CELINE
Ich hole das Foto.
CLAUDIA
Lassen Sie das mit dem Foto, hängen sie es nicht zurück, wenn sie es schon einmal abgehängt haben.
CELINE
Aber das ist doch was völlig anderes –
CLAUDIA
Die kleinen Fotos hinter der Klarsichtfolie, die man seit zwanzig Jahren mit sich rumträgt, nimmt man genauso wenig wahr wie auch ein Porträtfoto, das zwanzig Jahre an der Wand in der Wohnküche hängt.
CELINE
Um genauer zu sein, seit achtzehn Jahren. Vor achtzehn Jahren habe ich das Foto an dieser Stelle aufgehängt, seitdem habe ich Robertos Vater nicht mehr gesehen.
CLAUDIA
Für einen selbst ist es völlig egal, ob das Foto an der Wand hängt oder nicht, weil man es nicht wahrnimmt. Schon nach einem Jahr, nach einem Monat, nach einer Woche nimmt man es nicht mehr wahr. Man hängt das Foto an die Wand oder man steckt es hinter die Klarsichtfolie, damit die anderen das sehen. Man hofft, dass die anderen sich dafür interessieren werden. Aber die anderen interessieren sich nicht dafür, weil sie die eigenen Ehemänner, Katzen und Enkelkinder hinter die Klarsichtfolie ihres Portemonnaies gesteckt haben und sie genauso seit zwanzig Jahren nicht mehr wahrnehmen. Man ist im Grunde sowieso immer allein. Ob meine Mutter mich im Personalausweis-Foto-Format mit einem freien Ohr hinter der Klarsichtfolie ihres Portemonnaies mit sich rumträgt oder nicht: Was macht das für mich für einen Unterschied? Was bringt mir das, dass der nächste Kunde, der in der Schlange eines Supermarktes hinter meiner Mutter steht, mein freies Ohr sieht? Ich stehe hier sowieso mutterseelenallein!
CELINE
Leiden Sie unter Depressionen?
CLAUDIA
Ich glaube, ich bin einfach müde.
CELINE
Sie sollten sich untersuchen lassen, ich meine, solch plötzlicher Stimmungswechsel könnte ein Anzeichen für psychische Dysregulation sein.
CLAUDIA
Sind Sie Medizinerin?
CELINE
Nein, seit der Vater von Roberto weggefahren ist, leide ich an akuter psychischer Dysregulation.
CLAUDIA
Seit achtzehn Jahren?
CELINE
(stolz) Seit achtzehn Jahren akut.
CLAUDIA
Wau! Ich glaube nicht, dass ich an akuter psychischer Dysregulation leide.
CELINE
Der plötzliche Stimmungswechsel deutet aber darauf hin.
CLAUDIA
Ich bin einfach müde, die Reise war ziemlich anstrengend.
CELINE
Es geht doch schnell mit dem Zug. Vielleicht leiden Sie an einer latenten psychischen Dysregulation?
CLAUDIA
Ich bin nicht mit dem Zug gekommen, ich bin geflogen.
CELINE
Dann können Sie nicht müde sein. Ich habe gelesen, dass bei Ihnen immer mehr junge Leute unter Depressionen leiden. Und dass sich das Alter der Betroffenen immer weiter nach unten verschiebt. Die werden immer jünger, die jungen Leute, die unter Depressionen leiden.
CLAUDIA
Ich falle bestimmt nicht in die Zielgruppe der Studie, von der Sie gelesen haben, ich bin viel zu alt dafür und außerdem leide ich an nichts.
CELINE
Jeder Mensch leidet an etwas. So was gibt es nicht, dass man an nichts leidet, das glaube ich Ihnen nicht. Auch wenn das nur Männerlosigkeit ist, unter der man leidet, man leidet trotzdem darunter.
CLAUDIA
Bitte was?
CELINE
Das ist das Leiden von Oma Franzi: Männerlosigkeit. Die lateinische Bezeichnung für diese Krankheit kann ich Ihnen leider nicht sagen, die kenne ich nicht. Wenn man an dieser Krankheit leidet, leidet man daran, dass man keinen Mann hat. Klarer kann ich es nicht mehr sagen. Man ist halt männerlos, so wie andere kinderlos sind.
CLAUDIA
Das ist mir schon klar, danke.
CELINE
Warum sagten Sie, dass Sie nicht in die Zielgruppe der Studie fallen, weil Sie zu alt sind?
CLAUDIA
Weil ich zu alt bin.
CELINE
Ich weiß nicht, ob ich mir das erlauben darf, aber ich würde Sie auf Anfang zwanzig schätzen und die Studie umfasste Jugendliche zwischen sechszehn und fünfundzwanzig.
