»Und am Ende hat er unter allen dich ausgesucht. Da siehst du mal.«
»Er steht ja mehr auf Frauen als ein Bär auf Honig. Wenn wir spazieren oder tanzen gehen, fallen ihm immer fast die Augen aus dem Kopf, eines Tages fängt er mir noch an zu schielen.«
»Solange er seine Hände im Zaum hält… Ich weiß aus sehr guter Quelle, dass dir Fermín immer treu gewesen ist.«
»Ich weiß, ich weiß. Aber wissen Sie, was mir Angst macht, Señora Bea? Dass ich zu wenig bin für ihn. Wenn ich ihn so sehe, wie er mich verzückt anguckt und sagt, wir wollen zusammen alt werden und all die Schmeicheleien, die er von sich gibt, dann denke ich immer, eines Tages wacht er morgens auf, schaut mich an und sagt: Wo habe ich denn dieses Dummchen aufgegabelt?«
»Ich glaube, du täuschst dich, Bernarda. So etwas wird Fermín niemals denken. Er verehrt dich.«
»Das ist eben auch nicht gut, wissen Sie, ich habe so manchen jungen Herrn gesehen, der seine Señora verehrt hat wie eine Jungfrau und dann dem erstbesten Luder hinterhergerannt ist wie ein brünstiger Hund. Sie glauben nicht, wie oft ich das mit diesen Äuglein gesehen habe, die mir Gott geschenkt hat.«
»Aber Fermín ist nicht so, Bernarda. Fermín ist einer, der das Herz auf dem rechten Fleck hat. Davon gibt es nur wenige, Männer sind wie die Kastanien, die auf der Straße feilgehalten werden: Wenn man sie kauft, sind sie alle heiß und riechen gut, aber wenn man sie aus der Tüte zieht, werden sie sofort kalt, und die meisten erweisen sich als wurmstichig.«
»Damit meinen Sie aber nicht Señor Daniel, nicht wahr?«
Bea zögerte eine Sekunde.
»Nein, natürlich nicht.«
Die Bernarda schaute sie von der Seite an.
»Alles in Ordnung zu Hause, Señora Bea?«
Bea spielte mit einer Falte von Bernardas Unterrock, die über ihrer Schulter hervorschaute.
»Ja, Bernarda. Aber ich glaube, wir beide haben uns Männer ausgesucht, die ihre Eigenheiten und Geheimnisse haben.«
Die Bernarda nickte.
»Manchmal kommen sie mir vor wie Kinder.«
»Männer. Man muss ihnen Auslauf geben.«
»Aber mir gefallen sie«, sagte die Bernarda, »und ich weiß schon, was Sünde ist.«
Bea lachte.
»Und wie magst du sie? Wie Evaristo?«
»Nein, um Gottes willen. Der schaut sich so oft im Spiegel an, dass er ihn regelrecht abnutzt. Ein Mann, der länger braucht als ich, um sich herzurichten, da könnte ich die Wände hochgehen. Ich mag sie ein wenig ungeschliffen, wie soll ich sagen? Und ich weiß, mein Fermín ist nicht hübsch, was man so hübsch nennt. Aber für mich ist er hübsch und gut. Und sehr männlich. Und am Ende ist es das, was zählt, dass er gut ist und ein richtiger Mann. Und dass man sich in einer Winternacht an ihn anschmiegen kann und er einem die Kälte aus dem Körper zieht.«
Bea nickte lächelnd.
»Amen. Aber mir hat ein Vögelchen zugezwitschert, dass dir eigentlich Cary Grant gefällt.«
Die Bernarda errötete.
»Ihnen etwa nicht? Nicht zum Heiraten natürlich. Ich habe das Gefühl, der hat sich verliebt, als er sich das erste Mal im Spiegel sah, aber unter uns gesagt, und Gott möge mir verzeihen, von der Bettkante würde ich ihn nicht stoßen…«
»Was würde Fermín sagen, wenn er dich so hören könnte, Bernarda?«
»Was er immer sagt: ›Na ja, wir werden alle eine Beute der Würmer…‹«
Fünfter Teil
Der Name des Helden
Barcelona, 1958
Jahre später sollten die dreiundzwanzig zum Feiern vereinten Gäste Rückschau halten und sich an den historischen Abend vor dem Tag erinnern, an dem Fermín Romero de Torres einen Schlussstrich unter sein Junggesellendasein zog.
»Das ist das Ende einer Ära«, proklamierte Professor Alburquerque mit erhobenem Champagnerglas, und keiner von uns hätte treffender sagen können, was wir alle fühlten.
