Die Hand schmerzte mich, aber noch mehr schmerzte mich die Erkenntnis, dass ich Fermín enttäuscht hatte.
»Fermín, seien Sie nicht böse auf mich.«
»Da schau her, jetzt möchte der Kleine auch noch eine Medaille!«
Eine Weile schwiegen wir und schauten jeder auf seiner Seite aus dem Fenster.
»Zum Glück sind Sie gekommen«, sagte ich schließlich.
»Haben Sie wirklich gedacht, ich würde Sie alleinlassen?«
»Sie werden Bea nichts sagen, ja?«
»Wenn es Ihnen recht ist, schreibe ich der Vanguardia einen Leserbrief und schildere Ihre Heldentat.«
»Ich weiß nicht, wie mir geschehen ist, ich weiß es wirklich nicht…«
Er schaute mich streng an, dann aber entspannten sich seine Züge, und er tätschelte mir die Hand. Ich schluckte meinen Schmerz hinunter.
»Zerbrechen wir uns nicht weiter den Kopf. Ich hätte vermutlich genauso gehandelt.«
Vor der Fensterscheibe sah ich Barcelona vorübergleiten.
»Was war das für ein Ausweis?«
»Wie bitte?«
»Der Polizeiausweis, den Sie ihm gezeigt haben — was war das?«
»Der Barça-Mitgliedsausweis des Pfaffen.«
»Sie hatten recht, Fermín. Ich war ein Idiot, als ich Bea verdächtigt habe.«
»Ich habe immer recht. Das ist mir in die Wiege gelegt worden.«
Ich beugte mich den Tatsachen und schwieg; an diesem Tag hatte ich ohnehin schon genug dummes Zeug geplappert. Fermín war völlig verstummt und hatte ein nachdenkliches Gesicht aufgesetzt. Mich beunruhigte der Gedanke, ihn mit meinem Verhalten so enttäuscht zu haben, dass er nicht mehr wusste, was er zu mir sagen sollte.
»Woran denken Sie, Fermín?«
Er sah mich besorgt an.
»Ich dachte an diesen Mann.«
»Cascos?«
»Nein, an Valls. An das, was dieser Schwachkopf vorher gesagt hat. Was es bedeutet.«
»Was meinen Sie?«
Er schaute mich düster an.
»Dass es mir bisher Sorgen gemacht hat, dass Sie Valls finden wollten.«
»Und jetzt nicht mehr?«
»Da gibt es etwas, was mir noch mehr Sorgen macht, Daniel.«
»Nämlich?«
»Dass er es ist, der Sie sucht.«
Wir sahen uns schweigend an.
»Haben Sie eine Ahnung, warum?«, fragte ich.
Fermín, der sonst immer auf alles eine Antwort hatte, schüttelte langsam den Kopf und wandte den Blick ab.
Den Rest der Fahrt legten wir wortlos zurück. Zu Hause ging ich sofort in die Wohnung hinauf, duschte und schluckte vier Aspirin. Dann ließ ich die Jalousie herunter, umarmte das Kissen, das nach Bea roch, und schlief ein wie der Idiot, der ich war, nachdem ich mich noch gefragt hatte, wo die Frau stecken mochte, für die ich klaglos die Hauptrolle in der Lachnummer des Jahrhunderts übernommen hatte.
»Ich seh ja aus wie ein Stachelschwein«, sagte die Bernarda, als sie ihr verhundertfachtes Bild im Spiegelsaal des Modehauses Santa Eulalia betrachtete.
Zu ihren Füßen steckten zwei Modistinnen mit Dutzenden Nadeln das Brautkleid ab, aufmerksam beobachtet von Bea, die die Bernarda umkreiste und jede Falte und jede Naht inspizierte, als gehe es um ihr Leben. Die Bernarda, die Arme zum Kreuz gebreitet, traute sich kaum zu atmen, aber ihr Blick war gefangen von den verschiedenen Perspektiven, in denen sie in diesem sechseckigen Spiegelraum ihre Figur nach Anzeichen eines Bauches absuchte.
»Sieht man bestimmt noch nichts, Señora Bea?«
»Nichts. Platt wie ein Bügelbrett. Dort, wo es platt sein soll, natürlich.«
»Ach, ich weiß nicht, ich weiß nicht…«
Das Martyrium der Bernarda und die Anpassungs- und Taillierungsarbeit der Modistinnen dauerten noch eine weitere halbe Stunde. Als alle Stecknadeln der Welt zum Aufspießen der armen Braut aufgebraucht schienen, machte hinter dem Vorhang hervor der Starschneider des Hauses und Schöpfer des Stücks seine Aufwartung, musterte flüchtig das Kleid, brachte am Moiréfutter zwei, drei Korrekturen an, gab dann sein Plazet und schnalzte mit den Fingern diskret seine Assistentinnen aus dem Raum.
