Ludwig stand an diesem Abend noch zweimal auf, um in das Badezimmer hinüberzugehen und sich dieses Duftes, der ihn nicht mehr losließ, zu vergewissern.
Am nächsten Morgen zögerte er beim Frühstück in der Küche seinen Aufbruch noch ein wenig hinaus, um Frau Bohner, die schon zugange war, vielleicht noch zu begegnen, was er bisher eher vermieden hatte. Er wollte sie einfach noch einmal sehen, und als sie kam, fühlte er ein kaum niederzuhaltendes Verlangen, statt wie gestern Abend nur am Kragen ihres Bademantels nun an ihrem Nacken zu riechen.
Frau Bohner spürte die Veränderung in Ludwig und dass er sie plötzlich mit anderen Augen ansah; und als er, einer spontanen Eingebung folgend, sie fragte, ob er sie heute zu einem Abendessen einladen dürfe, da erschrak sie und rief viel zu schnell ‚Nein!‘ und war über die Schroffheit ihrer Absage selbst überrascht, die durch ein paar gestammelte Hinderungsgründe auch nicht geschmeidiger wurde und die sie, als sich Herkommer mit einem freundlichen ‚Dann aber demnächst mal, ja?‘ verabschiedet hatte, schon wieder bereute.
Drei Wochen später hatte Herkommer noch einen weiteren spektakulären Erfolg, bei dem es der Polizei nach einer zweitägigen Verfolgung mit Gaskis Hilfe gelungen war, einen schon lange gesuchten Gewalttäter gleich hinter Fischbach im Wald zu stellen, was Gaski erneut einen öffentlichen Auftritt verschaffte und diesmal in fast der ganzen süddeutschen Presse. Das war das letzte große Abenteuer. Wenige Tage danach erschien Gaskis alter Diensthundeführer, der Horlacher Karl, grinsend und ächzend wieder im Dienst. Gaski wusste nach einer zwar nicht unfreundlichen, aber auch nicht übermäßig begeisterten Begrüßung sofort, was das für ihn zu bedeuten hatte. Während Eugen und Horlacher ausführlich über alles Wichtige, was inzwischen so vorgefallen war, sprachen, hielt sich Gaski ganz nah bei Herkommer auf, als ob er Schutz bei ihm suche. „Der hat fei überhaupt keine Ausbildung als Hundeführer“, hörte er den Horlacher Karl sagen.
Herkommer wusste, dass er Gaski nicht helfen konnte. Es war ja abzusehen gewesen, dass irgendwann Gaskis richtiger Hundeführer wieder auftauchen würde, und jetzt war es soweit. Ausdrücklich hatte es in seinem Dienstvertrag geheißen, dass er nur für die Dauer der Abwesenheit des Diensthundeführers zur ‚Versorgung und Pflege des Diensthundes Nr. PH1103ST‘ – was nichts anderes bedeutete als Gaski – aushilfsweise und befristet angestellt sei. Vom Trainieren des Hundes oder gar von scharfen Einsätzen – über die immerhin sogar die Zeitungen berichtet haben, dachte Herkommer nicht ohne Stolz – war keine Rede. Wahrscheinlich musste da ja ein bisschen vertuscht werden, vermutete Herkommer, dass die Polizei die Verbrecher durch eine Aushilfe jagen ließ.
„Ich habe keine Ahnung, wie es bei mir jetzt weitergeht“, sagte er später zu Eugen, nachdem der Horlacher Karl mit Gaski abgezogen war.
„Aber ich, Ludwig!“, lachte Eugen, „da siehst du, wie ich Tag und Nacht für dich sorge! Aber im Ernst: In Bayreuth bei der Bahn suchen die dringend Heizer, das könnte ein Posten für dich auf Dauer werden. Das habe ich zufällig heute früh am Telefon im Zusammenhang mit einer ganz anderen Sache, einem Unfall, erfahren. Man muss eben nur die richtigen Leute im richtigen Augenblick anrufen!“
Er gab Herkommer einen Zettel mit einer Adresse.