Fermíns Junggesellenabschied, dessen Auswirkungen auf den weiblichen Teil der Weltbevölkerung Don Gustavo Barceló mit dem Tod Rudolph Valentinos verglich, fand an einem klaren Februarabend des Jahres 1958 im großen Tanzsaal von La Paloma statt, dem Schauplatz von Fermíns infarktischen Tangos und weiteren Momenten, die nun Teil der Geheimakte einer langen Karriere im Dienste des Ewigweiblichen wurden.
Mein Vater, den wir für einmal aus dem Haus gebracht hatten, hatte das halbprofessionelle Tanzorchester La Habana del Baix Llobregat verpflichtet, das zu einem Schleuderpreis aufzuspielen bereit war und uns mit einem Potpourri aus Mambos, Guarachas und bäuerlichem Son Montuno erfreute, die den Bräutigam in die weit zurückliegenden Tage der Welt der Intrigen und des internationalen Glamours in den großen Kasinos des vergessenen Kubas zurücktrugen. Die Festgäste legten jede Befangenheit ab und stürzten sich auf die Tanzfläche, um zum höheren Ruhme Fermíns das Tanzbein zu schwingen.
Barceló hatte meinen Vater überzeugt, dass der Rum, den er ihm gläschenweise verabreichte, Selters mit zwei Tropfen Montserratwasser sei, und nach kurzem durften wir dem noch nie dagewesenen Schauspiel beiwohnen, meinen Vater engumschlungen mit einer der dienstbereiten Damen tanzen zu sehen, die die Rociíto, eigentliche Seele der Veranstaltung, mitgebracht hatte, um dem Ganzen Glanz zu verleihen.
»Heiliger Gott«, entfuhr es mir, als ich meinen Vater die Hüften schwenken und das Zusammentreffen mit dem Hintern dieser altgedienten Nachtarbeiterin auf den Taktbeginn synchronisieren sah.
Barceló verteilte unter den Gästen Zigarren und kleine Zettelchen, die er in einer Druckerei für Kommunions-, Tauf- und Bestattungsanzeigen in Auftrag gegeben hatte. Auf Büttenpapier sah man eine Karikatur Fermíns in Engelstracht und mit zum Gebet gefalteten Händen und die Legende:
Fermín Romero de Torres
19??–1958
Der große Verführer tritt ab
1958–19??
Der Paterfamilias ersteht
Zum ersten Mal seit langem war Fermín glücklich und heiter. Eine halbe Stunde vor Beginn des Rummels hatte ich ihn zu Can Lluís begleitet, wo uns Professor Alburquerque bezeugte, dass er am nämlichen Morgen auf dem Standesamt gewesen sei, bewaffnet mit dem ganzen Dossier von Dokumenten und Papieren, die Oswaldo Darío de Mortenssen und sein Gehilfe Luisito mit Meisterhand angefertigt hatten.
»Mein lieber Fermín«, verkündete der Professor, »ich heiße Sie offizell in der Welt der Lebenden willkommen und überreiche Ihnen, mit Don Daniel Sempere und den Freunden von Can Lluís als Zeugen, Ihren neuen, rechtmäßigen Personalausweis.«
Gerührt studierte Fermín die neuen Papiere.
»Wie haben Sie dieses Wunder zustande gebracht?«
»Den technischen Teil ersparen wir Ihnen lieber. Das Einzige, was zählt, ist, dass fast alles möglich ist, wenn man einen echten Freund hat, der bereit ist, alles aufs Spiel und Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, damit Sie vorschriftsmäßig heiraten und Kinder in die Welt setzen können, um die Dynastie Romero de Torres weiterzuführen, Fermín«, sprach der Professor.
Fermín schaute mich mit Tränen in den Augen an und umarmte mich so kräftig, dass ich zu ersticken glaubte. Es beschämt mich nicht, zu sagen, dass das einer der glücklichsten Momente meines Lebens war.
Nach anderthalb Stunden Musik, Trinken und dreistem Schwofen gestand ich mir eine Atempause zu und ging zur Theke, um etwas Alkoholfreies zu holen, da ich das Gefühl hatte, keinen weiteren Tropfen Rum mit Zitrone mehr hinunterzukriegen, offizieller Drink des Abends. Der Kellner schenkte mir ein Tafelwasser ein, und ich lehnte mich mit dem Rücken an die Theke und beobachtete das Treiben. Erst jetzt sah ich am anderen Ende des Tresens die Rociíto. Sie hielt ein Champagnerglas in den Händen und verfolgte mit melancholischem Ausdruck die Party, die sie auf die Beine gestellt hatte. Nach dem zu schließen, was mir Fermín erzählt hatte, musste sie kurz vor ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag stehen, aber fast zwanzig Jahre im Geschäft hatten zahlreiche Spuren hinterlassen, und selbst in diesem bunten Schummerlicht wirkte die Königin der Calle Escudellers älter.
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