Ende der Woche hatte Herkommer mit Gaski noch einen äußerst erfolgreichen Einsatz, bei dem die ganze Nacht über nach einem verloren gegangenen kleinen Mädchen gesucht werden musste. Erst gegen Morgen schließlich war dank Gaskis besonderer Fähigkeiten als Fährtenhund das Kind schlafend am Ufer der Regnitz gefunden worden. Über hundert Polizisten sollen im Einsatz gewesen sein, und es war eine gespenstische Szene, als die alle im ersten Morgengrauen zu klatschen anfingen, ohne sonst einen Laut von sich zu geben, als schließlich auch Gaski, den bremsenden Herkommer hinter sich herziehend, im Hof des Polizeipräsidiums eintraf. Soviel Beachtung und Anerkennung hatte Ludwig in seinem ganzen Leben noch nicht gefunden. Sogar die berühmte NZ , die Nürnberger Zeitung , hatte am Tag darauf über diesen Einsatz und den glücklichen Ausgang ausführlich berichtet. Herkommer erhielt ein besonderes Lob durch einen Polizeidirektor, und Eugen Saller meinte, dass der ein ganz hohes Tier gleich unter dem Polizeipräsidenten sei, und erst unter Ludwig Herkommer habe Gaski seine volle Leistungsfähigkeit entfaltet, und man erwäge, die Hundestaffel doch wieder im alten Umfang aufleben zu lassen. Vor allem Eugen war erleichtert, es hätte wegen Herkommers irregulärer Anstellung ziemlich geknistert im Amt, er habe nur nichts gesagt, um ihn nicht zu beunruhigen, aber nun wolle man ihn als zivilen Hilfshundeführer, einen Posten, den es sonst gar nicht gebe, bis zur Genesung des eigentlichen Diensthundeführers stillschweigend weiterbeschäftigen.
„Ha“, lästerte Eugen, „das war eine Anstellung auf dem ‚geheimen Verwaltungsweg‘, wie man so etwas nennt. Ist ja nochmal gut gegangen. Das sollten wir feiern! Machst du mit? Ich lade dich ein, Ludwig, am Sonntag habe ich Geburtstag, und da machen wir zusammen einen Ausflug in den Veldensteiner Forst, das Bier dort erinnert mich an unser Elsässer Bier, und den Gaski nehmen wir mit!“
„Oh, ausgerechnet! Ich bin für Sonntag von meiner Zimmerwirtin zum Frühstück eingeladen“, winkte Herkommer ab.
Eugen pfiff durch die Zähne. „So, so“, meinte er nur, „aha.“
Und dann noch einmal: „Aha!“
„Ach Quatsch, Öschänn, was du wieder denkst! Vielleicht wenn sie zehn, fünfzehn Jahre jünger wäre. Madam hat einen solchen Hintern!“, wobei er mit den Händen eine beträchtliche Breite andeutete.
Es ist nicht schön, wie ich von Frau Bohner spreche, dachte Ludwig, aber Eugens frecher Verdacht musste sofort zerstört werden. Auch im Interesse des Rufes von Frau Bohner. Und wie zur Entschuldigung fügt er noch hinzu:
„Ich kann da unmöglich absagen, Eugen! Die Frau reißt sich ein Bein für mich aus und versorgt mich, wo sie nur kann.“
„Eben, eben, ich hab’s doch gleich gewusst. So fängt so etwas immer an.“ –
Am Sonntag dann, Herkommer hatte auf Eugen Sallers Empfehlung hin ein kleines Sträußchen mitgebracht, war anfangs auf beiden Seiten doch eine leise Befangenheit zu spüren, die Frau Bohner zwar mühelos überspielte, Ludwig aber Unbehagen bereitete. Ich wäre doch besser mit Eugen in den Veldensteiner Forst gefahren, dachte er. Aber dann kam das Gespräch unerwartet rasch in Gang, als Herkommer über Einzelheiten bei der Rettung des kleinen Mädchens Karla berichtete, die nicht in der Zeitung standen, und Frau Bohner von ihrer Fotoreise zur Via Mala erzählte, mit der sie vor ein paar Jahren ihren Ruf als unerschrockene Bildgestalterin durch eine Anzahl verwegener Einstellungen begründet hatte. Herkommer fesselten diese großformatigen Fotografien, die ihm Frau Bohner zeigte, vor allem auch die Porträts der Einheimischen, solche Fotos hatte er noch nie gesehen. Das hätte er Frau Bohner nicht zugetraut. Sie imponierte ihm sichtlich, und vielleicht würde er selbst eines Tages eine solche Reise unternehmen in dieses unerhörte Gebiet. Sie sah übrigens gar nicht so uneben aus, fand er, und der breite Hintern, das war gar nicht so schlimm, wie er bei Eugen getan hatte. Aber um die Augen herum hatte sie doch schon kleine Fältchen.
