie.«
»Der erste Block hat mit der Geschichte dieses Orts zu tun. Der zweite ist technischer und architektonischer Natur. Und der dritte grundsätzlich bibliographisch…«
Isaac lachte. Ich hatte ihn mein Lebtag noch nie lachen sehen und wusste nicht, ob das ein Zeichen des Himmels oder die Ankündigung einer drohenden Katastrophe war.
»Zuerst werden Sie das Buch aussuchen müssen, das Sie retten wollen.«
»Ich habe ein paar ins Auge gefasst, dann habe ich mir aber erlaubt, das da zu wählen, und sei es nur aus sentimentalen Gründen.«
Er zog einen in rotes Leder gebundenen Band mit Relief-Goldprägung und dem Stich eines Totenkopfs auf dem Umschlag aus der Tasche.
»Oho, Die Stadt der Verdammten, dreizehnte Episode: Daphne und die unmögliche Treppe , von David Martín…«, las Isaac.
»Ein alter Freund«, erklärte Fermín.
»Was Sie nicht sagen. Denken Sie nur, es gab eine Zeit, wo ich ihn oft hier sah.«
»Das muss vor dem Bürgerkrieg gewesen sein«, bemerkte ich.
»Nein, nein, einige Zeit danach.«
Fermín und ich schauten uns an. Ich fragte mich, ob Isaac tatsächlich recht hatte damit, dass er langsam zu alt war für seine Stelle.
»Ich möchte Ihnen ja nicht widersprechen, Chef, aber das ist unmöglich«, sagte Fermín.
»Unmöglich? Sie werden sich deutlicher ausdrücken müssen.«
»David Martín ist vor dem Bürgerkrieg aus dem Land geflohen«, erklärte ich. »Anfang 1939, gegen Ende der Kampfhandlungen, kam er über die Pyrenäen zurück und wurde nach wenigen Tagen in Puigcerdá verhaftet. Er hat bis weit ins Jahr 1940 hinein im Gefängnis gesessen, und dann wurde er umgebracht.«
Isaac schaute uns verdutzt an.
»Sie dürfen ihm glauben, Chef«, beteuerte Fermín. »Unsere Quellen sind glaubwürdig.«
»Ich kann Ihnen versichern, dass David Martín hier auf diesem Stuhl gesessen hat wie jetzt Sie, Sempere, und dass wir uns eine Weile unterhalten haben.«
»Sind Sie sicher, Isaac?«
»Ich bin mir in meinem ganzen Leben keiner Sache so sicher gewesen. Ich erinnere mich deshalb, weil ich ihn seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er war übel zugerichtet und sah krank aus.«
»Können Sie sich noch an das Datum erinnern?«
»Ganz genau. Es war die letzte Nacht des Jahres 1940. Silvester. Da sah ich ihn zum letzten Mal.«
Fermín und ich verloren uns in Rechnereien.
»Das bedeutet, dass dieser Gefängniswärter, Bebo, recht hatte mit dem, was er Brians erzählte. In der Nacht, in der Valls ihn in das alte Haus beim Park Güell fahren und umbringen ließ… Bebo erzählte, nachher habe er die beiden Typen sagen hören, etwas sei dort geschehen, es sei noch jemand in dem Haus gewesen… Jemand, der Martíns Tod verhindern konnte…«, phantasierte ich.
Bestürzt hörte sich Isaac diese krause Geschichte an.
»Wovon sprechen Sie? Wer wollte Martín umbringen?«
»Das ist eine lange Geschichte«, sagte Fermín. »Mit tonnenweise Randbemerkungen.«
»Da bin ich ja gespannt, ob Sie sie mir eines Tages erzählen…«
»Hatten Sie den Eindruck, Martín sei bei klarem Verstand gewesen, Isaac?«, fragte ich.
Der alte Aufseher zuckte die Schultern.
