»Passiert das, wenn ich mich nicht an die Regeln halte? Du scheuerst mir eine?«
»Nein.« Lacroix vergräbt seine Hand in Averys kurzem Haar und zieht seinen Kopf zurück. »Das passiert.« Mit diesen Worten schiebt Lacroix seinen Schwanz in Averys Mund. Zu tief, er muss sofort würgen. Er kann nicht atmen und Lacroix hört nicht auf. Er macht einfach weiter und fickt seinen Mund härter –
Avery kommt, bevor er die kleine Fantasie zu Ende spinnen kann. Als er schließlich wieder zu Atem kommt, kann er sich nicht entscheiden, ob er erleichtert oder enttäuscht sein soll, weil er nicht mehr herausfinden konnte, auf was er sonst noch gekommen wäre.
Kein Wortspiel beabsichtigt.
Er liegt lange so da, spürt, wie sich sein rasender Herzschlag beruhigt, und starrt an die dunkle Decke seines Schlafzimmers. Er sagt sich, dass viele Leute Fantasien von Menschen haben, mit denen sie niemals schlafen würden. Das passiert ständig. Und okay, vielleicht liegt das meistens daran, dass es sich um Promis oder so handelt. Aber hey, das hier muss doch auch dazu zählen, oder?
Eine Stimme versucht ihm einzureden, dass es das ganz und gar nicht tut. Aber Avery hat dieser Stimme lange genug Gehör geschenkt, denn sie hat ihn gerade dazu gebracht, zu kommen, während er sich vorgestellt hat, wie sein Chef ihn herumschubst und ihm seinen Schwanz in den Mund steckt.
»Halt die Klappe«, sagt Avery laut, als würde das etwas helfen. Er erhält keine weiteren hilfreichen Vorschläge seines Unterbewusstseins. Jedes Mal, wenn er daran denkt, wie Lacroix ihn auf die Knie drückt und ihm ins Gesicht schlägt, zwingt er sich, sich jemand – irgendjemand – anderen vorzustellen. Wenn er schon verdammt heißen Fantasiesex hat, dann wird er sich jemand viel besseren als Malin Lacroix aussuchen.
Wie Don Draper. Oder diese heiße Frau, die manchmal mit ihm im Aufzug steht – eine Rothaarige, die winzige Shorts trägt und ein liebenswertes Lächeln hat. Definitiv keinen humorlosen Franzosen mit kalten Augen und einer Stimme, die klingt, als hätte er sich gerade einen Eiswürfel hinten in sein Hemd gesteckt.
Definitiv... nicht.
Ich: hey everett wolltest du schon mal mit deinem chef schlafen?
Everett: was?
Ich: ja also wolltest du mit ihm vögeln?
Everett: nein?
Ich: warte mal, magst du ihn überhaupt
Everett: klar, er ist ok. ist allerdings 68 oder so
Ich: na schön. wolltest du schon mal mit jemandem schlafen, den du nicht leiden kannst?
Everett: zum beispiel mit einem republikaner?
Ich: ja egal, einfach jemand, den du nicht ausstehen kannst
Everett: wer will denn leute ficken, die er nicht mag? nicht mal du bist so schräg haha
Blake Everett ist der am wenigsten hilfreiche Freund in der Geschichte der Menschheit. Himmel, verdammt.
All die Lügen, die Avery sich selbst erzählt hat, fangen an, sich wie ein Kartenhaus, das von einem Tornado erfasst worden ist, in ihre Einzelteile zu zerlegen. Oder wie seine Lieblingseishockeymannschaft in den Play-offs. Es ist sehr dramatisch und passiert alles innerhalb viel zu kurzer Zeit. Als es vorbei ist, hat er das Bedürfnis, sich ins Koma zu saufen.
Die erste Ernüchterung ereilt ihn um halb zehn Uhr vormittags in dem schlichten, stylischen Pausenraum.
