«Wie ich Ihren Personalakten entnehme, äh, haben Sie noch nie um eine Gehaltsaufbesserung ersucht. Gibt es dafür eine Erklärung?»
Max schaut verwirrt.
«Verstehen Sie mich nicht falsch, aber dies zeugt doch eher von mangelndem Ehrgeiz, äh, selbst wenn wir einem diesbezüglichen Gesuch höchstwahrscheinlich nicht hätten entsprechen können. Und wie mir zu Ohren gekommen ist, verstehen Sie sich leider nicht sehr gut mit ihrem neuen Kollegen. Wie gesagt, äh, wir schätzen Sie sehr, aber …»
Max lässt den Direktor nicht weiter zu Wort kommen. Nicht mit ihm, wenn er auspacke, dann … jahrelang wurde doppelte Buchhaltung geführt, doppelt in dem Sinn, dass gewisse Kontoblätter verschwanden, sobald die Rechnungsrevisoren am Firmenhorizont auftauchten, das heißt, sich brav anmeldeten, das Buschtelefon war nicht nötig. Es folgte eine kurze Phase hektischer Arbeit. Den Revisoren wurden falsche Kontoblätter vorgelegt, jawohl.
Der Direktor ist erst sprachlos, fängt sich aber schnell wieder, er wisse von nichts, seine Stimme wird energischer, und er droht Max mit Gericht und Gefängnis.
«Alpenparadies Dolce Vita», entgegnet Max mit einem grimmigen Lächeln.
Max Berger kommt an Marktständen vorbei. Die Straße führt in den ehemaligen Bauch von Paris. Äpfel, Birnen, Apfelsinen, sorgfältig aufeinandergeschichtet. Ein Händler preist seinen Blumenkohl an. Kopfsalat, Zwiebeln, Knoblauch … Auf Ständen und Karren. Stimmenknäuel der Händler, kehlig, nasal und schrill, mit Schlenkern und Bogen lobpreisend, fruchtige Koloraturen, Gemüsekonzert. Flache und dicke, große und kleine Fische liegen mit runden Augen auf Eis, Max kennt ihre Namen nicht, und die Schildchen zum Teil umgedreht, auf der Miniaturgletscherzunge ausgerutscht oder von einem Fische grapschenden Gummihandschuh umgeworfen. Lebende Krebse bewegen ihre Scheren, schneidern ahnungslos ihr unsichtbares Totenhemd. Und Max denkt, dass die sich tagaus tagein unaufhörlich bewegenden Münder der lieben Menschen ahnungslos ihren Sarg raspeln. Quatsch, die Krebse schneiden sich ihre Luftschlösser zurecht. Die Ahnung beschleicht ihn, dass es einerlei sei, letzten Endes dasselbe, und er wedelt mit der Hand, den Gedanken zu verscheuchen.
Eine Dame wühlt in Holzkisten, die neben einem Marktstand auf dem Boden liegen, schnappt sich zerquetschte Tomaten, angegilbte Petersilie. Sie trägt einen Pelzmantel. Max schüttelt den Kopf. Er bleibt vor einem Käsehändler stehen. Max läuft das Wasser im Mund zusammen. Doch wie er die Trauerränder, die schwarzen Fingernägel der jungen Verkäuferin sieht, fährt ihm ein Schauder über den Rücken, und er geht schleunigst weiter. Zwischen zwei Marktständen sitzt eine alte Frau stumm auf einem Stuhl. Sie trägt einen schwarzen Mantel, ein rotes Kopftuch, hält in der Hand eine kleine, blaue Plastiktüte, in die von Zeit zu Zeit jemand ein Geldstück wirft. Neben ihr liegt in einer Holzkiste ein Dackel, mit einem Klovorleger zugedeckt, nur die Schnauze schaut hervor.
Vielleicht würde er bald ebenfalls hier sitzen. Nein, er hat Beine. Er würde laufen. Zwar hat diese alte Bettlerin auch Beine. Wozu sie sie wohl bisher gebraucht hat, früher? Oder eben nicht, sich geweigert, sie zu gebrauchen. Wieso sitzt die noch hier? Oder hat man es gerade auf diejenigen abgesehen, die ein geregeltes Leben führten? Das ist doch nicht logisch. Freilich, wer nicht dazugehört, nie dazugehört hat und schon längst durch die Maschen gefallen ist, der bleibt auch jetzt nicht hängen. Aber zu wem hat er gehört?
Die Schnauze des Dackels zittert leicht.
Da ist er wieder! Dieser Mann, der gestern Nacht auf dem Bahnsteig der Metrostation auf ihn zukam. Kein Zweifel. Der Dreitagebart, die braune Lederjacke, die Schiebermütze, hinter der die Haare leicht gelockt hervor wuchern.
Max biegt schnell um die nächste Ecke.