„Dort ist die Bayreuther Personalleitstelle, Oberfränkische Eisenbahngesellschaft oder so ähnlich heißen die. Da fährst du so bald wie möglich hin und stellst dich vor!“ –
Die Bahnfahrt, in der 4. Klasse, war für Herkommer weniger eine Fahrt hin nach Bayreuth, in eine verheißungsvolle Zukunft, als eine betrübliche Fahrt weg von Nürnberg, heraus aus einer Erfolgsgeschichte, die ihm zu Hause keiner zutrauen würde, am wenigsten sein Vater. Den gutmütigen Eugen Saller, der sicherlich auch weiterhin sein Schutzpatron bliebe, würde er entbehren können; auch auf Frau Bohner, die ihn ja immer nur betun will, würde er verzichten können, genauso wie auf die paar anderen Leute, die er in Nürnberg kennen gelernt hatte. Aber ohne den Gaski zu sein, das konnte er sich einfach nicht vorstellen. Und wahrscheinlich würde die Trennung für Gaski noch viel schwerer sein. –
11_Ludwigs Eisenbahnerkarriere
In Bayreuth erfuhr Herkommer als Erstes, wenn auch nur beiläufig, dass auch bei einer Privatbahn die Bediensteten Beamte seien. Einer von diesen, nämlich der für das Personal und damit auch für die Einstellungen zuständige, ein etwas gravitätischer Herr in Kleidung und Barttracht der Vorkriegszeit, erwartete ihn bereits und empfing ihn sichtlich gutgelaunt:
„Ah, der Herr Herkommer! Bitte, nehmen Sie doch Platz! Es liegt bereits eine äußerst wohlwollende Empfehlung aus der Nürnberger Polizeidirektion vor und dazu noch eine Beurteilung, auf die Sie stolz sein können!“
Da muss Eugen, der alte Strippenzieher, dahinterstecken, dachte Herkommer nicht ohne Dankbarkeit, wie hätten die da oben in Nürnberg sonst wissen können, dass ich mich bei der Oberfränkischen Eisenbahngesellschaft bewerben werde.
„Sagen Sie, warum haben Sie Ihre Stelle bei der Nürnberger Polizei aufgegeben?“
„Das war von vornherein nur als eine zeitlich befristete Aushilfstätigkeit gedacht, es war eine Art Krankheitsvertretung für knapp zwei Monate.“
„Umso bemerkenswerter das Zeugnis, das man für Sie unaufgefordert abgegeben hat!“, brummelte er in seinen Zierbart und fuhr sogleich in überaus offiziellem Tone fort: „Bei der zu besetzenden Position handelt es sich um die Stelle eines Hilfsheizers in Ausbildung .“
„Ich muss da erst eine Ausbildung durchlaufen?“, fragte Herkommer überrascht.
„Oh ja, aber das geschieht während ihrer Einsätze, daher das Wort ‚Hilfsheizer‘; erst später werden sie zum Heizer ernannt, übrigens bei uns als einer Privatbahn – unter der Voraussetzung eines entsprechenden Einsatzes und eines guten Lernfortschritts – schon wesentlich früher als bei der Deutschen Reichsbahn. Ich nehme an, Sie haben von diesem Beruf noch nicht die richtige Vorstellung. Lokheizer ist eine recht schwierige und sehr verantwortungsvolle Tätigkeit! Kohleschaufeln ist dabei das allerwenigste. Es kommt auf das richtige Disponieren an und vor allem auf die ständige gewissenhafte Kontrolle der Betriebsdaten und natürlich auch auf die vorschriftsmäßige Wartung und Pflege des Geräts. Hier habe ich eine Dienstvorschrift für Sie, da können Sie mal reinschauen, aber das wird Ihnen der ausbildende Lokführer, dem Sie zugeteilt werden, alles noch genau erläutern. Ich pflege zu sagen: Auch der beste Lokomotivführer ist nur so gut wie sein Heizer!“
Nach Erledigung von allerlei Formalitäten erfuhr Herkommer, dass er bereits am kommenden Montag anfangen könne, spätestens bis dahin müsste er die noch fehlenden Papiere vorlegen. Herkommer war ebenso überrascht wie erfreut, aber er war auch nüchtern genug in seinem Urteil, um zu erkennen, dass das knapp werden könnte. Denn es war ja in seinen Unterlagen noch das Geburtsjahr unauffällig abzuändern, sonst würden sie ihn gleich wieder als zu jung nach Hause schicken, und eine solche Korrektur geht nicht von jetzt auf gleich. Im Übrigen wurde ihm empfohlen, sein Zimmer in Nürnberg zunächst ruhig beizubehalten. An allen Endpunkten des Streckennetzes habe man für das Personal ordentliche Schlafstellen in den Bahnhöfen oder in allernächster Nähe eingerichtet. Es sei überhaupt besser, sich für einen möglichst dichten Einsatzplan einteilen zu lassen und abends am Zielort Feierabend zu machen, ohne eine umständliche Heimfahrt, um in der Früh mit einem zeitigen Zug gleich wieder den Dienst aufzunehmen. Dann komme nämlich am Schluss viel mehr zusammenhängende Freizeit heraus, und auch da sei ja dann sein Zimmer in Nürnberg von Nutzen.
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