Sie rief sich zur Ordnung, als sie das dachte. Das geht doch nicht, Frau Bohner (so redete sie sich in ihren Selbstgesprächen an, die sie häufig führte, denn sie war schon lange allein), wie sich das anhört! Dieser junge Mann könnte fast dein Sohn sein! –
Auch als Herkommer gegen Abend mit Gaski und seinem bescheidenen Gepäck, in der Hauptsache einem Rucksack, anrückte, klappte alles wie vorgesehen. Gaski musste geahnt haben, worauf es ankam, und dass jetzt alles von seinem Verhalten abhing, und er zeigte sich von seiner besten Seite, Frau Bohner schmolz dahin. In geschäftlichen Dingen allerdings unerfahren, sah sie nur noch eine Schwierigkeit: Im vorgedruckten Mietvertrag stand, dass der vereinbarte Mietzins zum Monatsbeginn, spätestens am dritten Werktag eines jeden Monats zu entrichten sei, und wenn er nun mitten im Monat einziehe, müsse er die restliche Miete für diesen Monat womöglich sogleich bezahlen – oder nicht? –, und sie sei sich gar nicht sicher, ob es überhaupt erlaubt sei, von diesem gedruckten offiziellen Mietvertrag einfach abzuweichen, sonst könnte er natürlich gern erst am Monatsende zahlen. Herkommer gab offen zu, dass er wahrscheinlich erst morgen von seiner neuen Dienststelle Geld bekomme, mindestens würde er morgen erfahren, wann das sein wird. Frau Bohner schien erleichtert, dass sich da ein Ausweg andeutete.
Von Eugen Saller erfuhr er am nächsten Tag, dass bei der Behörde Gehälter oder sonstige Bezüge erst am Monatsende ausbezahlt würden, lediglich Beamte und Beamtenanwärter bekämen ihr Gehalt im Voraus, nämlich schon zum Beginn eines jeden Monats. Aber, so fuhr er fort, als er Herkommers besorgtes Gesicht sah:
„Ich werde dir aushelfen. Hier hast du 20 Mark bis Monatsende.“
„Soviel brauche ich doch gar nicht. Danke, danke. Die Miete macht doch bloß zwölf Mark im Monat.“
„Nee nee, lass mal, Ludwig, das geht schon. Ich habe mit der Personalabteilung gesprochen, die Sache klappt. Das rechnen die über Sondereinsätze ab, sonst wären wir ja auch bös aufgeschmissen hier. Die wissen im Moment nur noch nicht, was genau herauskommt, aber schon vor Monatsende etwas auszuzahlen, das ginge nicht. Ich kenne diesen Zeitgenossen dort, ein ausgesprochener Ärmelschoner, aber zuverlässig ist er schon. Ich habe ihm gesagt, er brauche sich nicht überschlagen, ich würde dir mit ein paar Mark aushelfen. Weißt du, was er da gesagt hat? ‚Du bist total verrückt geworden, Saller! Du wirst dein Leben lang immer nur ausgenützt werden.‘ Aber meine Mutter hat immer gesagt, Öschänn, es ist tausendmal besser, ausgenützt zu werden als selber der Ausnützer zu sein. Und bei dir, Ludwig, habe ich überhaupt keine Angst.“
„Ist ‚Öschänn‘ elsässisch?“, fragte Herkommer.
„Ja. Ich bin noch gar nicht so lange hier. Drüben gab es für mich wenig Chancen, ich war auch noch furchtbar schüchtern. Ich bin dann bei so einem paramilitärischen Haufen in den Vogesen gelandet als der Jüngste von allen. Ich weiß heute noch nicht so recht, wofür die genau waren und wogegen. Wenn’s kein Geld gab, gab’s kein Geld, c’est tout ; und wenn’s Geld gab, hattest du auch keines, denn dann hast du erst mal die Schulden an deine Copains zurückzahlen müssen. Dann lieber bei einer richtigen Organisation sein, so wie hier. Ich bin in Nürnberg ohne weiteres als Deutscher anerkannt worden, weil ich vor dem Krieg geboren bin, 1911 in Niedermorschwihr – das ist ein Nest hinter Colmar, schon in den Bergen gelegen –, da war das Elsass noch deutsch, und drum haben sie mich sogar auf der Polizeischule genommen, als Beamtenanwärter. Wenn es auch für mich anfangs arg hart war, hier ist ja alles anders!“
Als Ludwig Herkommer am Abend die Treppen zu seinem neuen Zuhause hinaufstürmte, mit Gaski im Gefolge, da freute er sich, dass er Frau Bohner nun doch nicht zu vertrösten brauchte, sondern ihr die Miete gleich würde bezahlen können. Er traf sie aber nicht an. In seinem Zimmer hatte sie frische Handtücher über den Ständer neben der Kommode gehängt und außerdem noch einen ganzen Stapel in die Schublade getan. Im Eck neben dem Ofen lag, offenbar für Gaski gedacht, eine Drittelmatratze, über die sie einen alten Militärmantel gezogen hatte. Gaski verstand schneller noch als Ludwig.