CLAUDIA
Ich werde öfter auf viel jünger geschätzt, als ich in Wirklichkeit bin.
CELINE
Freuen Sie sich nicht darüber?
CLAUDIA
Warum sollte ich mich darüber freuen, dass ich auf Anfang zwanzig geschätzt werde, wenn ich in Wirklichkeit dreißig bin. Wozu habe ich die Jahre gelebt, wenn man sie mir nicht ansieht.
CELINE
Für die innere Reife.
CLAUDIA
Innerlich würde ich mich auf sechzehn schätzen. Das Problem ist, dass ich mich mit jedem Jahr, das dazukommt, immer jünger fühle. Heute fühle ich mich viel jünger als ich mich vor zehn Jahren gefühlt habe.
CELINE
Vielleicht sollten Sie sich doch ärztlich untersuchen lassen. Ich meine es ernst.
CLAUDIA
Meine Diagnose lautet: Alterslosigkeit oder wie? (Pause) Vor zehn Jahren wäre ich nicht auf die Idee gekommen, hierher zu fahren, ich hätte es für unvernünftig gehalten. Jetzt sitze ich in Ihrer Wohnküche.
CELINE
Ich kann Ihnen gerne das Gästezimmer zeigen, aber das hier ist der wärmste Raum in dem ganzen Haus. Finden Sie es hier nicht gemütlich?
CLAUDIA
Doch, doch. Die Luft ist nur ein wenig muffelig.
CELINE
(schnuppert) Man kann hier nicht lüften, die Fenster sind zugenagelt. Oma Franzi hat Angst vor Einbrechern. Ich könnte aber ein wenig Lufterfrischer in den Raum sprühen.
CLAUDIA
Nein, bitte nicht. Die Luft stört mich überhaupt nicht, was ich sagen wollte, dass ich es für eine verrückte Idee von mir halte, hierher zu kommen. Das merke ich erst, wo ich hier, in Ihrer Wohnküche sitze. Nicht, dass ich es hier nicht gemütlich finde, das überhaupt nicht, das wollte ich auch nicht sagen, nur jetzt, wo der ganze Reisestress vorbei ist, merke ich besonders deutlich, dass es verrückt von mir war, so eine Reise zu unternehmen.
CELINE
Das alte Lied: Man fährt nach Spanien, nach Italien, aber um hierher zu kommen muss man ein Verrückter sein.
CLAUDIA
Das muss man wirklich, glaube ich.
CELINE
Und was muss man sein, um hier zu leben? Ein völliger Idiot?
CLAUDIA
Reicht es nicht, dass man hier geboren ist?
CELINE
Und dann ist man automatisch ein Idiot? Das wollten Sie damit sagen.
CLAUDIA
Man ist ein Einheimischer. Das ist etwas völlig anderes als –
CELINE
Als was?
CLAUDIA
Als wenn man nur als –
CELINE
Ach, lassen Sie es!
CLAUDIA
Als wenn man nur als Tourist hierher kommt.
CELINE
Das ist es genau: Alle Touristen sind Menschen und wir sind alles Idioten hier.
CLAUDIA
So habe ich es nicht gemeint.
CELINE
Das ist meine Meinung. Das Schlimmste ist, die meisten merken nicht einmal, dass sie Idioten sind. Was glauben Sie, warum ich mich in einen Italiener verliebt habe? Es sieht scheußlich aus.
(Claudia schaut auf sich runter.)
Die Stelle, an der das Foto gehangen hat, sieht scheußlich aus. Ein hellerer Fleck ist an der Wand geblieben. Den sieht man ganz deutlich. Sehen Sie?
CLAUDIA
Also, scheußlich ist das nicht. Man sieht, dass etwas abgehängt wurde, was jahrelang an der Stelle gehangen hat.
CELINE
Ich glaube, ich hänge das Foto zurück, solange Roberto nicht gesehen hat, dass ich es abgehängt habe.
CLAUDIA
Es sieht überhaupt nicht scheußlich aus. Die Wandfarbe wird sich mit der Zeit ausgleichen.
CELINE
Warten Sie, ich – Ich hole es.
CLAUDIA
Wo ist er jetzt?
CELINE
Roberto?
CLAUDIA
Der Mann von dem Foto, der ist doch nicht tot.
CELINE
Er ist zurück nach Italien.
CLAUDIA
Hat er Sie allein mit dem Kind sitzen lassen?
CELINE
Ich hole es. (ab)
Claudia schaut sich in der Wohnküche um, entdeckt einen Spiegel, stellt sich vor ihn, betrachtet sich einen Moment lang im Spiegel, geht zum Koffer, versucht ihn zu öffnen, der Verschluss klemmt.
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