Frau Bohner bewunderte aber auch Ludwig Herkommer. Wie er es denn schaffe, mit Gaski ohne Leine durch die Stadt zu gehen, von hier zu seinem Büro und von dort zum Polizeipräsidium oder sonst wohin, und immer sei der Hund ganz dicht neben ihm.
„Und ich neben ihm! Das ist es nämlich, wir sind Partner, kann man sagen, nicht Herr und Knecht, sondern Chef und engster Mitarbeiter mit dem gleichen Ziel, drum brauche ich in den meisten Fällen gar keine Leine. Natürlich ist im Dienst für bestimmte Situationen die Leine zwingend vorgeschrieben und auch notwendig, aber Gaski ist trotzdem nicht mein Sklave. Gleich nachdem wir uns kennengelernt hatten, hat er plötzlich und ganz unvermittelt seinen Hals an meinen Oberschenkel gepresst, aber da hat er sich nicht mir unterworfen, sondern mich eingeladen ‚Komm, wir arbeiten zusammen!‘ Der Gaski hat schneller noch als ich gesehen, dass wir beide ein selten gutes Paar abgeben würden.“
Herkommer wollte noch weiter erzählen, aber Gaski, der immerhin schon bald zwei Stunden still dagelegen war, wurde zunehmend unruhig, vielleicht, weil er gemerkt hatte, dass man über ihn sprach? Ludwig schimpfte mit ihm, aber in einem milden Ton: „Willst du denn tatsächlich schon gehen? Ich wäre so gern noch ein bisschen bei Frau Bohner geblieben.“
Und es war nicht einmal gelogen.
„Du bist mir vielleicht ein ungeduldiger Kerl!“
Gaski schaute Herkommer kurz an, dann senkte er den Blick und drehte den Kopf ein wenig, und es sah aus, als ob er verlegen zur Seite blicken würde. Frau Bohner war entzückt. –
„Na, wie war’s?“, wollte Eugen am Montagmorgen von Herkommer wissen, wobei ihn für einen Augenblick ein Anflug von Eifersucht befiel. Der winkte ab, aber so zweideutig, dass Eugen nicht erkennen konnte, ob das sonntägliche Frühstück ein Reinfall war oder ob Herkommer sich nur nicht äußern wollte.
„Geduld, Ludwig, Geduld, das wird schon werden“, schob Eugen betont beruhigend und für beide Fälle gleichermaßen passend noch nach.
„Jetzt lass mich doch in Ruh’, Eugen! Dem Öschähn seine Fantasie geht mal wieder mit ihm durch!“
Ein paar Minuten später klopfte es an der Tür, und zur Überraschung beider trat eine sportlich gekleidete Dame in die Dienststube – Frau Bohner. Sie wolle Ludwig nur diese interessante Hundepfeife, die er ihr gestern erklärt hätte und dann liegen gelassen habe, geschwind vorbeibringen, und da habe sie gleich noch ein Brötchen mit Salamiwurst für ihn dazugepackt. Herkommer dankte, etwas verwirrt, aber Eugen war so perplex, dass er erst wieder Worte fand, als sie mit fröhlichem Winken schon wieder verschwunden war.
„Mensch! Die ist ja vollkommen verschossen in dich, vollkommen! Ich sehe so etwas! Das sehe ich sofort! Es wäre das erste Mal, dass ich mich da täusche!“
Und obwohl Eugen zu diesen Worten nicht sein gerissenes Gesicht aufgesetzt hatte, sondern aufrichtig und fast treuherzig dreinblickte, ärgerte sich Herkommer über seine Zudringlichkeit, aber gleichzeitig fühlte er sich auch geschmeichelt – wer weiß, vielleicht hat er ja sogar recht. Er mochte nicht darüber nachdenken; was für ihn jetzt viel wichtiger war, war das Training mit Gaski. –
Durch das ständige Beisammensein mit dem Hund, der, wenn er nicht schlief, überall und ständig alles beschnüffelte, achtete Herkommer allmählich auch selbst immer mehr auf seine eigenen Geruchseindrücke, so bescheiden diese im Vergleich zu den Geruchserlebnissen von Gaski auch sein mochten, und so neigte er auch viel mehr als früher dazu, an Dingen, die ihn umgaben, zu schnuppern. So stieg ihm ein paar Tage später nach dem Duschen abends ein seltsam zarter Duft in die Nase, der ihn sofort in merkwürdige Unruhe versetzte. Er schnupperte suchend, und im nächsten Augenblick, fast zufällig, hatte seine Nase den Kragen des Bademantels von Frau Bohner entdeckt, der an der Tür hing. Ja, das war der Ursprung, er presste sein Gesicht in das Frotté und sog mit geschlossenen Augen mehrmals langsam und tief die Luft ein, und es war dennoch viel zu wenig, was er davon aufnehmen konnte.
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