»Ich mag die Leute nicht in Verlegenheit bringen. Und zudem — was sollten wir mit einer Gläser- und Löffelchengarnitur mit eingraviertem Spanienwappen und solchem Zeug anfangen?«
»Mir macht es jedenfalls Spaß, Ihnen etwas zu schenken.«
»Sie haben mir schon das größte Geschenk gemacht, das man sich vorstellen kann, Daniel.«
»Das zählt nicht. Ich spreche von einem Geschenk für den persönlichen Gebrauch und Genuss.«
Fermín sah mich neugierig an.
»Es wird doch nicht etwa eine Muttergottes aus Porzellan oder ein Kruzifix sein? Die Bernarda hat schon eine ganze Sammlung davon, so dass ich gar nicht mehr weiß, wo wir uns hinsetzen sollen.«
»Keine Bange. Es ist kein Gegenstand.«
»Aber doch nicht etwa Geld…«
»Sie wissen ja, dass ich leider keinen Cent habe. Der mit dem Kapital ist mein Schwiegervater, und der macht nichts locker.«
»Diese Spätfranquisten kleben an ihrem Geld wie die Schuppen von Kiefernzapfen aneinander.«
»Mein Schwiegervater ist ein guter Mensch, Fermín. Legen Sie sich nicht mit ihm an.«
»Ziehen wir einen Schleier davor, aber wechseln Sie jetzt nicht das Thema, wo Sie mir schon den Speck durch den Mund gezogen haben. Was für ein Geschenk denn?«
»Raten Sie.«
»Ein Posten Sugus.«
»Kalt, kalt…«
Fermín zog die Brauen in die Höhe und starb fast vor Neugier. Plötzlich begannen seine Augen zu leuchten.
»Nein… Es wurde aber auch Zeit.«
Ich nickte.
»Alles im gegebenen Moment. Jetzt hören Sie mir gut zu. Was Sie heute sehen werden, dürfen Sie niemandem erzählen, Fermín. Niemandem…«
»Auch nicht der Bernarda?«
Das erste Sonnenlicht des Tages glitt wie flüssiges Kupfer über die Gesimse der Rambla de Santa Mónica. Es war Sonntagmorgen, und die Straßen lagen still und verlassen da. Als wir in die schmale Calle del Arco del Teatro einbogen, erlosch mit unseren Schritten allmählich der grauenerregende Lichtstrahl von den Ramblas her, und sowie wir vor dem großen Holzportal standen, waren wir schon in eine Schattenstadt getaucht.
Ich stieg die paar Stufen hinan und ließ den Türklopfer niederfallen. Langsam wie die Wellen auf einem Teich verlor sich das Echo im Inneren. Fermín, in respektvolles Schweigen versunken wie ein Junge, der kurz vor seinem ersten religiösen Zeremoniell steht, schaute mich ängstlich an.
»Ist es nicht doch sehr früh, um anzuklopfen?«, fragte er. »Da wird der Chef sicher sauer.«
»Das ist nicht das Warenhaus El Siglo. Es gibt keine Öffnungszeiten«, beruhigte ich ihn. »Und der Chef heißt Isaac. Sagen Sie nichts, ehe er Sie fragt.«
Er nickte gehorsam.
»Ich sage keinen Piep.«
Zwei Minuten später vernahm ich das Ballett der Räderwerke, Rollen und Hebel, mit denen das Schloss gesteuert wurde, und ging die Stufen wieder hinunter. Das Tor öffnete sich nur eben eine Handbreit, und es erschien das Adlergesicht des Aufsehers Isaac Monfort mit seinem gewohnt beißenden Blick. Seine Augen ruhten zuerst auf mir, glitten dann über Fermín und röntgten, katalogisierten und durchbohrten diesen schließlich gewissenhaft.
»Das muss der berühmte Fermín Romero de Torres sein«, brummelte er.
»Zu Diensten — Ihnen, Gott und…«
Ich stieß ihm den Ellbogen in die Rippen, um ihn zum Schweigen zu bringen, und lächelte dem gestrengen Aufseher zu.
»Guten Tag, Isaac.«
»Gut wird der Tag sein, an dem Sie einmal nicht in aller Herrgottsfrühe anklopfen, wenn ich auf dem WC sitze, oder an einem gebotenen Feiertag, Sempere«, erwiderte Isaac. »Los, rein mit Ihnen.«
Er öffnete das Portal um eine weitere Handbreit, so dass wir hineinschlüpfen konnten. Als die Tür hinter uns zuging, hob Isaac die Öllampe vom Boden, und Fermín konnte die mechanische Arabeske dieses Schlosses studieren, das sich in sich selbst zusammenklappte wie die Eingeweide der größten Uhr der Welt.