Als dann Frau Bohner nach Hause kam, hatte Herkommer, weil er am nächsten Morgen früh aufstehen musste, schon kein Licht mehr an. Sie warf einen frohen Blick auf seine Tür, so wie man auf ein schlafendes Kind blickt, und verschwand so leise wie möglich im Badezimmer. Ludwig, der erst wenige Minuten vorher zu Bett gegangen war, war noch wach und verfolgte alle Geräusche; wahrscheinlich, nahm er an, schlief Gaski auch noch nicht und hatte seine Ohren aufgestellt und sogar seinen Kopf gehoben. Unter dem Eindruck der Geräusche musste Ludwig sich erst klarmachen, dass er nicht in eine fremde Wohnung eingedrungenen war, sondern dass das hier jetzt sein Revier, sein eigenes Revier war, jedenfalls bis zur Zimmertür. Das war ein tröstlicher Gedanke. Wahrscheinlich steht sie jetzt im Bad nackig vor dem Spiegel, dachte er noch, dann schlief er ein. –
Ludwig Herkommer und Gaski hatten oft tagelang keinen Einsatz.
„Ihr beide seid nicht da, um ständig im Einsatz zu sein“, sagte Eugen Saller, wenn Ludwig sich beklagte, „sondern ihr seid da, um ständig zur Verfügung zu stehen, verstanden?“
Und da Herkommer nicht in Eugens Amtsstube herumsitzen wollte, arbeitete er mit Gaski fast jeden Tag, oft viele Stunden lang.
„Aber bittschön, nur hier in der Nähe“, ermahnte ihn Eugen, „damit ich euch nicht lange suchen muss, wenn ihr plötzlich gerufen werdet!“
Herkommer hatte in Eugens endlosen Unterlagen eine gut bebilderte Dienstvorschrift für das Training von Polizeihunden ausfindig gemacht, mit der aber noch kein Mensch gearbeitet hatte, denn er musste erst mühsam die Seiten mit dem Messer aufschneiden. Obwohl er seinerzeit die gesamte ‚kynologische Bibliothek‘, wie Dr. Strauss seine einschlägige Hundeliteratur scherzhaft nannte, durchgeackert hatte, fand sich in der Dienstvorschrift doch so manches, was Herkommer bis dahin noch nicht gekannt und Gaski noch nicht gekonnt hatte. So trainierten Herkommer und Gaski unermüdlich, und auch der gelehrige Gaski, der immer besser wurde, schien an Herkommers Umtriebigkeit Gefallen zu finden, obwohl er hart herangenommen wurde.
Abends kam Ludwig meistens erst spät nach Hause, wusch sich und fiel todmüde ins Bett. Und obwohl Frau Bohner zeitig aufstand, war er am Morgen, kaum dass sie in die Küche trat, schon wieder im Aufbruch. Ein kurzes ‚Guten Morgen, Frau Bohner!‘, vielleicht auch noch ein ‚Und vielen Dank für den Kuchen, den sie mir hingestellt haben!‘ und schon war er, von Gaski fast lautlos begleitet, wieder verschwunden, nur Gaskis Krallen hörte man noch auf den hölzernen Stufen im Treppenhaus. Sie war betrübt, dass sie Herkommer so wenig sah. Zu gern hätte sie sich mehr um ihn gekümmert, er ist ja noch so jung, so gern hätte sie ihm etwas Gutes getan, aber sie wusste nicht, was ihm fehlte oder fehlen könnte – vielleicht ein Pullover? Da kam sie auf die Idee, ihn für nächsten Sonntag zum Frühstück einzuladen, zu einem schönen Frühstück – sonntags hat er sicherlich Zeit. Ich muss natürlich achtgeben, dass ich nicht aufdringlich wirke. Die jungen Leute haben da wieder ganz andere Vorstellungen heute. Obwohl, so alt bin ich auch noch nicht. Aber vielleicht geht es ihm um nichts anderes als um ein möbliertes Zimmer, und im Übrigen will er so weit wie möglich in Ruhe gelassen werden. Auf der anderen Seite ist er doch immer so freundlich zu mir. Wenn ich nur daran denke, wie ausführlich er mir seinen Hund vorgeführt hat.
Bis Sonntag waren es noch fünf Tage, und Frau Bohner hoffte, dass sie dann schon den richtigen Ton finden würde. Sie hatte eben so gar keine Erfahrungen, wie man sich in solchen Situationen richtig verhält, man konnte ruhig sagen – das war es nämlich –, wie man mit Männern richtig umgeht, auch mit so ganz jungen. Als sie geheiratet hat, war sie fast noch ein Backfisch gewesen, ihr guter Mann hatte sie fast immer väterlich umsorgt und ihr alles abgenommen. Nach dem Krieg, inzwischen zu einer sportlich-eleganten Frau geworden, hatte sie sich dann ganz auf das Alleinsein eingestellt und sich nur noch ihrer Fotografie gewidmet. Zudringliche Redakteure oder Grafiker, mit denen sie zu tun hatte, konnte sie mit Freundlichkeit und überlegenem Lachen bequem auf Distanz halten. Aber das war jetzt eine ganz andere Aufgabe. –
Читать дальше