Max kommt vorsichtig um die Ecke zurück zu den Marktständen. Er schaut sich nach allen Seiten um. Der Mann mit der Lederjacke ist nicht mehr zu sehen.
Der Duft von frischem Brot strömt aus einer Bäckerei. Max gerät ins Träumen. Der Duft erinnert ihn an seine Jugend, obwohl er den Zusammenhang nicht hätte erklären können.
Wozu sich unnötig Sorgen machen. Alpenparadies Dolce Vita … und was bitte noch alles! Der Direktor kann ihm den Buckel runter rutschen! Was gibt es herrlicheres als frisches Brot! Doch nach einem Tag ist es bereits alt. Es gibt zwar Menschen, die so etwas mögen. Er nicht. Er schrickt zusammen. Ein Feuerwehrleiterwagen fährt heulend vorüber, hält etwas weiter vorne an. Die Leute bleiben stehen, gaffen. Auch Max bleibt stehen. Die Leiter wird ausgefahren, gegen ein Dachfenster gestellt, ein Feuerwehrmann klettert hinauf. Die Leute fotografieren und filmen mit ihren Handys, reden erregt durcheinander, lange Hälse, kleine Kinder werden auf die Schultern gehoben.
Das ist es, was die Menschen interessiert, die wirklichen Probleme lassen sie kalt, werden ignoriert, ärgert sich Max und schnäuzt seine Nase. Ein Leben lang Gaffende. Bei denen ist es ein Leichtes, sie … Die merken nicht mal, dass es sie selbst betrifft, merken es erst, wenn es zu spät ist.
Eine Händlerin erzählt, man habe die Feuerwehr benachrichtigen müssen, weil die da oben unter dem Dach gedroht habe, aus dem Fenster hinunter auf die Marktstraße zu springen. Stellen Sie sich vor! Zut alors! Aber am Dachfenster ist keine Frau zu sehen, und Max ist sich nicht sicher, ob er richtig gehört hat. Inzwischen ist ein Kastenwagen der Polizei angerückt. Ein kleines Mädchen, das neben Max steht, fordert seine Maman mit quengelnder Stimme auf, endlich ein Foto zu schießen. Da diese nicht sofort reagiert, tritt das kleine Mädchen sie heftig gegen das Bein. Die Maman verzieht vor Schmerz das Gesicht, schimpft jedoch nicht etwa mit der Kleinen, sondern gehorcht und knipst jetzt mehrere Bilder.
Der Feuerwehrmann auf der Leiter schaut noch immer ins Zimmer. Nebenan öffnet sich das Fenster, ein Frauenkopf, eine Hand werden sichtbar, die Hand streut Erde auf die Menge, die mit entrüstetem Ausruf zur Seite weicht, worauf Hand und Kopf gleich wieder verschwinden, das Fenster geschlossen wird. Unten schwenken sie die Leiter hinüber, der Feuerwehrmann oben schlägt mit dem Beil die Scheibe ein, greift hinein, öffnet das Fenster und klettert ins Zimmer. Mehrere Polizisten stürmen in den Hauseingang.
Etwas später kommen sie mit einer jungen Frau aus dem Haus, steigen mit ihr in den Kastenwagen, der sofort von der Menge umringt wird. Zwei Flics treiben die Gaffer auf Distanz. Eine Frau klammert sich richtiggehend an die Gitterstäbe am Rückfenster des Kastenwagens, um besser hineinschauen zu können.
«Na also», sagt ein Mann mit einem beachtlichen Wanst zu Max und strahlt gemütlich, «es sind doch immer die Jungen, die Probleme bereiten.»
Dies tönt wie eine Aufmunterung an die Adresse von Max. Er tut, als habe er nichts gehört.
«Das ist doch kein übertriebener Tierschutz!»
Max dreht sich um. Mit wem spricht die junge Frau, die auf hohen Absätzen vorbei stöckelt?
«Wir fordern ja nur die gleichen Grundrechte für Primaten wie für Kleinkinder und Behinderte.»
Ach so, sie hat ein Handy ans Ohr geklemmt.
Polizei und Feuerwehr sind weggefahren, die Menge hat sich wieder auf dem Markt verteilt. Das normale Treiben, als wäre nichts geschehen. Und wäre er ein paar Augenblicke später gekommen, wüsste er von nichts, wäre nichts geschehen, wie bei tausenden von anderen Begebenheiten, mögen sie für den Einzelnen noch so bedeutsam sein.
«Also das wird mir langsam unheimlich», sagt ein Gemüsehändler und reicht einer Kundin eine Tüte mit Tomaten. «Vor gar nicht langer Zeit hat hier in dieser Straße eine Frau ihre zwei kleinen Kinder aus dem Fenster geworfen. Aber ich sag ja. Das hat man jetzt davon. Die Mutter dieser Frau … Und erst der Vater! Das ist doch eine Marktstraße! Macht zwei Euros. Die Petersilie schenke ich Ihnen, meine hübsche, kleine Dame.»
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