»Nicht einmal bei Pertegaz hätten Sie hübscher ausgesehen«, urteilte er selbstgefällig.
Bea nickte lächelnd.
Der Modemann, ein schlanker, affektierter Herr, der schlicht auf den Namen Evaristo hörte, küsste die Bernarda auf die Wange.
»Sie sind das beste Mannequin der Welt. Das geduldigste und leidensfähigste. Es war nicht ganz einfach, aber es hat sich gelohnt.«
»Und glauben der Herr, ich kann hier drin atmen?«
»Meine Beste, Sie heiraten im Schoß der heiligen Mutter Kirche ein iberisches Mannsbild. Mit Atmen ist sowieso Schluss, das kann ich Ihnen versichern. Bedenken Sie, dass ein Brautkleid wie ein Taucheranzug ist, nämlich nicht der ideale Ort zum Atmen — lustig wird’s dann, wenn es Ihnen ausgezogen wird.«
Angesichts der Frivolität des Modeschöpfers bekreuzigte sich die Bernarda.
»Und jetzt muss ich Sie darum bitten, mit größter Vorsicht aus dem Kleid zu schlüpfen — die Nähte sind noch lose, und mit all diesen Stecknadeln will ich Sie nachher nicht wie ein Sieb zum Altar gehen sehen«, sagte Evaristo.
»Ich helfe ihr«, sagte Bea.
Mit einem lockenden Blick machte Evaristo ein Ganzkörperröntgenbild von Bea.
»Und Sie, wann darf ich Sie aus- und ankleiden, Schätzchen?« fragte er, während er theatralisch hinter dem Vorhang abging.
»Dieser Halunke hat Sie ja vielleicht gemustert«, sagte die Bernarda. »Dabei heißt es, er sei vom anderen Ufer.«
»Ich habe den Eindruck, Evaristo bewegt sich an beiden Ufern, Bernarda.«
»Ist das möglich?«
»Komm, wir versuchen mal, dich hier rauszukriegen, ohne dass eine Stecknadel zu Boden fällt.«
Während sie die Bernarda aus ihrem Stoffgefängnis befreite, schimpfte diese leise vor sich hin. Seit sie erfahren hatte, was das Kleid kostete, das ihr Patron, Gustavo Barceló, unbedingt aus seiner Tasche bezahlen wollte, war sie ganz aufgeregt.
»Don Gustavo hätte nicht ein solches Vermögen ausgeben dürfen. Es musste ja unbedingt hier sein, das ist bestimmt der teuerste Ort von ganz Barcelona, und es musste dieser Evaristo sein, der ist ein halber Neffe von ihm oder was weiß ich, und der sagt, wenn der Stoff nicht von Gratacós ist, kriegt er eine Allergie. Was soll man dazu sagen.«
»Einem geschenkten Gaul… Außerdem macht es Don Gustavo einfach Freude, wenn du eine rauschende Hochzeit feierst. So ist er eben.«
»Zwei Flicken aufs Kleid meiner Mutter, und ich hätte auch darin heiraten können — Fermín ist es sowieso egal, immer wenn ich ihm ein neues Kleid zeige, will er es mir bloß ausziehen… Und das haben wir nun davon, Gott möge mir verzeihen.« Sie tätschelte sich den Bauch.
»Bernarda, auch ich war schwanger, als ich geheiratet habe, und ich glaube, Gott hat sich um viel wichtigere Dinge zu kümmern.«
»Das sagt mein Fermín auch, aber ich weiß nicht…«
»Hör du auf Fermín, und mach dir überhaupt keine Sorgen.«
Die Bernarda, die im Unterrock dastand und nach zwei Stunden auf hohen Absätzen und mit ausgestreckten Armen völlig erschöpft war, ließ sich ächzend in einen Sessel sinken.
»Ach, der Ärmste ist ja schon ganz unsichtbar, wo er so viele Kilos verloren hat. Das macht mir regelrecht Angst.«
»Du wirst schon sehen, wie er bald wieder zunimmt. Die Männer sind so, wie Geranien. Wenn man schon glaubt, man muss sie wegwerfen, blühen sie wieder auf.«
»Ich weiß nicht, Señora Bea, Fermín kommt mir sehr geknickt vor. Er sagt zwar schon, er will mich heiraten, aber manchmal habe ich meine Zweifel.«
»Aber er ist doch völlig verschossen in dich, Bernarda.«
Die Bernarda zuckte die Schultern.
»Schauen Sie, ich bin nicht so dumm, wie ich aussehe. Seit meinem dreizehnten Jahr habe ich nichts anderes getan als saubergemacht, und sicher gibt es vieles, was ich nicht verstehe, aber ich weiß, dass mein Fermín weitgereist ist und seine Liebeleien gehabt hat. Er erzählt mir ja nie aus seinem früheren Leben, bevor wir uns kennengelernt haben, aber ich weiß, dass er andere Frauen gehabt und überhaupt viel erlebt hat.«
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