»Bei Martín wusste man nie… Dieser Mann hatte eine gequälte Seele. Als er ging, wollte ich ihn zum Zug begleiten, aber er sagte, draußen warte ein Auto auf ihn.«
»Ein Auto?«
»Nichts weniger als ein Mercedes-Benz. Eigentum eines Mannes, den er als den Patron bezeichnete und der ihn offenbar vor der Tür erwartete. Doch als ich mit ihm hinausging, war da weder ein Auto noch ein Patron, noch sonst was…«
»Nehmen Sie es mir nicht übel, Chef, aber an Silvester und in Feierstimmung, könnte es da nicht sein, dass Sie mit dem Wein und Champagner etwas über die Stränge geschlagen haben und sich, betäubt durch die Weihnachtslieder und den hohen Zuckergehalt des Jijona-Turrons, all das nur eingebildet haben?«, forschte Fermín.
»Was das Kapitel Kohlensäure betrifft, so trinke ich nur Limonade, und der billigste Fusel, den ich hier habe, ist eine Flasche Wasserstoffperoxid«, stellte er klar, ganz offensichtlich nicht beleidigt.
»Entschuldigen Sie die Nachfrage. Reine Formalität.«
»Ja. Aber Sie dürfen mir glauben, wenn ich Ihnen sage, dass — außer der Besucher jener Nacht war ein Geist, was ich nicht glaube, denn er blutete aus einem Ohr, und seine Hände zitterten, und überdies klaute er mir aus der Speisekammer den ganzen Würfelzucker — Martín so lebendig war wie Sie beide und ich.«
»Und er hat nicht gesagt, wozu er nach so langer Zeit herkam?«
Isaac nickte.
»Er sagte, er wolle etwas hierlassen, was er wiederholen werde, sobald er könne. Er selbst oder jemand, den er dann schicke…«
»Und was hat er dagelassen?«
»Ein verschnürtes Paket. Ich weiß nicht, was drin war.«
Ich schluckte.
»Und haben Sie es noch?«, fragte ich.
Das aus dem hintersten Winkel eines Schranks geklaubte Paket lag auf Isaacs Schreibtisch. Als ich mit dem Finger darüberstrich, stieg eine Staubwolke auf, deren Partikel im Licht von Isaacs Öllampe links von mir zu brennen schienen. Zu meiner Rechten packte Fermín sein Federmesser aus und reichte es mir. Alle drei schauten wir uns an.
»Lassen wir uns also überraschen«, sagte Fermín.
Ich durchschnitt mit dem Messer die Schnur und blätterte vorsichtig das Packpapier auf, bis der Inhalt sichtbar wurde. Ein Manuskript. Die Seiten waren schmutzig, voller Wachs- und Blutspuren. Die erste Seite zeigte den in diabolischer Schrift gezeichneten Titel.
Das Spiel des Engels
Von David Martín
»Das ist das Buch, das er geschrieben hat, als er im Turm eingesperrt war«, flüsterte ich. »Bebo hat es ganz offensichtlich gerettet.«
»Darunter ist noch was, Daniel…«, sagte Fermín.
Eine Pergamentecke lugte unter dem Manuskriptpacken hervor. Ich zog daran, und es erschien ein Umschlag, der mit einem scharlachroten Engel versiegelt war. Auf der Vorderseite ein einziges Wort in roter Tinte:
Daniel
Ich spürte, wie Kälte in meine Hände drang. Isaac, erstaunt und fassungslos, zog sich still zur Schwelle zurück, gefolgt von Fermín.
»Daniel«, sagte dieser sanft, »wir lassen Sie in Frieden, damit Sie in aller Ruhe und Ungestörtheit das Kuvert öffnen können.«
Ihre Schritte entfernten sich langsam, und ich konnte eben noch den Anfang ihres Gesprächs aufschnappen.
»Hören Sie, Chef, ob dieser ganzen Aufregung habe ich ganz vergessen, zu sagen, dass ich vorhin, als ich hereinkam, nicht umhinkonnte, Sie sagen zu hören, Sie hätten Lust, in Pension zu gehen und die Stelle aufzugeben.«
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