Dolmetscher. (prustet vor Lachen)
CELINE
Ein Schwuler wird aus ihm werden, wenn er jeden Abend in dem italienischen Café verbringt. Die werden uns noch ins Unglück stürzen, diese Italiener.
CLAUDIA
Wenn sie hier auch weiter stationiert werden, werden sie auch Dolmetscher brauchen. Das ist vielleicht gar nicht schlecht für ihn. Vielleicht will er kein Arzt werden. Ist er auch jetzt dort? In dem Café?
CELINE
Wo denn sonst. Das ist es eben, dass man hier als junger Mensch gar keine Wahl hat, wo man hingeht. Es gibt nur das eine Café. Und dort hocken die Italiener Tag und Nacht. Weil sie nichts zu tun haben, und weil ein Italiener, auch wenn er nur ein Soldat ist, immer noch mehr Geld hat als unsereins, der arbeitet. Ich als Lehrerin kann mir nicht leisten, in das Café zu gehen und Eis zu essen. Und Roberto mag so gerne Eis. Und ich habe ihm auch jedes Mal, wenn ich in die Stadt einkaufen gefahren bin, eine Fünfhundert-Gramm-Packung Milcheis mitgebracht. Das mochte er immer am liebsten: Einfaches Milcheis aus der örtlichen Herstellung mit selbsteingekochten Kirschen. Die Eiswurst hat er mit einem Filzstift in sieben Scheiben aufgeteilt und über die Woche verteilt gegessen. Ich erzähle Ihnen das als eine Selbstverständlichkeit, aber vielleicht haben Sie so eine Eiswurst noch nie gesehen. Ich glaube, sie werden nur bei uns hergestellt. (holt aus dem Kühlschrank eine „Eiswurst“) Hier, sehen Sie, sieht wie eine dicke Wurst aus.
CLAUDIA
Und was steht drauf geschrieben?
CELINE
Milcheis. In unserer Sprache.
CLAUDIA
Wie klingt das?
CELINE
Pieniški ledai.
CLAUDIA
Pieniški ledai?
CELINE
Ja, genau so. Pieniški ledai. Sie können das sehr gut aussprechen.
CLAUDIA
Pieniški ledai.
CELINE
Sagen Sie es ihm, wenn er kommt. Vielleicht wird er das wieder essen. Er mag Milcheis. Es kann sich doch nicht einfach so von heute auf morgen sein Geschmack verändert haben. Das Eis liegt schon seit Wochen unberührt. Ich kaufe gar kein Fleisch mehr. Wo soll ich das lagern, wenn das ganze Kühlfach mit Eiswürsten zugefüllt ist. Sagen Sie es ihm. Ich werde nicht aufhören, ihm das Milcheis aus der Stadt mitzubringen, auch wenn der ganze Kühlschrank damit zugefüllt wird. Dann kaufe ich einen neuen Kühlschrank. Ich nehme den von Oma Franzi, sie macht ihn eh nie an, sie spart Strom. Aber gehen Sie abends an dem Exerzierplatz vorbei, dort brennt alle fünf Meter eine Lampe. Die ganze Ortschaft ist im Dunkeln, nur der Exerzierplatz steht voller Lichter. Und so was zieht die jungen Leute von hier an. Das sind doch alles Kinder, die außer dieser Ortschaft noch nichts im Leben gesehen haben. Das zieht die an. Diese Lichter. Was wissen die schon. Die Soldaten sind für diese Kinder reiche Leute. Nur weil sie sich leisten können, Eis im Café zu essen. Und dann wollen die unseren auch kein Milcheis aus dem Supermarkt mehr essen. Obwohl das das gleiche Eis ist, was sie auch in dem Café an die Italiener verkaufen. Nur mit Schokolade oder Nüssen drauf, anstatt Kirschen. Sagen Sie es ihm, wenn er kommt.
CLAUDIA
Was soll ich ihm sagen?
CELINE
Einfach so wie Sie es vorhin gesagt haben: Pieniški ledai.
CLAUDIA
Pieniški ledai?
CELINE
Pieniški ledai.
CLAUDIA
Pieniški ledai.
CELINE
Pieniški ledai.
CLAUDIA
Pieniški ledai.
CELINE
Pieniški ledai.
CLAUDIA
Wissen Sie, wonach Sie riechen? Nach Zitrusfrüchten.
CELINE
Nach Zitrusfrüchten?
CLAUDIA
Und nach Zimt.
CELINE
Warum nach Zimt?
CLAUDIA
Ich weiß es nicht, Sie riechen einfach so. Nach Zitrusfrüchten gemischt mit Zimt.
CELINE
Aber da ist gar kein Zimt drin in dem Parfüm. Jedenfalls steht es nicht auf der Packung drauf.
CLAUDIA
Es riecht aber danach.
CELINE
Wieso schreiben sie es nicht drauf?