Avery macht sich gerade einen Kaffee, als Brandon auf ihn zukommt, ein wenig nervös dreinblickt und sich den Nacken reibt. Er wirkt durch den Wind und verlegen wie eine Figur aus einer Sitcom. »Hey, Avery, kann ich kurz mit dir reden?«
Dass im Hintergrund kein Gelächter vom Band abgespielt wird, wenn Brandon redet, ist eine Enttäuschung. Avery zuckt mit den Schultern und lehnt sich gegen die Arbeitsplatte. »Klar, was gibt's?«
Brandon sieht sich um und senkt die Stimme. Was dämlich ist. Es ist eh niemand in der Nähe, der ihn hören könnte. »Vielleicht… vielleicht nicht hier? Wir könnten mittagessen gehen oder so.«
»Du führst mich zum Lunch aus. Ich fühle mich geschmeichelt, Thomas.« Avery grinst hinter seiner Kaffeetasse und seine Worte besitzen eine Schärfe, die er nicht ganz ernst meint. Er nippt an seinem Kaffee und ermahnt sich, es nicht zu übertreiben. »Geht klar. Wir treffen uns an den Aufzügen.«
Brandon nickt, strafft die Schultern und sagt: »Wir müssen irgendwo hingehen, wo es etwas Gesundes gibt. Ich trainiere für einen Halbmarathon.«
Natürlich tut er das. »Ja. Klar. Ich trainiere für einen Dreiviertelmarathon, also muss ich ein Viertel gesünder essen als du.«
Brandon neigt den Kopf wie ein neugieriger Cockerspaniel. »Du… was?«
Avery seufzt. »Ein Witz, Thomas.«
»Stimmt die Rechnung überhaupt? Ich glaube nicht.«
»Ein Witz«, sagt Avery, aber er lächelt leicht. Der Goldjunge hat ja vielleicht doch einen Sinn für Humor. Wenn es um Brüche geht. Aber das ist zumindest ein Anfang.
Sie essen in einem Restaurant zu Mittag, das ein paar Blocks entfernt ist, und es ist warm genug, dass sie draußen sitzen können. Brandon bestellt etwas ekelhaft Gesundes, sieht dabei allerdings ein wenig unglücklich aus, was Avery eine gewisse Befriedigung verschafft. Natürlich reden sie über die Arbeit, bis Brandon seine beste General-Patton-Nachahmung auspackt und mit tonloser Stimme sagt: »Sieh mal, ich werde mich nicht bei dir entschuldigen, weil Lacroix mein Entwurf für das Byrne-Projekt gefallen hat. Ich bin Architekt und hier, um meine Arbeit zu erledigen. Also würde ich es zu schätzen wissen, wenn du aufhören würdest, mich die ganze Zeit so finster anzustarren.«
Avery starrt ihn an, ein Stück seiner Designerpizza – mit Ziegenkäse und einer besonderen Kruste, all das für siebzehn Dollar fünfzig, wobei man noch nicht mal einen Salat dazu bekommt – auf halbem Weg zu seinem Mund. Durch die metaphorische Landschaft seines Verstandes fegt ein unheilvoller Windhauch. Wie üblich zieht Averys Verstand sich eine imaginäre Windjacke an und ignoriert ihn vollständig.
»Warum sollte ich wollen, dass du dich entschuldigst? Es ist nicht deine Schuld, Mann. Es ist nur, dass mein Entwurf spitze war und Lacroix ein Arschloch ist.«
Brandon schenkt Avery sein nervtötend ehrliches Lächeln. »Die Solartreppe in deinem Vorschlag hat mir echt gut gefallen.«
»Danke«, sagt Avery und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. »Schön, dass sie jemand zu schätzen weiß.«
Brandon legt sein in Salat gewickeltes… Ding… auf seinem Teller ab und sieht es so voller Hass an, dass Avery seine Pizza zu ihm hinüberschiebt. Brandon nimmt sich ein Stück, ganz offensichtlich dankbar. »Es ist schon komisch, dass du mit Lacroix zusammenarbeiten musst. Ich meine, dein Stil ist ausgefallen und das kann man von ihm nicht behaupten. Aber ich bin mir sicher, dass es frustrierend ist, so oft abgewiesen zu werden.«
»Ja, Thomas. Das ist es wirklich.« Avery sieht ihn ernst an. »Danke, dass du mich daran erinnerst.«
Brandon erwidert den Blick ganz genauso. »Gern geschehen. Wenn dir jetzt schlecht geworden ist, esse ich deine Pizza.« Er lächelt gewinnend.
Avery schätzt, dass er wohl von Anfang an falschgelegen hat, was Brandon betrifft, und das ist erfrischend. Allerdings ist es mit seinem typisch amerikanischen, guten Aussehen und der bemerkenswert perfekten Frisur ein bisschen so, als säße man mit einem Disney-Prinzen beim Mittagessen. Avery nickt in Richtung des Tellers. »Tu dir keinen Zwang an. Du kannst dein Salatteil mitnehmen und es an die Vögel verfüttern, die dir offensichtlich folgen. Die singen bestimmt auch nette Lieder.« Er beginnt zu pfeifen, aber unerklärlicherweise verwandelt sich das »Zip-A-Di-Du-Da« in einen Song von Alice in Chains. Ups.
»Du bist echt komisch.« Brandon nimmt ein weiteres Stück Pizza. »Also hörst du auf, mich böse anzustarren? Manchmal habe ich das Gefühl, dass du während der Teambesprechungen ausgeklügelte Foltermaschinen in deine Notizen kritzelst.«
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