»Da hätte es ein Dieb nicht leicht«, warf er hin.
Ich bedachte ihn mit einem mahnenden Blick, und rasch hielt er sich den Finger auf den Mund.
»Ausleihen oder zurückbringen?«, fragte Isaac.
»Eigentlich wollte ich Fermín schon lange herbringen, damit er diesen Ort persönlich kennenlernt, von dem ich ihm so viel erzählt habe. Er ist mein bester Freund und heiratet heute Mittag«, erklärte ich.
»Um Gottes willen«, sagte Isaac. »Der Ärmste. Sind Sie sicher, dass ich Ihnen hier nicht Hochzeitsasyl gewähren soll?«
»Fermín gehört zu denen, die aus Überzeugung heiraten, Isaac.«
Der Aufseher musterte ihn von oben bis unten. Fermín beantwortete diese Dreistigkeit mit einem entschuldigenden Lächeln.
»Wie mutig.«
Er führte uns durch den breiten Gang zur Öffnung der Galerie, die in den großen Saal mündete. Ich ließ Fermín ein paar Schritte vorausgehen, damit seine Augen diese mit Worten nicht zu beschreibende Vision selbst entdeckten.
Seine winzige Silhouette tauchte in das große Lichtbündel, das von der Glaskuppel oben herabfiel. Wie ein gischtender Wasserfall stürzte die Helligkeit auf die Winkel des großen Labyrinths aus Gängen, Tunnels, Treppen, Bögen und Gewölben, die aus dem Boden zu sprießen schienen gleich einem riesigen Baumstamm aus Büchern, der sich in einer unmöglichen Geometrie zum Himmel hin öffnete. Fermín blieb am Anfang eines Laufstegs stehen, der wie eine Brücke in die Basis der Struktur hineinführte, und betrachtete offenen Mundes das Schauspiel. Leise trat ich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Willkommen im Friedhof der Vergessenen Bücher, Fermín.«
Wenn jemand den Friedhof der Vergessenen Bücher entdeckte — so meine persönliche Erfahrung —, war seine Reaktion Verzauberung und Staunen. Die Schönheit und das Geheimnisvolle des Orts weckten im Besucher Stille, Kontemplation und Traumversunkenheit. Es war klar, dass es bei Fermín anders sein musste. Die erste halbe Stunde war er hypnotisiert, stürmte wie ein Besessener durch die Innereien des großen Puzzles, aus dem das Labyrinth bestand. Immer wieder klopfte er auf Strebepfeiler und Säulen, als zweifle er an ihrer Festigkeit. Er hielt sich bei Winkeln und Perspektiven auf, formte die Hände zum Fernglas und versuchte die Logik des Aufbaus zu ergründen. Beim Durchwandern der Bibliotheksspirale hielt er mit seiner beachtlichen Nase einen Zentimeter Abstand zu den zahllosen, in unendlichen Wegen aufgereihten Buchrücken, suchte Titel und katalogisierte alles, woran er vorbeikam. Beunruhigt bis besorgt folgte ich ihm mit wenigen Schritten Abstand.
Inzwischen war ich mir sicher, dass uns Isaac hochkant hinauswürfe, als ich auf einer der zwischen Büchergewölben hängenden Brücken auf ihn stieß. Zu meiner Überraschung war auf seinem Gesicht nicht nur nicht das geringste Anzeichen von Irritation zu lesen, sondern Fermíns Fortschritte bei der ersten Erforschung des Friedhofs der vergessenen Bücher brachten ihn zum Lächeln.
»Ihr Freund ist ein rechter Kauz«, sagte er.
»Das kann man wohl sagen.«
»Keine Sorge, er soll sich nach Lust und Laune bewegen, er kommt dann schon wieder von der Wolke herunter.«
»Und wenn er sich verirrt?«
»Der ist clever, wie ich sehe. Er wird sich zu helfen wissen.«
Mir war das nicht ganz geheuer, aber ich mochte Isaac nicht widersprechen. Ich begleitete ihn zu seinem Büro und schlug die Tasse Kaffee nicht aus, die er mir anbot.
»Haben Sie Ihrem Freund die Regeln schon beigebracht?«
»Fermín und Regeln sind zwei Begriffe, die nicht in denselben Satz passen. Aber ich habe ihm das Grundsätzliche resümiert, und er hat mit einem überzeugten ›Aber natürlich, wofür halten Sie mich?‹ geantwortet.«
Während mir Isaac Kaffee nachschenkte, betrachtete ich verstohlen ein Foto seiner Tochter Nuria über dem Schreibtisch.
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