CLAUDIA
Sind Sie allergisch gegen Zimt?
CELINE
Nein, ich meine nur, wo sie doch sonst jeden Mist draufschreiben: „Die Tüte bitte nicht über den Kopf ziehen“. Das lädt doch geradezu ein, sich die Tüte über den Kopf zu ziehen, wenn es schon so ausdrücklich verboten ist. Gelangt die Tüte in die Hände eines Kindes und es liest den Hinweis, natürlich zieht es sich die Tüte über den Kopf, um einfach zu sehen, was daran so schlecht ist, wenn man sich die Tüte über den Kopf zieht. Ich will nicht zu weit mit meinen Ausführungen gehen, aber jetzt ziehen sich alle Tüten über den Kopf.
(Claudia prustet vor Lachen.)
Fast alle. Sie lachen wieder, aber – Es ist nicht zum Lachen. Manche von denen sind schon tot. Und dann stehst du als Mutter am Grab deines Kindes, nur weil es sich die Tüte über den Kopf gezogen hat.
CLAUDIA
Tut mir Leid. (versucht das Lachen zu unterdrücken)
CELINE
Das ist alles nur aus Langeweile. Aus Langeweile kann man sich was weiß ich was alles einfallen lassen. Und die schnüffeln alle aus Langeweile. Beschmieren die Plastiktüten von innen mit Klebstoff, ziehen sie sich über den Kopf und schnüffeln. Roberto schnüffelt nicht, aber man wird schon paranoid als Mutter. Neulich habe ich Spuren von getrocknetem Klebstoff auf der Tischdecke entdeckt, wie eine Wahnsinnige bin ich von einem Kiosk zum anderen gerannt und habe überall gefragt, ob Roberto Klebstoff gekauft hätte. In jedem Kiosk kannst du jetzt Alkohol, Zigaretten und Klebstoff kaufen. Tag und Nacht. Sogar auf Kredit. Und dann stehen die Jungs von den Kiosks vor dem Schuleingang mit den Namenslisten derer, die zu lang ihren Klebstoffkredit nicht bezahlt haben. So nennen sie das auch: Klebstoffkredit. Und wenn er innerhalb von drei Tagen nicht bezahlt wird –
CLAUDIA
Was hat Roberto mit dem Klebstoff gemacht? Die Tischdecke repariert? Der kleine Bastler.
CELINE
Er ist nicht klein. Er ist zwei Köpfe größer als ich.
CLAUDIA
Stellen Sie sich vor den Spiegel!
CELINE
Warum?
CLAUDIA
(stellt sich vor den Spiegel) Kommen Sie her!
Celine stellt sich vor den Spiegel.
CLAUDIA
So!
CELINE
Ich mag mich nicht im Spiegel anschauen.
CLAUDIA
Ziehen Sie die Schuhe aus!
CELINE
Was haben Sie vor?
CLAUDIA
Ziehen Sie die Schuhe aus und stellen Sie sich gerade hin! (zieht ihre Schuhe auch aus und stellt sich gerade hin)
Celine stellt sich in Strumpfhosen neben Claudia hin.
CLAUDIA
Ist er wirklich nur zwei Köpfe größer als Sie?
CELINE
Er ist Zweitgrößter in seiner Klasse. Das sehe ich, wenn sie Sportunterricht haben. Ich glaube, er ist sogar der Größte, aber der andere Junge hat so komische Sportschuhe an, mit so hohen Absätzen. Ich staune nur, dass er sich nicht beim Laufen das Bein bricht. Oder beim Springen. Oder bei den ganzen anderen Übungen, die sie da machen müssen. Hatten Sie auch Sportunterricht in der Schule?
CLAUDIA
Ich habe den Sportunterricht gehasst.
CELINE
Ich auch. Das schlimmste war der Hürdenlauf.
CLAUDIA
Und das Bockspringen. Ich habe immer Angst gehabt, dass ich bei dem Bocksprung entjungfert werde.
CELINE
Haben Sie auch diese Angst gehabt?
CLAUDIA
Hat Oma Franzi auch Angst gehabt, wenn sie die Beine zu weit auseinander spreizt, reißt ihr Jungfernhäutchen ein?
CELINE
Ich habe davor panische Angst gehabt. Beim Hürdenlauf. Oma Franzi hat mir vor jedem Sportunterricht gesagt: „Komm mir nicht mit blutig aufgerissenen Knien nach Hause!“ Und ich habe schreckliche Angst gehabt, entjungfert nach Hause zu kommen.
CLAUDIA
Kannten Sie Oma Franzi, als Sie noch zur Schule gingen?
CELINE
(widerwillig) Eigentlich ist sie meine Mutter. (hastig) Welcher Mann auf dieser Welt wird mir glauben, dass ich meine Jungfräulichkeit mit einer Hürde verloren habe.
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