Es ist nicht leicht, die Anfänge dieser Wahrnehmung plausibel darzustellen: Zum ersten Mal empfand ich auf dem Friedhof jenes phantastische Gefühl der Macht. Später ertappte ich mich, daß mich mitten auf der Straße eine leichte Euphorie überkam: Niemand kann mir ansehen, daß ich zwei Menschen auf dem Gewissen habe und noch weitere umbringen könnte, wenn ich nur wollte.
Im Autoradio hörte ich Lotte Lenya das Lied von der Seeräuberjenny singen: »Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen, und ich mache das Bett für jeden…«, Jenny hatte sich gerächt für alle Demütigungen. »Und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden…«, sang Lotte Lenya mit überzeugender Eindringlichkeit. Auch bei mir wußte niemand, mit wem er redete. Der Chef ahnte nicht, daß er einer Mörderin immer neue unangenehme Aufträge zuschob, Arbeiten, für die er im Grunde zu faul war. Wenn ich in meinem abgelegenen Bürozimmer saß und nach dem gemeinsamen Essen in der Kantine vor meinem geistigen Auge die fressenden und schwafelnden Kollegen Revue passieren ließ, dann rollte so mancher Kopf, und ich sagte bloß »hoppla!«
Macht über andere Menschen war fast besser als Liebe und im Grunde das Gegenteil davon. Wer liebt, ist machtlos, ohnmächtig und abhängig. Und doch wollte ich meine Verliebtheit noch nicht so ohne weiteres streichen, zu stark hatte sie in mein Leben eingegriffen, mir Jugendlichkeit, Schwung und Tatkraft verliehen, ein neues Körpergefühl und eine andere Selbsteinschätzung. Ich wollte weiterhin darum kämpfen, ich wollte noch einmal so einen heiterunbeschwerten Tag erleben wie damals auf unserer Wanderung durch den Odenwald.
Ich tat ein Gelübde, ich betete sogar, obgleich mir mein Glauben von einer unbarmherzig frommen Mutter frühzeitig ausgetrieben worden war. »Falls es dich gibt, Gott«, sagte ich, »dann schenk mir einmal im Leben das Glück der Liebe, das du anderen Menschen wahllos und reichlich in den Schoß wirfst. Ich habe dich nie um etwas gebeten. Jetzt ist es mir ernst. Wenn es dich geben sollte, dann mach, daß mich Witold liebt und wir uns kriegen. Wenn du aber ungerecht und hartherzig bist und dieses Gebet überhaupt nicht zur Kenntnis nimmst, dann werde ich in Zukunft keine Rücksichten mehr auf deine Gebote nehmen.«
Rosi, du willst den lieben Gott erpressen, dachte ich und mußte lachen.
Von Beates Kindern hörte ich nichts. Obgleich ich früher kaum je einen Gedanken an sie verschwendet hatte, beschäftigte mich jetzt ihr weiteres Schicksal. Ob man Beates Wohnung verkauft hatte? Ich entschloß mich eines Tages, ihre Nummer zu wählen. Der Sohn meldete sich, den ich am wenigsten kannte.
»Tag Richard«, sagte ich leise, »eigentlich wollte ich nur fragen, ob Beate irgendeinem Verein oder einer gemeinnützigen Organisation nahegestanden hat, für die ich eine Spende einzahlen könnte.«
Es entstand eine Pause, Richard grübelte.
»Du kannst ja was für Greenpeace überweisen«, schlug er vor.
»Ah ja? Ich wußte gar nicht, daß Beate sich dafür interessiert hat.«
»So direkt nicht«, wich er aus, »aber Greenpeace ist eine gute Sache, und meine Mutter war o.k.«
Ich fragte, wie es seinen Schwestern ginge.
»Der Opa war bis vor kurzem hier, er meinte, er müßte uns arme Kleinkinder versorgen, aber natürlich war es umgekehrt.
Lessi wohnt auch noch hier, ich nur manchmal. Vivian ist wieder in Frankfurt. Wie es uns geht — natürlich schlecht. So was verkraftet man nicht so fix.«
Ich fragte, ob Beates Wohnung verkauft würde. Vorläufig nicht, sagte er, ihre ganzen Sachen seien ja auch drin, das sei alles noch nicht geklärt.
»Unser Vater kümmert sich auf einmal um uns, wie er das die letzten zehn Jahre nie getan hat«, erzählte Richard mit mildem Vorwurf. Ich verabschiedete mich und versprach eine Spende für Greenpeace.
Immerhin hatte ich erfahren, daß Vivian wieder in Frankfurt wohnte, schließlich hatte das Semester auch begonnen.
Wahrscheinlich konnte sie sich mit Witold kaum täglich treffen, denn eine Stunde Fahrzeit hin und eine zurück waren an einem normalen Arbeitstag zu aufwendig. Oder machte das der Jugend nichts aus? Vivian hatte bisher kein Auto besessen, es war möglich, daß sie jetzt Beates Polo fuhr.
Ich rief Witold an. Er klang weinerlich. Gerade habe er eine starke Erkältung hinter sich, die jugoslawische Putzfrau überraschte ihn ständig mit fettem Essen, obgleich sie doch gar nicht kochen sollte, und in der Schule sei er mit wahnsinnig viel Arbeit eingedeckt. Demnächst gebe es Herbstferien, und eigentlich hätte er ein paar Tage mit Vivian verreisen wollen.
»Warum nur ›eigentlich‹?« fragte ich aufs äußerste interessiert.
»Manchmal denke ich schon«, seufzte der arme Witold, »daß ich ein alter Mann bin. Diese jungen Mädchen sind so sprunghaft. Wir hatten den schönen Plan, eine Woche im Elsaß zu wandern. Nun ruft sie plötzlich an, daß sie mit einer Freundin nach Amsterdam fährt, weil dort eine Party stattfindet! Ich bitte dich, Thyra, sie läßt mich wegen einer Party sitzen! Na ja, ›sitzenlassen‹ ist vielleicht etwas übertrieben ausgedrückt«, korrigierte er sich, »ich habe im Prinzip ja Verständnis für spontane Entschlüsse. Aber ich habe diese Wanderungen durch die Vogesen schon in allen Einzelheiten ausgearbeitet…« Mir gefielen seine enttäuschten Worte sehr, aber ich mußte höflicherweise mein Bedauern zum Ausdruck bringen. Immerhin bot sich die Gelegenheit, ihm ersatzweise einen herbstlichen Wandertag mit einem älteren Semester, wie ich scherzhaft sagte, anzubieten.
»Schade, daß du nicht Urlaub hast«, bedauerte Witold charmant, »ich überlege nämlich, ob ich diese gut ausgearbeitete Wanderung nicht mit einer Gruppe von Kollegen und Freunden…«, ich unterbrach ihn geistesgegenwärtig und behauptete, ich könne jederzeit Urlaub nehmen.
»Wirklich?« es kam gedehnt, »dann warte aber noch ab, Thyra, bevor du den Urlaub einreichst. Mir schwebt so eine Gemeinschaft von acht bis zehn Leuten vor, die ich alle noch nicht gefragt habe. Ich gebe dir Bescheid, sobald ich Näheres weiß!«
Begeistert war er nicht gerade gewesen, aber das konnte man auch nicht erwarten, wenn er die Wanderung jetzt nur aus Trotz machen wollte und es eigentlich eine Liebesreise mit Vivian hätte sein sollen.
Vivian! Ich führte ein innerliches Zwiegespräch mit ihr, wobei ich mich seltsamerweise in Beates Rolle versetzte.
»Ganz richtig, Vivian«, sagte ich zu ihr, »fahr nach Amsterdam! In deinem Alter ist es viel angemessener, mit Gleichaltrigen ausgelassen zu sein, als mit einem doppelt so alten Lehrer durch die Vogesen zu stapfen. Überhaupt, laß die Männer zappeln! Laß sie leiden! Wer weiß, wie du selbst noch an ihnen leiden mußt!«
Ich sah Vivians Schicksal vor mir: Sie war kein mütterlicher Typ, diese ausgeflippte Kunststudentin. Sie würde wahrscheinlich keine bürgerliche Heirat anstreben, keine Kinder haben. Sie würde eine alte Schachtel werden wie ich, wenn auch mit einer weit bewegteren Vergangenheit.
Auf einmal schien mir Vivian keine Gefahr mehr zu sein, ich wunderte mich, warum ich je mit dem Gedanken gespielt hatte, sie aus dem Weg zu schaffen.
Ohne auf Witolds Rückruf zu warten, trug ich dem Chef meine Urlaubswünsche vor: Nächste Woche wollte ich frei nehmen, um mit Freunden im Elsaß zu wandern.
»Geht nicht, Frau Hirte«, sagte er bestimmt, »da sind doch Herbstferien, und Herr Müller und Frau Flori sind dann im Urlaub. Außerdem wissen Sie doch selbst am besten, daß wir in der nächsten Woche mehrere Terminsachen fertig kriegen müssen. Im September habe ich Ihnen nahegelegt wegzufahren, da wollten Sie ja nicht. Sorry!«
Damit war die Sache für ihn abgetan, er nahm seine Arbeit wieder auf und erwartete meinen Abgang. Ich gehorchte aus Gewohnheit.
In meinem Zimmer überkam mich die Wut. Jahrelang hatte ich unentgeltlich und jederzeit Überstunden gemacht, hatte nie eigene Wünsche geäußert, hatte dem Alten stets den Rücken frei gehalten und ihn auf loyale Weise unterstützt. Ein einziges Mal wollte ich auch etwas — da wurde es natürlich versagt. Was sollte eigentlich sein fortlaufend liebedienerisches Geschwätz?
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